JAHRESRÜCKBLICK 2018

Abrisse und Neuanfänge

Was war los im Theaterjahr 2018? Die Highlights der ZITTY-Theaterkritikerinnen und -kritiker sind genauso vielfältig wie die Theaterstadt Berlin. Und doch gibt es einen klaren Favoriten

ZITTY-Kritikers Liebling: „Drei Milliarden Schwestern“ in der Volksbühne – Foto: Thomas Aurin

Was für eine Aufregung war das gewesen am Freitag, den 13. April! Plötzlich isser weg, der Chris Dercon. Überraschend trat der umstrittende Intendant der Volksbühne, der über zwei Jahre alle Ablehnung, Protest und Widerstand an sich abprallen ließ, mitten in seiner ersten Spielzeit zurück. Sein Haus stand bereits nach wenigen Monaten kurz vor der Pleite. Zurück ließ er ein verblüfftes Publikum, ­viele Merkwürdigkeiten und ein angeschlagenes Theater.

Hoch gesprungen – hart gelandet. Kultursenator Klaus Lederer hat die Reißleine gezogen und den designierten Geschäftsführer Klaus Dörr vorzeitig zum Interims-Intendanten ernannt, der die Volksbühne mit ruhiger Hand und with a little help anderer Theater (durch Gastspiel-Leihgaben) inzwischen wieder zu einem einigermaßen funktioniereden Repertoiretheater stabilisiert hat.

Etwas Routine und Ruhe ist nach all den Querelen eingekehrt. Und auch Erfolg. Den vielleicht überraschendsten verdankt die Volksbühne ­ihrem Jugendtheater P14. Deren gefei­erte Produktion „Drei Milliarden Schwestern“ – eine anarchisch-phantastisch-ironische Überschreibung von Tschechows „Drei Schwestern“ als große Oper in fünf Akten mit Ouvertüre, diversen Zwischenspielen und allem Pipapo – hat auch die ZITTY-Kritiker*innen schwer begeistert: Wir haben sie zur Berliner Aufführung des Jahres gekürt.

„Unendlicher Spaß“ nach David Foster Wallace: Ursina Lardi, André Jung – von den Sophiensaelen demnächst in die Volksbühne – Foto: David Baltzer

Auf Platz 2 folgt Thorsten Lensings Inszenierung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace in den Sophien­saelen. Seine gemeinsam mit dem in diesem Jahr früh verstorbenen Kritikerkollegen Dirk Pilz erstellte Fassung beweist, dass das dystopische Romanungetüm tatsächlich auf der Bühne funktioniert. Wobei das illustre Ensemble um Jasna Fritzi Bauer, Ursina Lardi und Devid Striesow entscheidend und sehr unterhaltsam zum Gelingen beiträgt. Das Stück wird im Februar wiederaufgenommen werden – in der Volksbühne.

Die Sophiensaele haben es auch mit zwei weiteren Produktionen in unsere Top 13 geschafft. Ansonsten zeigt sich die Vielfalt der Theaterstadt auch in der Diversität der Voten unserer Kritiker*innen (siehe weiter unten). Nicht ins Ranking geschafft hat es freilich die ­Komödie am Kurfürstendamm, die ein sehr bewegendes Jahr hinter sich hat, mit tränenreichem Abschied von den – von einer zögerlichen SPD-Kulturpolitik zum Abriss freigegebenen – 100 Jahre alten Traditionsbühnen im Ku’dammkarree und dem Umzug ins temporäre Domizil Schillertheater, wo man sich warmläuft für die zukünftige Bespielung nur noch einer ­Bühne, die immerhin Dank eines von Kultursenator Lederer ausgehandelten Kompromisses am alten Ort neu errichtet wird.

