Berliner Singles

Grenzenloses Vergnügen

Von wegen „Lost in Translation“: In Berlin flirten und daten Singles über Ländergrenzen hinweg.  Ein Streifzug durch die Hauptstadt der kosmopolitischen Liebe

Single-Protokolle: Anima Müller und Julia Lorenz

Ihr Jackpot war Mats aus Göteborg. Ein Schöngeist, der irgendwas mit Medien machte wie sie. Der gerne in die Jahre gekommene Bauhaus-Siedlungen bestaunte und sich auf Ausstellungen herumtrieb. Hobbys, die Tanja teilte. Tanja, die in einer weißrussischen Kleinstadt aufgewachsen war und seit einigen Jahren in Berlin lebte. Fast genauso gut gefiel ihr sein Lebensentwurf: Mats führte auch ein Dasein im Exil.

Sie kamen sich am Kneipentresen näher, nachdem sie einander auf einem Dating-Portal geschrieben hatten. Die Affäre mündete in eine Beziehung. Die Pointe in dieser Story, die Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln, ist ein häufiges Phänomen in einer Stadt, in der so routiniert im internationalen Rahmen geflirtet wird wie vielleicht an keinem anderen Ort in Europa. Es ist eine Leichtigkeit des Seins, die besonders in den Hipster-Arealen ausgelebt wird, in Neukölln oder Kreuzberg. Wo Chai Latte in den Cafés aufgebrüht wird; wo Trappistenbiere in den Bars ausgeschenkt werden; wo die Drogen in den Clubs divers sind.

Englisch ist die Lingua Franca, in der eine Community aus Expats und Touristen, aus Neu- und Altberlinern sich verständigt. Der CDU-Konservative Jens Spahn hat dieses Milieu in einem aufgebrachten „Zeit“-Essay 2017 als „Parallelgesellschaft“ geschmäht. Für junge Menschen sind die Schmelztiegel dagegen gelebte Utopie – in einer Epoche, deren Fetisch eigentlich der Rückzug in die nationalen Kleingärten ist.

Kosmopolitisch geht es auch in der Online-Sphäre zu. Wer in Berlin etwa Tinder-Profile durchblättert, schaut Carolina aus Kolumbien, Ari aus Israel, Theodoros aus Griechenland in die Augen. Die Hauptstadt ist Fixstern für Twenty- und Thirtysomethings aus aller Welt, strahlender als je zuvor. Und das, obwohl Berlin schon immer passionierte Menschen fasziniert hat, ob in den Goldenen Zwanzigern, den 70ern im Schatten der Mauer oder der chaotischen Nachwendezeit.

Heute fliegt Ryanair junge Nomaden für den Preis eines besseren Abendessens an ihren Sehnsuchtsort. Dort werden die Gäste mit Pomp & Circumstances empfangen: Am Wochenende können sie sich in Partys ohne Sperrstunde stürzen, von RAW-Gelände bis Berghain. Wer länger bleiben will, findet interessante Jobs – in Startups, Agenturen und Kreativfirmen. Oder kellnert an der Weserstraße. Nur um eine bezahlbare Wohnung zu finden, muss man womöglich Abstriche machen. Und mit etwas Pech nach Britz oder Reinickendorf ziehen.

Wie prägt das internationale Lebensgefühl das Single-Dasein – und was sind die Ups and Downs dabei?

Joanna, 41
Foto: Saskia Uppenkamp

Eine knappe Million Menschen ohne deutschen Pass leben mittlerweile in der Stadt, 1992 waren es noch 386.000. Wie diese Exilanten daten und verführen, untereinander, aber auch mit Einheimischen, davon kann zum Beispiel Alix Berber erzählen.

Die 31-Jährige, im Rheinland aufgewachsen, verfasst englischsprachige Single-Kolumnen für den Blog „iHeartBerlin“ – in der Summe lesen sie sich wie eine Tragikomödie über das Suchen und Finden der Liebe.

„Berlin ist ein Durchreiseplatz, dessen Einwohner sexuell, aber auch emotional sehr offen sind“, sagt sie. „Das macht es einfacher, in Kontakt zu treten.“ Sie selbst ist seit Kurzem mit einem Iren liiert, den sie während einer Dublin-Reise kennengelernt hat.

