Berlin

Berlins Beste 2016

2016 war vielleicht nicht das einfachste Jahr. Aber es hatte seine Helden. Auch in Berlin. Hier unsere ganz persönliche Favoritenauswahl

Nasan Tur

hilft geflüchteten Künstlerkollegen und thematisiert die aktuelle Nachrichtenkrise

Nasan TurFoto: F. Anthea Schaap
Nasan Tur
Foto: F. Anthea Schaap

Ob mit nasser Hose oder an der Werkbank: Ende 2016 ist der Berliner Künstler omnipräsent. In der Galerie König nimmt er an einer Gruppenausstellung zum Thema Christentum teil. In der Galerie Blain/Southern wiederum hat er eine große Werkstatt eingerichtet. Jeden Freitag und Sonnabend können Besucher dort zuschauen, wie Tur und sein Team Botschaften von Facebook und Twitter, die in rasender Geschwindigkeit politische Meinungen und Wahlen beeinflussen, extrem verlangsamen, indem sie diese mittels Holzschnitte auf Plakate drucken. In Wien zeigt Tur Ausschnitte von Fotos mit  hoch emotionalisierten Fans von Politikern im Moment der Wahlentscheidung.

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Vor allem aber gehört der 1974 als Sohn türkischer Einwanderer in Offenbach geborene Deutsche zu den Gründern der Initiative Flax, die geflüchteten Künstlern beim beruflichen Neustart hilft. Flax präsentiert sich in der Ausstellung „Uncertain States“ der Akademie der Künste, wo der Vater zweier Kinder auch Mut zur Angst zeigt: Sein filmisches Selbstporträt zeigt den Künstler dabei, wie er in die Hose nässt. CWA


Annette Keuchel und Leoni Beckmann

zeigen der Wegwerfgesellschaft mit Restlos Glücklich, dass es anders geht

Restaurant Restlos Glücklich, Vorsitzende Anette Keuchel und Leoni Beckmann (vlnr)Foto: Andreas Chudowski/ RESTLOS GLÜCKLICH

Restaurant Restlos Glücklich, Vorsitzende Anette Keuchel und Leoni Beckmann (vlnr)
Foto: Andreas Chudowski/ RESTLOS GLÜCKLICH

Was darf’s denn sein?, fragt die Frau an der Käsetheke. Eigentlich müsste es umgekehrt laufen. Der Konsument  fragt, wovon es genügend gebe. Und wäre ein Ge- und nicht mehr ein Verbraucher.

Bis es soweit ist, kümmern sich Annette Keuchel und Leoni Beckmann und der von ihnen initiierte Verein „Restlos Glücklich“ um die übrig gebliebenen Lebensmittel. Im gleichnamigen Non-Profit-Restaurant, dem Restlos Glücklich in der Kienitzer Straße in Neukölln, setzen sie auf „Aus- und Überschuss“-Ware, die vom Bio-Supermarkt denn’s und anderen Kooperationspartnern zur Verfügung gestellt wird. Küchenchef Daniel Roick kreiert daraus eine handvoll Gerichte, freitags und samstags ein Menü. Drei Gänge gibt es für faire 20 Euro, auch weil die meiste Arbeit – und gutes Essen macht viel Arbeit – hier ehrenamtlich von den Händen geht. Rund 60 Menschen, pensionierte Akademiker, gestresste Büromenschen oder Austauschstudentinnen aus Kanada, engagieren sich für das Projekt. Sie kümmern sich um den Service, den Warentransport, die Buchhaltung.

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Das nach einer Crowdfunding-Kampagne eröffnete Restlos Glücklich mag aus einer politischen Idee geboren sein, das Rubb & Stubb in Kopenhagen hatte Keuchel und Beckmann zu ihrem Leftover-Restaurant inspiriert, darüber hinaus aber schmeckt es in der Kienitzer Straße so gut, dass auch das Bauchgefühl sagt: Grober Unfug, Lebensmittel in die Tonne zu treten. CLE


Shermin Langhoff

zeigt am Gorki Theater klare Kante und großes Theater

Shermin Langhoff Foto: Ute Langkafel, MAIFOTO

Shermin Langhoff
Foto: Ute Langkafel, MAIFOTO

Sie führte das Gorki in diesem Jahr nicht nur erneut zum „Theater des Jahres“, sondern gründete das erste Exil-Ensemble Deutschlands, thematisiert die bedrohte offene Gesellschaft und greift aktiv in die Politik ein. Anfang