Auf zeitgenössische Stoffe und „Well-­Made-Plays“ wie die Komödie setzt ­auch das Berliner Ensemble unter Peymann-Nachfolger Oliver Reese und wildert damit, für manche allzusehr, im Profil gehobener ­Unterhaltung von Privatbühnen wie auch dem Renaissancethea­ter. Immerhin ist sie auch die neue Stammbühne vom Ex-Volksbühne-Chef Frank Castorf, der im Januar am alten Brecht-Wirkungsort mit „Galileo Galilei“ einen Brecht inszenieren wird. Castorfs letzte Brecht-Inszenierung ­hatte zu einem Aufführungsverbot geführt. Es bleibt also spannend in Theaterberlin. FRIEDHELM TEICKE

Die Einzelwertungen unserer Autor*innen:

Regine Bruckmann

Regine Bruckmann – Foto: Privat

1. Heimathafen Neukölln: Peter Pan – Von einem, der auszog, das Sterben zu lernen, Regie: Nicole Oder
Peter Pan als One-man-show: Älter geworden, traumatisiert, melancholische Songs ins Mikro raunend. Alexander Eebert schippert mit seinem Floß auf der Rummelsburger Bucht herum und nimmt das Publikum mit auf einen atmosphärisch philosophischen Trip
2. Deutsche Oper: Les Contes d’Hoffmann, Regie: Laurent Pelly
3. Gorki Studio Я: The Sequel, Regie: Nora Abdel-Maksoud


Her­mann-Josef Fohsel

Hermann-Josef Fohsel – Foto: Privat

1. Volksbühne: Drei Milliarden Schwestern, Regie: Bonn Park
Aberwitzig, tollkühn, himmlisch. Eine Parodie auf die „Große Oper“, die selbst „Große Oper“ ist!
2. Deutsche Oper: Les Contes d’Hoffmann, Regie: Laurent Pelly
3. Sophiensaele: Unendlicher Spaß, Regie: Thorsten Lensing


Barbara Fuchs

Barbara Fuchs – Foto: Petra Eckweiler

1. Großer Wasserspeicher: the spaces | | in between, Regie: Svea Schneider
Svea Schneider (Master-Choreografie-Studentin am HZT Berlin) zeigt mit elf Tänzern aus acht Ländern kraftvolle, verstörende und berührende Bewegungsvariationen, die – kombiniert mit Licht und akustischen Elementen – Assoziationen zu aktuellen Fragen wie Anpassung oder Widerstand, Ohnmacht oder Aktion anregen. Ein Höhepunkt in dem Backstein-Bau mit 18 Sekunden Echo-Hall!
2. Schaubude Berlin: Elektrische Schatten, Objekttheater mit Livemusik von florschütz & döhnert
3. Theater unterm Dach: Gefalle, Du Schöne, Text und Regie: Amina Gusner


Annett Jaensch

Annett Jaensch – Foto: Privat

1. Komische Oper: Celis / Eyal, Choreografie: Stijn Celis, Sharon Eyal, Gai Behar
Nach den monatelangen Turbulenzen rund um das Staatsballett ein gelungener und mutiger Einstand, der zeigt, was das Kernvorhaben der neuen Doppelspitze Öhman/ Waltz ist: ein Repertoire, das klassisches Ballett und zeitgenössischen Tanz gleichwertig verbindet.
2. Uferstudios: D.R.A.G. – Dingus. Realities. Android-Animal. Group , Choreografie: Günther Wilhelm & Mariola Groener (WILHELM GROENER)
3. HAU 2: Elephant, Dance On Ensemble, Choreografie: Rabih Mroué


Georg Kasch

Georg Kasch – Foto: Henrik G. Vogel

1. Schaubühne: Die Wiederholung, Konzept und Regie: Milo Rau
Milo Raus Stück ist eine doppelte Annäherung: an einen unbegreiflichen Mord. Und an das unbegreifliche Medium Theater, dessen Wunder darin besteht, keine Vollendung zu erfahren und dennoch genau darin vollendet sein zu können.
2. Volksbühne: Drei Milliarden Schwestern, Regie: Bonn Park
3. Maxim Gorki Theater: Elizaveta Bam, Regie: Christian Weise


Tom Mustroph

Tom Mustroph – Foto: Barbara Gstaltmayr

1. Sophiensaele: Kosa La Vita – Kriegsverbrechen, von Flinn Works und Quartett Plus 1
Zeitgenössisches Musiktheater bearbeitet auf hohem ästhetischen Niveau den Themenkomplex von Kriegsverbrechen in Afrika, deutscher Asylpolitik und kolonialistischer Kontinuitäten. Eine über Jahre gereifte Inszenierung.
2. Berliner Ensemble: Die Parallelwelt, Regie: Kay Voges
3. Gorki Studio Я: The Sequel, Regie: Nora Abdel-Maksoud


