Wenn Berliner hassen lernen

Berliner Islamisten

Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September warnen Sicherheitsbehörden vor immer mehr gewaltbereiten Islamisten in Berlin. Deren Einfluss ist gewachsen – ihre Mission gilt vor allem jungen Muslimen und Konvertiten.

Für Marco ist es der zweite Ramadan. Der 32-Jährige kommt jeden Abend zum Beten und Fastenbrechen nach Wedding in die As-Sahaba-Moschee, einen kahlen Raum mit rotem Teppich. „Rette dich vor dem Höllenfeuer und lies, solange du noch Zeit hast“ steht an einem Bücherregal in der Ecke. Marco nimmt die Lektüreempfehlung ernst. „Ich habe früher nie verstanden, was es mit Jesus und der Dreifaltigkeit auf sich haben soll, hier ist alles viel klarer“, sagt er. „Allerdings habe ich einige Zeit gebraucht, Steinigungen zu akzeptieren.“ Inzwischen wisse er aber: So grausam sie als Strafe auch ist, sei sie doch effektiv, um Frauen vom Sündigen abzuhalten. Marco hat den Namen Isa angenommen, so heißt Jesus im Koran. Fünfmal täglich beten, den Fastenmonat einhalten und klare Verhaltensregeln befolgen – das gebe seinem Leben den Halt und die Struktur, die ihm als Marco immer gefehlt hätten. „Früher war ich zu 70 Prozent Christ, heute bin ich zu 100 Prozent Muslim.“

Der Berliner Verfassungsschutz widmet der As-Sahaba-Moschee viel Aufmerksamkeit. In ihrem Jahresbericht warnt die Behörde, dass die Aktivitäten radikaler Islamisten in Berlin „deutlich zugenommen“ hätten. Zehn Jahre sind seit den Anschlägen vom 11. September vergangen. Und neben Terrorismus, Dschihadismus und Islamismus taucht eine Vokabel immer häufiger auf: der Salafismus.

Der Weg zu einem der Autoren des Verfassungsschutzberichtes führt in den fünften Stock des wuchtigen Alten Stadthauses in der Klosterstraße, den Ausweis kassiert der Pförtner, der Zugang ist nur über eine Sicherheitsschleuse möglich. Der Islamwissenschaftler muss nicht lange suchen, schon hat er einige Grafiken zur Hand, mit denen er den Salafismus verortet: Hier der Islam, die Weltreligion. Dort der Islamismus, die politische Ideologie. Der Salafismus ist ein Teil von ihr. Eine Strömung, deren Anhänger sich für die frühe muslimische Gesellschaft begeistern. Die sich für die Zukunft die Vergangenheit wünschen: Die gleiche Gesellschaftsform, das gleiche Rechtssystem, die gleiche Vorherrschaft des Glaubens wie in Arabien vor 1.400 Jahren. „Salafisten sind nicht nur für eine strenge Auslegung der Scharia, sie verurteilen unser Parteiensystem auch als Vielgötterei“ sagt der Verfassungsschützer. Salafisten lassen die Islamisten von Hisbollah und Hamas beinahe gemäßigt erscheinen, ihre Ideologie weist zahlreiche Überschneidungen mit den Terroristen von Al-Qaida auf. Selbstmordattentäter gelten ihnen als aktive, deren muslimische Kollateralopfer als passive Märtyrer. Auch nicht-salafistische Muslime sind für sie vielfach „Ungläubige“.

Die Moschee überträgt live ins Internet

Die reine Hinwendung zum Islam ist für den Staat nicht bedenklich – das Grundgesetz garantiert schließlich Glaubenfreiheit. Problematisch wird es allerdings, wenn unerfahrene junge Menschen auf Abwege geraten, das gilt besonders für orientierungslose Konvertiten. „Konvertiten, die Positionen des politischen und des dschihadistischen Salafismus vertreten, sind nicht allein zum Islam konvertiert, sondern auch zum Islamismus – auch wenn dies einigen nicht bewusst zu sein scheint“, sagt der Mann vom Verfassungsschutz.

Jedes Jahr treten in Deutschland etwa 4.000 Menschen zum Islam über, ein Prozent von ihnen gilt als anfällig für Radikalisierung. Den Weg in den Dschihad ebnen salafistische Prediger, die nichts von der Vielfalt der Koranauslegungen erzählen, die verschweigen, dass die Alternative zum salafistischen Glaubensverständnis ein friedliebender und integrativer Islam ist.