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November hatte sie Angela Merkel in einem offenen Brief aufgefordert, klare Kante gegen den türkischen Präsidenten Erdogan zu zeigen. Verfolgten Erdogan-Kritikern wie den nach Berlin geflohenen, ehemaligen Chefredakteur der Cumhuriyet, Can Dündar, bietet sie mit einer Theaterkolumne eine Plattform (und einen Job). Sie polarisiert und überzeugt durch einen guten Spielplan.  -icke


Yusra Mardini

erinnert daran, dass Sport so viel mehr sein kann, als eine in Medaillen messbare Körperertüchtigung

Yusra MardiniFoto: Mirko Seifert Sportfotografie

Yusra Mardini
Foto: Mirko Seifert Sportfotografie

Wenn eine Berliner Schwimmerin von einem internationalen Wettbewerb als 40. beziehungsweise sogar „nur“ 45. in ihren Disziplinen Schmetterling und Freistil zurückkommt, würde nach ihrer Rückkehr normalerweise niemand mehr groß über sie reden. Die Berliner sind schließlich Spitzenathleten wie die einstige Rekordschwimmerin Britta Steffen gewohnt. Dass die 18-jährige Yusra Mardini trotzdem bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio weltweit für Aufmerksamkeit sorgte, hat vor allem mit ihrer Geschichte zu tun: Die in Berlin lebende Syrerin ist Flüchtling. Im Sommer 2015 floh sie mit ihrer älteren Schwester aus Damaskus über die Türkei und das Mittelmeer zur griechischen Insel Lesbos. Wobei der Motor des Schlauchbootes, in das Schlepper sie mit knapp einem Dutzend anderer Flüchtlinge gesetzt hatten, schon bald ausfiel. Nur weil die Schwestern gut schwimmen konnten, erreichte das Boot überhaupt sein rund neun Kilometer entferntes Ziel.

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Angekommen in Berlin wurden irgendwann die Wasserfreunde Spandau auf sie aufmerksam. Und als sich das Internationale Olympische Komitee im März 2016 entschloss, erstmals ein Refugee Team, bei den Spielen starten zu lassen, war bald klar, dass die Syrerin dabei sein würde. Mit Erfolg, wie auch immer man diesen misst. ea


Tobi Bamborschke

verkörpert mit „Isolation Berlin“ die Sehnsucht nach den depressiven 80ern

Tobi BamborschkeFoto: F. Anthea Schaap

Tobi Bamborschke
Foto: F. Anthea Schaap

Die Lieder, die Bamborschke mit seiner Band Isolation Berlin schreibt und aufnimmt, sind so stahlgrau wie der Winter in der ehemaligen Mauerstadt. Bamborschke mag in Köln geboren worden und erst im Alter von 13 Jahren nach Berlin gekommen sein, aber das, was David Bowie, Iggy Pop und ihnen nachfolgende Generationen einst hier suchten, die Abrisshäuser und leeren Brachen, die schicke Hoffnungslosigkeit und das triste Vergnügen, sich selbst genug zu sein, während man sich nach den überlebensgroßen Emotionen verzehrt, das ganze grau-schwarze Lebensgefühl eben, das alles steckt in den Songs von Isolation Berlin.

»Isolation ist auch ein Luxus«

„Ich habe seit Ewigkeiten probiert, mein Leid zu verdrängen und glücklich zu werden. Das hat nicht geklappt. Der

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einzige Weg für mich, aus dem Leid etwas Positives zu schöpfen, ist das Songschreiben“, erzählte Bamborschke im ZITTY-Interview. Jetzt, wo dieses dunkle Jahr zu Ende geht, stehen diese Platten ganz oben auf den Jahresabschlusslisten der Musikmagazine. Und Tobi Bamborschke wurde zum Aushängeschild des neuen, härteren Berlin, das sich langsam, aber sicher von seinem Image als Weltpartyhauptstadt verabschieden muss. TO

Konzert in der Columbiahalle am 17.12.