Eine binationale Beziehung, deren Erfordernisse auch Normalos bekannt vorkommen dürften: „Man muss diplomatisches Geschick einbringen und die Bereitschaft, verletzlich zu sein.“

Francisco, 25
Foto: Saskia Uppenkamp

Für Missverständnisse können sprachliche Konfusionen sorgen, die Stoff für ein Remake von Sofia Coppolas „Lost in Translation“ hergäben, gedreht in Berliner Schlafzimmern. Die Worte „I love you“ zum Beispiel: im Englischen ein verbaler Süßstoff, den man auch Freunden und Verwandten verabreicht – für einen Menschen aus Deutschland ein exklusives Bekenntnis. Das Beispiel zeigt, dass Worte im Zwischenreich der Liebe manchmal ihren Sinn verändern. Semiotik für Beziehungsprofis. Wer sie nicht beherrscht, redet aneinander vorbei.

Auch dünnes Eis: Charakterzüge mit einer länderspezifischen Mentalität zu erklären. Sie sei so direkt, hat Alix Berber einmal von einen Ex-Freund aus Großbritannien gesagt bekommen; typisch deutsch sei das. Geäußert im Zuge einer Eifersuchtsszene, nachdem sie einen ehemaligen Kollegen getroffen hatte, ganz unverfänglich. Eine Etikettierung, die unsensibel ist. Wer kann schon genau sagen, ob eine Eigenschaft kulturell begründet ist oder bloß Ausdruck des eigenen Naturells?

Mohammad, 28
Foto: Saskia Uppenkamp

Um Ressentiments zu mildern, hilft am besten Ironie. Alix hat zum Beispiel in einer Kolumne das Klischee vom hüftsteifen Deutschmann, der „Thomas, Dieter oder Malte“ heißt, auf die Spitze getrieben. In ihrem Text „Why I don‘t date German guys“ pustete sie Amtsschimmel auf die Häupter bürokratischer Liebes-Organisatoren: „Ein Date mit einem deutschen Mann ist wie ein Behördengang. Es ist dröge, und du fühlst dich so, als ob du gar nicht da sein willst. Du füllst das Formular aus, bringst deine Papiere mit, setzt dich, bis deine Nummer aufgerufen wird, und am Ende erhältst du mit etwas Glück eine Bescheinigung.“ Widerrufe in der Kommentarspalte waren die Konsequenz, zum Teil erbost, weil die Comedy ernst genommen wurde. Andere berichteten von eigenen Kulturschocks und erörterten dabei Landeskunde: Deutsche, die einer spanischen Tinderella jeweils „den schlechtesten Sex ihres Lebens“ eingebracht haben; Deutsche, die liebenswert sind, weil sie „die Toilette sauber halten“.

Judith Holofernes, Berlins famose Alltagslyrikerin, hat Schubladendenken im Paarungsverhalten schon vor ein paar Jahren auseinandergenommen. An eine französische Auslandsstudentin war im Wir-sind-Helden-Song „Aurélie“ der Hinweis gerichtet: „Du erwartest viel zu viel / die Deutschen flirten sehr subtil“. Ein nonchalanter Umgang mit Stereotypen, die auf der Tanzfläche einer durchschnittlichen Erasmus-Party zirkulieren.

Gaël, 27
Foto: Saskia Uppenkamp

Der Single-Coach Christian Thiel glaubt trotz aller Herausforderungen an das Potenzial von länderübergreifenden Liebesgeschichten. Er berät in seiner Praxis in Pankow nach Zweisamkeit suchende Stadtmenschen und ist Autor von Büchern wie „Suche einen für immer und ewig“ und „Streit ist auch keine Lösung“. Der Experte sagt: „In binationalen Verhältnissen sind beide Personen von vornherein toleranter. Schließlich ist man darauf eingestellt, dass Mentalitätsunterschiede zum Tragen kommen könnten – mehr als wenn ein Mann aus dem Sauerland einer nordfriesischen Frau begegnen würde.“

Thiel doziert auch den klassischen Satz der Liebesforschung: „Es geht fast immer um eine Ähnlichkeitswahl.“ Je vertrauter der gemeinsame Lebenshorizont, desto inniger die Gefühle. Das heißt: Ein Berliner Expat verliebt sich eher in jemanden, der die Erfahrung teilt, in die Fremde gezogen zu sein. So wie in der Geschichte von Tanja und Mats, den beiden Liebhabern, die aus verschiedenen Ländern stammen.