Einer dieser Prediger war Salem El-Rafei. In einem Schreiben des Generalbundesanwalts aus dem Jahr 2007 heißt es, dass das gegen ihn anhängige Ermittlungsverfahren wegen versuchter Gründung einer terroristischen Vereinigung „mangels hinreichenden Tatverdachts“ eingestellt werde. Zuvor hatten die Ermittler über Monate hinweg sein Telefon abgehört – vergeblich. Noch vor dem Ende  des Verfahrens entledigten sich die Behörden des Libanesen: Nach einem Auslandsaufenthalt wurde ihm die Einreise nach Deutschland verweigert. Geblieben ist das knappe Schreiben des Generalbundesanwalts. Es hängt am Eingang der Neuköllner Al-Nur-Moschee, der einstigen Schaffensstätte El-Rafeis. Ihre Verbindungen zu salafistischen Strömungen hat sie nicht gekappt, im aktuellen Verfassungsschutzbericht wird sie mehrfach erwähnt.

So archaisch die Geisteshaltung der Salafisten auch sein mag, so zeitgemäß ist die von ihnen forcierte Da’wa, wörtlich heißt das „Einladung“, tatsächlich steht Da’wa für die Missionierung anderer Muslime und Nichtmuslime. Lektionen über den „wahren“ Islam werden auf YouTube hochgeladen und wer nicht vor Ort ist, kann den Islamunterricht live aus der Al-Nur-Moschee im Internet verfolgen. Bei Facebook sammeln sich die Nutzer um die Größen der Szene, in Blogs werben sie für ihr Weltbild.
Offline ist der Verein „Islam… was steckt dahinter?“ in Berlin aktiv, mit Infoständen gehen Mitglieder in Fußgängerzonen in die Offensive. Im Internetvideo eines Nutzers namens „Libanonkrieger“ preist Ehrenmitglied Abdul Adhim sein Glaubensverständnis an einem Infostand in Steglitz mit schnell wechselnder Mimik, wilder Gestik, nur das Lächeln bleibt. Er krümmt und windet sich während seines Vortrages – mit Erfolg: Einem Passanten nimmt er kurzerhand das Glaubensbekenntnis ab und bereichert die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, um ein neues Mitglied. Abdul Adhim ist Prediger an der Al-Nur-Moschee und, so steht es im Verfassungsschutzbericht, Salafist.
Wie schnell sich Gläubige radikalisieren können, zeigt die Verwandlung von Denis Mamadou C. Als Deso Dogg dichtete der Berliner vor einigen Jahren: „Ich bin ein mieser Gangster auf den Straßen gewesen, heute bin ich ein OG und ich treibe mein Wesen im Rapgeschäft.“ Mit dem OG, dem „Original Gangsta“, konnten sich vor allem junge Berliner mit Migrationshintergrund identifizieren, er rappte über seine Herkunft, sein Verhältnis zur Gesellschaft, sein Leben in Kreuzberg. Irgendwann trat er in Videos gemeinsam mit salafistischen Predigern auf, lud zu Islam-Seminaren und besang den Märtyrertod. Ende vergangenen Jahres gab Deso Dogg das Ende seiner Karriere als Rapper bekannt und nahm den Namen Abou Maleeq an. Seit Juli kursiert im Internet ein Lied, mit dem er den im Mai getöteten Al-Qaida-Führer Osama bin Laden preist: „Scheich Osama, der schönste Märtyrer dieser Zeit / Du bist ein Stern und unendlich weit.“ Und im selben Lied heißt es: „Bis zum Ende dieser Welt führt unsere Pflicht uns zum Dschihad.“

Bei Salafisten wie Abu Maleeq alias Deso Dogg ist sich auch Götz Nordbruch sicher: „Da muss etwas unternommen werden.“ Der 37-Jährige ist kein Freund einseitiger Sicherheitsdebatten, die Arbeit des Verfassungsschutzes sieht er mit gemischten Gefühlen. Nordbruch arbeitet für den Berliner Verein Ufuq.de, der Lehrer, Wissenschaftler und Sozialarbeiter über muslimische Jugendkulturen aufklärt. Nordbruch bekämpft Ängste, anstatt sie zu schüren. Doch die Radikalisierung von Deso Dogg hat ihn erschrocken. Nordbruch befürchtet, dass er Vorbild bleibt: „Vielleicht geht keine unmittelbare Gefahr von Deso Dogg persönlich aus, seine Lieder aber könnten für Jugendliche Anlass sein, zu handeln.“ Seit Monaten bedienen sich Salafisten seiner Anziehungskraft, indem sie ihn für ihren Werbefeldzug einspannen. Das erregt Aufmerksamkeit, die Nordbruch zufolge nicht annähernd der tatsächlichen Bedeutung salafistischer Ideologien in Berlins muslimischer Gemeinschaft entspricht.
Deso Dogg besucht auch öfter die Al-Nur-Moschee, der 24-jährige Salim ist ihm schon einige Male hier begegnet. Salim muss am Nachmittag noch in einem Bistro arbeiten, bis dahin will er hier noch freiwillig staubsaugen, „für Allah“, sagt er. Deso Dogg findet er „anständig“, teilt mit ihm Jugenderfahrungen: Beide sind von Geburt an Muslime, strauchelten in der Schule und rutschten irgendwann in die Kleinkriminalität ab, geprägt vom Gefühl, nicht „dabei zu sein“, wie Salim sagt. Er sei schließlich am Ende gewesen, „auf der Straße glaubte ich, dass mich alle anstarren.“ Ein Freund nahm ihn eines Tages mit in eine Moschee. Dort betete er zum ersten Mal in seinem Leben, besuchte den Koranunterricht, fand Freunde, die ihn Bruder nannten. Salim fühlte, auch das zum ersten Mal, dass er dabei war.
Als ein neuer Besucher in die Al-Nur-Moschee kommt, begrüßt er ihn warmherzig, „ich war ja selbst mal ein Fremder hier“. Salim setzt sich neben ihn auf den türkisblau gemusterten Teppichboden, fragt nach dem Zeitpunkt seines Übertritts zum Islam und lächelt milde, als er hört, dass der andere den Weg zu Allah noch nicht gefunden hat.