Isolation Berlin + Der Ringer (Indie Rock)


Pal Dardai

macht als Trainer die alte Hertha wieder groß

Fussball, Herren, 1. Bundesliga, Saison 2016/17, Hertha BSC, Training, Cheftrainer Pal Dardai (Hertha BSC),Foto: Imago
Fussball, Herren, 1. Bundesliga, Saison 2016/17, Hertha BSC, Training, Cheftrainer Pal Dardai (Hertha BSC),
Foto: Imago

So einen wie ihn sollte es eigentlich gar nicht mehr geben auf einer Trainerbank in der Fußball-Bundesliga. Schließlich spuckt die Sportschule Hennef in Köln jedes Jahr jede Menge Trainer aus, jung, smart, bestens geschult in wissenschaftlicher Trainingsanalyse, im Verschieben von Räumen auf dem Spielfeld und in Ernährungslehre.

Pal Dardai, 40, Trainer des Berliner Bundesligisten Hertha BSC fällt da aus der Reihe. Der gebürtige Ungar und langjährige Hertha-Profi setzte sich gleich nach seiner Karriere auf die Trainerbank, zunächst bei der Hertha-Jugend. Er ist ein Arbeiter, der Fußball lebt. Und der dennoch klarmacht, dass Fußball ein Sport ist und kein Fach an der Uni.

Dardai war schon als Profi ein Vorbild: immer voller Einsatz, immer hart und immer freundlich abseits des Platzes. Als er nach seinem Geheimnis gefragt wurde, was Hertha so erfolgreich mache, nannte er drei Sachen: Teamgeist, Fitness und Intelligenz. Kurz und präzise, wie man es von der jungen Trainergeneration nicht kennt. Die Ansprache verstehen offenbar die jungen Spieler.

Als Pal Dardai 2015 antrat, galt er in den Wettbüros als erster Trainer, der fliegen würde. Aus der stolzen, launischen Diva Hertha, die unter Dieter Hoeneß mit ihrem Anspruchsdenken den Menschen auf die Nerven ging, war eine graue Maus geworden. Dann formte Dardai eine stabile Mannschaft, die bereits in der zweiten Saison konstant gute Leistungen bringt.

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Blöd eigentlich nur, dass man bei der Hertha das noch nicht realisiert hat – und den Boom mit einer bemühten Kampagne im Startup-Sprech flankiert. Dardai dagegen ist wohltuend unprätentiös. Fußball ist sein Leben, seine drei Söhne spielen alle in der Hertha-Jugend, der älteste trainierte sogar bereits bei den Profis mit. Vielleicht wird aus Hertha kein Dax-Konzern mehr und auch kein Startup, sondern ein bescheidenes Familienunternehmen. Das wäre doch mal was. TIL


Irmela Mensah Schramm

zeigte, dass Zivilcourage auch mal vor Gericht verteidigt werden muss

10.10.2016, Berlin. Irmela Mensah-Schramm (70) beseitigt rechte Hassparolen, Aufkleber, Graffiti und Symbole.Foto: imago/Sabine Gudath
10.10.2016, Berlin. Irmela Mensah-Schramm (70) beseitigt rechte Hassparolen, Aufkleber, Graffiti und Symbole.
Foto: imago/Sabine Gudath

Das Jahr 2016  war ja nun gekennzeichnet von Polarisierung, weltweit. Es ging um Gut gegen Böse, hell gegen dunkel, Hoffnung gegen Hass. Dazwischen schien es wenig zu geben, wenig Raum für eine ordentliche Auseinandersetzung.

Irmela Mensah-Schramm ist da ein Lichtblick. Während im Internet Initiativen und staatliche Stellen mühsam gegen Hass vorgehen, ist sie das analoge Gewissen der Berliner Straße geworden. Die 70-Jährige aus Zehlendorf entfernt und übermalt bereits seit 30 Jahren Hass-Parolen von Häuserwänden. In diesem Jahr bekam sie nun erstmals Ärger mit den Behörden, nachdem sie den Spruch „Merkel muss weg!“ in einem Fußgängertunnel in pinkener Farbe umgestaltete zum Ausruf: Merke! Hass weg!

Wegen Sachbeschädigung forderte die Staatsanwältin, dass sie 1.800 Euro zahlen sollte. Schließlich hätte sie das ursprünliche Graffito größer und durch die pinke Farbe auffälliger gemacht. Außerdem zeige sie keine Reue.