Anna Opel

Anna Opel – Foto: Privat

1. Sophiensaele: Die Umschülerinnen, Regie: Vanessa Stern
Eine grandios selbstironische und dabei schonungslose Auseinandersetzung des weiblichen Ensembles mit dem holprigen eigenen künstlerischen Weg. Die Arbeit ist gesellschaftskritisch, ästhetisch gewagt und dabei urkomisch.
2. Maxim Gorki Theater: Yes but No, Regie: Yael Ronen
3. Maxim Gorki Theater: Papa liebt dich, Regie: Suna Gürler


Christian Rakow

Christian Rakow – Foto: Thomas Aurin

1. Deutsches Theater: In Stanniolpapier, Regie: Sebastian Hartmann
Einer der kontroversesten Abende des Jahres, der in schonungsloser Direktheit die Ausbeutungszusammenhänge der Straßenprostitution ausleuchtet. Regisseur Sebastian Hartmann hat – schon dafür hoch umstritten – für die Autorentheatertage des DT einen Text von Björn SC Deigner konsequent zum Bewusstseinsstrom umgearbeitet und in die Bildsprache des Milieus getaucht: voll von Rausch und Kater, voller Nacktheit und Verletzlichkeit. Ein zwingender, von Clubbeats getragener innerer Erlebnismonolog, der ein Leben aus Missbrauch, Gewalt, Selbstbetrug, scheiternder Therapie polaroidartig einfängt – und das Publikum entweder zur Flucht treibt oder trostlos und erschüttert zurücklässt.
2. Deutsches Theater: Hunger. Peer Gynt, Regie: Sebastian Hartmann
3. Volksbühne: Drei Milliarden Schwestern, Regie: Bonn Park


Axel Schalk

Axel Schalk – Foto: Privat

1. T-Werk Potsdam: Mein Kampf, Regie: Andreas Hueck
George Tabori pur, schauspielerisch, dramaturgisch vom Theater Poetenpack auf den Punkt gebracht und ebenso verstörend, besonders dadurch, dass in der Inszenierung von Regisseur Andreas Hueck singende Schülerinnen das Asyl bevölkern.
2. Monbijou-Theater: Die Räuber, Regie: Maurici Farré
3. Theater an der Parkaue: Sturm und Drang, Regie: Kay Wuschek


Teresa Schomburg

Teresa Schomburg – Foto: Philipp Jusim

1. Musiktheater Atze: Hans im Glück, Regie: Matthias Schönfeldt
Mit einfachen Mitteln, vieldeutigen Symbolen und drei Darstellern in wechselnden Rollen wird das erstaunliche Märchen um das Glück des Besitzlosen in eine zeitgemäße, poetische Form übertragen.
2. Theater Expedition Metropolis: Zusammen, Regie: Zirkusmaria
3. Sophiensaele: Unendlicher Spaß, Regie: Thorsten Lensing


Susanne Stern

Susanne Stern – Foto: Janine Guldener

1. Berliner Ensemble: Eine griechische Trilogie, Regie: Simon Stone
Simon Stone erzählt mit uralten Stoffen sehr berührend von existentiellen Themen von heute. Sein Theater glaubt an die Kraft des Geschichtenerzählens und findet eine überzeugende Form fürs 21. Jahrhundert.
2. Acker Stadt Palast: Bolero, Regie: RichterMeyerMarx
3. HAU 1: Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht, Regie: Mariano Pensotti


Friedhelm Teicke

Friedhelm Teicke – Foto: F. Amthea Schaap

1. Sophiensaele: Unendlicher Spaß, Regie: Thorsten Lensing
Aus David Foster Wallaces 1500-Seiten-Wälzer haben Regisseur Lensing und Dirk Pilz eine Bühnenfassung erstellt, die das Episodenhafte des Romans gelungen in ein (teilweise urkomisches) Nummernprogramm überführt. Natürlich ist das nicht unter viereinhalb Stunden zu schaffen, die aber sind ungemein kurzweilig – auch Dank des überaus spielfreudigen Ensembles um Ursina Lardi und Devid Striesow.
2. Volksbühne: Drei Milliarden Schwestern, Regie: Bonn Park
3. Schaubühne: Im Herzen der Gewalt, Regie: Thomas Ostermeier