Damit werden in einer globalisierten Stadt alte Gewissheiten hinfällig – etwa die, dass 80 Prozent aller Beziehungen unter Menschen entstehen, die nicht weiter als 500 Kilometer entfernt voneinander geboren wurden. Die Folge ist eine Dating-Kultur, die Rassismus vorbeugt.

Wer multikulturelles Flirten zum Alltag macht, wird immun gegen Exotisierungen, etwa das Zerrbild vom Latin Lover – geprägt in einer Zeit, als deutsche Mittelmeer-Urlauber sich Techtelmechtel mit Einheimischen herbeisehnten, deren Muster sie sich aus ZDF-Schmonzetten zusammengeklaubt hatten. Und dabei Romantik mit chauvinistischer Herablassung verwechselten.

Sophie, 23
Foto: Saskia Uppenkamp

Über das kosmopolitische Berlin hat die Regisseurin Kanchi Wichmann, eine Wahlberlinerin aus London, eine 10-teilige Web-Serie gedreht. „Mixed Messages“ heißt sie, ein Reigen durch die WG-Küchen und Party-Hotspots der Stadt, dessen Dreh- und Angelpunkt die lesbische Dyke Ren ist, eine heimatlose Mittdreißigerin mit bedürftigem Herz. Wenn sich die 36-Jährige durch ihr queeres Umfeld bewegt, ist die Herkunft ihrer Gespielinnen ein unerhebliches Detail – ob es um den Flirtpartner in der Club-Nacht geht oder die Übungsleiterin im Bondage-Workshop tagsüber. Stattdessen wird in einem universellen Sprachsystem aus Englisch und unterschwelligen Szene-Codes kommuniziert.

Als die Filmemacherin ihr Werk in den USA vorführte, in einem Filmtheater in L.A., waren die Zuschauer verblüfft: Wird in Berlin überhaupt noch deutsch gesprochen? Kanchi Wichmann könnte die Zukunft der größten Stadt Deutschlands auf Zelluloid projiziert haben: ein postnationales Phantasia (auch wenn sie selbst beflissen Deutsch lernt).

Stefanie, 31
Foto: Saskia Uppenkamp

Doch die Fiktion ist manchmal rosiger als die Realität. Vor allem für Leute, deren Muttersprache nicht Englisch ist: Ihre Schulnote in Englisch wird zu einem Faktor des Beziehungserfolgs. Kanchi Wichmann erzählt eine Geschichte aus ihrem Bekanntenkreis: eine Amour fou zwischen einer britischen Exil-Berlinerin und ihrer deutschen Flamme. Die Leidenschaft verglühte schon nach ein paar Wochen, und als die Engländerin ihrer Ex-Geliebten auf einer Party wiederbegegnete, stöhnte sie auf. „Langweilig“ sei die Frau eigentlich.

Das Zerplatzen einer Illusion – womöglich weil die Barriere zwischen Native Speaker und Fremdsprachler zu groß war, um den Zauber des Anfangs in stete Bahnen zu lenken. Ein Graben, der auch ein Grund für Berlins legendäre Unverbindlichkeit sein könnte.

Trotzdem bereichert transnationale Intimität das Liebesleben in Berlin. Weil es bedeutet, Antennen zu entwickeln und sich in den Gefühlskosmos anderer Menschen hineinzudenken. In einer Zeit, wo sonst die Intoleranz größer wird, verkörpert durch rechtspopulistische Bewegungen, könnte das Private sogar politisch werden.

Noch wilder würde die Romantik, wenn polyglotte Berliner sich aus ihrem Mikrokosmos trauen und auch einmal Blicke austauschen würden mit Hauptstädtern aus anderen Dunstkreisen, mit Russen aus Charlottenburg oder arabischstämmigen Berlinern aus dem Wedding. „Der andere ist immer ein fremder Planet, den es zu entdecken gilt“, ermutigt der Experte Christian Thiel.

[Fancy_Facebook_Comments]