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Am Ende sprach der Richter ihr nur eine Verwarnung aus, allerdings mit der Auflage, dass sie die Geldstrafe von 1.800 Euro tatsächlich zahlen muss, wenn sie sich im kommenden Jahr etwas zu Schulden kommen lässt. Mensah-Schramm ist in Berufung gegangen. Sie fühlt sich im Recht, da die Polizei bei ihren Beschwerden gegen die Parolen fast nie etwas unternommen hätte. st


Nicolette Krebitz, Maren Ade und Maria Schrader

haben als Berliner Regisseurinnen das Kinojahr 2016 überragt

Fotos: imago/ Future Image; William Minke/ NFP/ Komplizen Film; imago/ APress
Fotos: imago/ Future Image; William Minke/ NFP/ Komplizen Film; imago/ APress

Ein Raunen schwappte im Januar aus Utah herüber. Beim berühmten, von Robert Redford gegründeten Filmfestival in Sundance sorgte der neue Film einer Berlinerin für Furore. In „Wild“ erzählt Nicolette Krebitz von der ungewöhnlichen Verbindung einer jungen Frau zu einem Wolf. Ein kraftvolles, verstörendes Drama mit jeder Menge Potenzial für Assoziationen bis hin zum Feminismus. Was so früh im Jahr niemand ahnen konnte: Krebitz eröffnete das deutsche Kinojahr der Regisseurinnen. Eine Seltenheit in der von Männern dominierten Kinolandschaft.

Ein Raunen schwappte im Mai aus Cannes. Beim wichtigsten Filmfestival der Welt war mit „Toni Erdmann“ der Berlinerin Maren Ade nicht nur seit vielen Jahren wieder ein deutscher Film im Wettbewerb vertreten, er sorgte zudem für Begeisterungsstürme bei der internationalen Presse. Zwar konnte Ades Meisterwerk über die schwierige Annäherung eines Scherzkeks-Vaters zu seiner entfremdeten Tochter bei der Jury nicht landen. Dafür wurde „Toni Erdmann“ kürzlich als bester Europäischer Film ausgezeichnet.

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Die dritte Berlinerin im Bunde jener Regisseurinnen, welche die drei mit Abstand besten deutschen Filme des Jahres geschaffen haben: Maria Schrader. Sie erhielt für „Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika“ mit einem kongenialen Josef Hader in der Titelrolle eine Nominierung für die Beste Regie beim Deutschen Filmpreis, ging aber leider leer aus. Was ihre Leistung bei dem eindringlichen Drama über die letzten Jahre des Schriftstellers im Exil nicht schmälert. Krebitz, Ade, Schrader – was für ein grandioses Berliner Regisseurinnen-Triumvirat. MS


Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer

wollen der europäischen Jugend das Reisefieber beibringen

Foto: Herr & Speer
Foto: Herr & Speer

In Berlin warten bekanntlich hunderte Gründer auf den Durchbruch ihrer Geschäftsidee, auf Geld oder zumindest ein bisschen Ruhm. Die Kriterien sind immer ähnlich: Die Idee muss verständlich sein, der Nutzer muss etwas davon haben – und sie muss skalierbar sein. Das ist so ein Modewort der Szene. Das heißt, das Geschäft muss sich nicht nur rechnen, sondern man muss berechnen können, wie es wächst.

Die Berliner Studenten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer hatten so eine Idee: ein kostenloses Interrail-Ticket für jeden 18-Jährigen. Die Älteren wurden sogleich nostalgisch und dachten an rumplige Schlafwagen zwischen Frankreich und Spanien in den 80er-Jahren. Und daran, dass die Jugend in Zeiten des Brexit und des Rechtspopulismus ganz gut etwas Reisefieber gebrauchen kann.

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Herr und Speer hatten die Idee vor einem Jahr, warben und bekamen Unterstützung durch EU-Politiker. Natürlich ist das keine klassische Geschäftsidee, am Ende wird der Steuerzahler zahlen. Aber vielleicht tun sich die beiden ja mit den Gründern von Flixbus zusammen und machen eine Jugendreisefirma auf. Könnten wir gut gebrauchen. Til

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