JAHRESRÜCKBLICK 2017

Was für ein Theater

Zwischen Abschied, Neuanfang und Besetzung: Der Zoff um die Volksbühne prägte auch das Berliner Theaterjahr 2017. ­„Faust“, Frank Castorfs letzte große Arbeit am Haus, wählten die ZITTY-Kritiker nun zur Inszenierung des Jahres

Dreamteam: Alexander Scheer, Martin Wuttke und Valery Tscheplanowa in Frank Castorfs „Faust“ – Foto: Thomas Aurin

Text: Friedhelm Teicke

Die vielleicht anrührendste, wunderbarste Theaterszene dieses Jahres: Begleitet von Sir Henry am Schifferklavier singt Sophie Rois mit einer Federboa um den Hals in Frank Castorfs monumentaler Ära-Abschluss­regie „Faust“ leise und bezaubernd brüchig ­Schuberts „Der Leiermann“ aus dem „Winterreise“-Zyklus.

Erst spät hat sie in diesem siebenstündigen Verausgabungsthea­ter ­ihren ersten Auftritt als Hexe, eigentlich eine eher kleine Rolle, aber Rois behauptet sogleich mit Verve und Heiserkeit ihre herausragende Stellung in einem herausragenden Ensemble, das, wie wir heute wissen, in weiten Teilen mehr ein ideelles als ein festangestelltes war – und das nun Geschichte ist.

Für diese Rolle wurde Sophie Rois nun mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet, auch „als ausdrückliche Würdigung für ihr langjähriges Bekenntnis zum Ensembletheater an der Berliner Volksbühne“, wie die Jury eigens betont.

Denn ums Ensemble dreht sich zunehmend auch der seit zwei Jahren geführte Streit um die Neuausrichtung der Volksbühne, die sich seit dem überschaubaren Beginn der Spielzeit immer mehr als der befürchtete Systemwechsel entpuppt, den die Berliner Kulturpolitik unehrlicherweise aber nicht so benennt: Ein Umbau von einem auf ein eigenes Ensemble gestütztes Repertoiresystem hin zu einem interna­tional ausgerichteten Produk­tionshaus mit eigenen Werkstätten, das Freie Künstlergruppen diverser Sparten fest an sich binden will.

Ein festes Schauspielerensemble braucht dieses Konzept nicht wirklich, die ursprünglich 27 Stellen wurden auf die zuletzt auch von Castorf tatsächlich besetzten elf reduziert.

Sophie Rois ­gehörte bislang als eine von drei unkündbaren Schauspielern aus der Castorf-Ära (neben Silvia Rieger und Sir Henry) weiterhin zu diesem Ensemble, das die neue Volksbühnen-Leitung nur sehr zögerlich besetzt. Erst zwei Namen stehen fest: der Tänzer Frank Willens und die Schauspielerin /­ Aktions­künstlerin Anne Tismer. Die wunderbare Sophie Rois gehört allerdings nicht mehr dazu. Anfang Dezember verkündigte sie ihren Ausstieg aus der Volksbühne nach 25 Jahren.

Kein Problem beim Aufbau eines neuen Ensembles hatte freilich das Berliner Ensemble, wo Oliver Reese mit dieser Spielzeit Claus Peymann nach 18 Jahren (endlich) als Intendant ablöste. Reese setzt auf die Zugkraft von Schauspielstars wie Constanze Becker, Corinna Kirchhoff und Stefanie Reinsperger und auf „Well-Made-Plays“.

Die künstlerische Ausbeute der ersten Premieren war bislang jedoch eher redlich als aufregend. Da musste dann wieder erst Frank Castorf kommen und mit Victor Hugos „Les Misérables“ einen umstrittenen Post-Volksbühne-Abend hinlegen, der zwischen assoziativer Wucht und beliebig anmutender Fahrigkeit alles bediente, aber weit hinter dem Gesamtkunstwerk aus Polittheater, Klamauk und Grandezza seines „Faust“ blieb. Diese Inszenierung wählten ZITTYs TheaterkritikerInnen jetzt auch zur Berliner Inszenierung des Jahres 2017.

Auf Platz zwei landete das Duo Vegard Vinge und Ida Müller mit seinem temporären Brachial­-Kunst-Totaltheater „National­theater Reinickendorf“, das im Juli Ibsen mit Shakespeare, Splatter und Oper zu einer irren Marathon-Performance ver­rührte. 

Insgesamt ist übrigens auffällig, dass die überwiegende Mehrheit unserer zehn Lieblingsinszenierungen von Regisseurinnen verantwortet wurden (nämlich siebeneinhalb Produktionen). Und das ist dann doch auch ein bemerkenswertes Ergebnis unseres Berliner Theaterjahrs 2017.

Die 10 besten Berliner Inszenierungen 2017

1. Faust (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, R: Frank Castorf)

2. Nationaltheater Reinickendorf  (Berliner Festspiele, R: Vegard Vinge / Ida Müller)
3. Kkaaffkkaa (Acud / Theater unterm Dach, R: Katarzyna Makowska-Schumacher)
Petruschka/ L’Enfant et les Sortilèges (Komische Oper, R: S. Andrade/E. Appleton)
5. Human Traffic (Heimathafen Neukölln, R: Nicole Oder)
Kreatur (Radialsystem V, Choreogr.: Sasha Waltz)
Peng Peng Boateng (Heimathafen Neukölln, R: Nicole Oder)
Roma Armee (Maxim Gorki Theater, R: Yael Ronen)
Satyagraha (Komische Oper, R: Sidi Larbi Cherkaoui)
The Making-Of (Maxim Gorki Theater, R: Nora Abdel Maksoud)
(bei Stimmgleichheit in alphabetischer ­Reihenfolge)

Abgestimmt haben Regine Bruckmann, Hermann-Josef Fohsel, Barbara Fuchs, Gerd Hartmann, Annett Jaensch, Georg Kasch, Tom Mustroph, Anna Opel, Christian Rakow, Axel Schalk, Susanne Stern und Friedhelm Teicke