Es gilt allein das Gesetz Allahs
Salim erzählt von seinen Erweckungserlebnissen – ergreifend, bizarr, theatralisch. Er bekommt eine Gänsehaut, wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Vom Nachmittagsgebet kehrt er mit einem Bekannten zurück. „Auch ein Konvertit“, stellt er Ammar vor. Ammar, 32 Jahre alt und aus der Dominikanischen Republik, ist wesentlich kühler, nüchterner, intellektueller als Salim. Er hält einen Monolog über die logischen Beweise für eine Gottesexistenz, sein Blick ist fest auf sein Gegenüber gerichtet. Je schneller der nicht-muslimische Besucher das Glaubensbekenntnis ablege, desto sicherer sei die Errettung vor der Hölle: „Du könntest morgen sterben, hast dich dann aber nicht zu Allah bekannt. Was dann? Also lass dir nicht zu viel Zeit“, sagt er.

Auf komplizierte Fragen findet Ammar einfache Antworten. Der Ruf der Al-Nur-Moschee? Die Medien informieren bewusst falsch, niemand interessiere sich für den wahren Islam. Die Anschläge vom 11. September? Das waren vermutlich nicht Islamisten, sondern amerikanische Geheimdienste. Die Ablehnung demokratischer Strukturen? Es gilt allein das Gesetz Allahs. Nach einer Pause schränkt er ein: „Es ist Muslimen allerdings geboten, die Gesetze fremder Gesellschaften zu respektieren, solange sie dort leben.“

Ammar spricht von fremden Gesellschaften – dabei lebt er seit seiner Geburt in Deutschland; diese Gesellschaft ist seine Gesellschaft, zumindest sollte sie es sein. Doch es gehört zur salafistischen Ideologie, sich abzuschotten von „Ungläubigen“. Diese Abwendung von der Gesellschaft wird ihnen leicht gemacht: Seit den Terroranschlägen in den USA dominieren Islamismus und Dschihad das Bild vom Islam; Kopftuch, Burka und Gebetsmütze gelten vielen bereits als Extremismusbeweis. Götz Nordbruch vom Verein Ufuq.de klagt, dass muslimische Verbände immer dann als Gesprächspartner willkommen seien, wenn es um Fragen der Sicherheit und Kriminalitätsbekämpfung gehe, bei Themen wie dem Islamunterricht an Schulen lasse man sie vielfach außen vor.

Schließlich kann auch sein Verein helfen, wenn Jugendliche in salafistische Strukturen geraten. Wirklich gefährlich wird es, wenn sie in Ausbildungscamps in Pakistan landen. Der Verfassungsschutz spricht von mehr als 30 jungen Menschen, die sich alleine im Jahr 2009 aus Deutschland nach Afghanistan oder Pakistan abgesetzt hätten. Seit den 1990er Jahren hätten 200 Personen im Ausland eine paramilitärische Ausbildung erhalten oder würden sie planen. Es sind „homegrown terrorists“, die im Ausland das Töten in der Heimat trainieren. „Es gibt auch in Berlin konspirative Netzwerke, die den militanten Dschihad unterstützen“, heißt es beim Verfassungsschutz.
Am Treptower Park hat sich ein Konglomerat von Sicherheitsbehörden hinter Stacheldraht und Eisenzäunen auf ein ehemaliges Kasernengelände zurückgezogen: das „Gemeinsame Terror Abwehrzentrum“. Es arbeitet konspirativ, aber wie es scheint mit Erfolg: Trotz einiger Terrorpläne blieb es bislang beim Einzeltäter Arid Uka, der am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss. Der damals 21-Jährige hatte sich innerhalb kürzester Zeit vor allem über das Internet radikalisiert. Einer seiner Facebook-Freunde: Abu Maleeq alias Deso Dogg.