Der Kampf der

Videotheken

Zunehmende Konkurrenz, günstige Online-Verleiher, illegale Downloads, Internet-Pornos, geldgierige Filmstudios – die Existenz der Videotheken ist bedroht. Wer überleben will, muss herausstechen

Eine junge Frau läuft über das ungeschliffene Parkett an den Billy-Regalen entlang. Immer wieder bleibt sie stehen. Ihre Augen scannen jede einzelne DVD, manche nimmt sie liebevoll in die Hand und liest den Text auf der Rückseite. „Internet macht doof und fett“, sagt die 31-jährige Promotionsstudentin. „Ich mag es lieber, zum Videodrom zu laufen und kurz zu quatschen. Man findet dadurch viel interessantere Filme.“ Dann vertieft sie sich wieder in einen der Klappentexte.

Foto: Wikipedia/KMJ - by User: KMJ of the german wikipedia. (GNU-FDL, selbst fotografiert)
Foto: Wikipedia/KMJ – by User: KMJ of the german wikipedia. (GNU-FDL, selbst fotografiert)

 

An der Theke steht ein Stammkunde, er leiht sich Filme systematisch nach dem chronologischen Reclam-Filmlexikon „Die 500 besten Filme“ aus. Jetzt ist er bei 1982 angekommen: „ET“. Das Videodrom gilt als eine der besten Videotheken in Berlin und wirkt wie aus einer beschaulichen Zeit. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Kaufen oder Klicken – das scheint immer mehr Filmfans naheliegender als der Gang in die  Videothek um die Ecke: Entweder stellt man sich den Film zum Schnäppchenpreis gleich ins heimische Bücherregal oder man ordert ihn im Internet zur einmaligen Ansicht. Das bleibt nicht folgenlos: Bundesweit mussten in den Jahren 2008 und 2009 insgesamt über 1.000 Verleihstandorte schließen. 2006 gab es noch 198 Videotheken in Berlin, 2009 nur noch 140 – über ein Viertel weniger.

Aber einige wenige Videotheken zeigen, dass es auch anders geht. Das Videodrom, eine Kreuzberger Institution, zog im letzten Jahr um in die Friesenstraße – um sich zu vergrößern. Der Andrang in der dienstältesten Programmvideothek Berlins ist ungebrochen: Stammkunden sowie Neuankömmlinge, Filme-Allesfresser und wählerische Genusscineasten, Klassikerfans und Horrorfanatiker, Kunden aus Potsdam oder aus der Nachbarschaft kommen, um aus der riesigen Sammlung des Inhabers Graf Haufen zu wählen.

Der 46-Jährige mit den knallbunten Hawaii-Hemden gehört seit Ende der 80er-Jahre zum Videodrom wie Woody Allen zu New York. Mit bürgerlichem Namen heißt er Karsten Rodemann – nur nennt ihn niemand so, selbst seine Mutter sagt „Häufchen“. Über 26.000 DVD-Filme sind in seinem Videodrom ausleihbar. „Wir horten alles. Wir schmeißen etwas nur raus, wenn wir bessere Fassungen bekommen“, sagt Graf Haufen. Er weiß um die Krise der Branche. „Es wird immer Videotheken geben, da bin ich sicher. Es ist nur die Frage, wie sie aussehen werden. Das Ende von traditionellen Verleihern ist absehbar.“

Was die Zukunft bringen wird, lässt sich wie so oft an der Entwicklung in den USA ablesen: Im Jahr 2010 meldete sich der amerikanische Videothekenriese „Blockbuster“ insolvent – mit einem Schuldenberg von einer Milliarde Dollar. Online-Videotheken mit monatlichen Flatrate-Angeboten hatten den Filialen massenweise die Kunden abgezogen. Auch hierzulande gehen „Video-on-Demand“-Portale wie etwa „maxdome“ in die Werbeoffensive. Und die zahlreichen illegalen Download-Webseiten lassen sich nicht ausmerzen.

Mehrwert gegenüber dem Internet schaffen

Kaum war das allseits beliebte „kino.to“ abgestellt worden, poppte es an anderer Stelle, unter leicht variiertem Namen, wieder auf. Zudem versuchen Produktionsfirmen wie Twentieth Century Fox sich an einer neuen Strategie: Einige Blockbuster werden nicht, wie sonst üblich, zuerst in den Verleih und erst später in den Verkauf gegeben. Ein Affront für Videothekenbetreiber – mit kaufmännischem Hintergrund. Mehr als 1,4 Milliarden Euro Umsatz machte der Videokaufmarkt im Jahr 2010 laut Bundesverband für audiovisuelle Medien – der Verleihmarkt nur 200 Millionen.

Wer erreichen will, dass die Menschen sich auf den Weg in die Videothek machen, statt eine Taste auf dem Laptop zu drücken, muss gegenüber dem Internet einen Mehrwert bieten. Den Videothekenbetreibern, die nach neuen Wegen suchen, kommt die Geschichtsvergessenheit der schnelllebigen Branche zugute. Sie setzen längst vergessene Klassiker in die Regale.
Als die Fortsetzung von „Wall Street“ ins Kino kam, konnten sie mit dem Original aus dem Jahr 1987 glänzen, während die Filialen großer Ketten meist nur Neuheiten bieten. Außerdem werden in ausgewählten Videotheken, um das Gleichgewicht aus Kunst und Unterhaltung zu wahren, ganz bewusst Filme angeschafft, die keinen kommerziellen Erfolg versprechen. Und: Man nimmt sich Zeit für eine ausgiebige Beratung und verdient sich so eine Stammkundschaft.

Pornografie – früher eine Haupteinnahmequelle vieler Videotheken – ist wegen des Internet-Überangebots auf Seiten wie „youporn.com“ immer weniger lukrativ für die Verleiher. Der Anteil pornografischer Produkte am Verleih ist laut Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in den vergangenen fünf Jahren um über zehn Prozent zurückgegangen und liegt heute nur noch bei zwölf Prozent. Viele Verleiher trennen sich deshalb von der Hardcore-Erotik.

In Graf Haufens Videodrom gibt es keine Pornos. Und auch sonst ist der zukunftsorientierte Inhaber mit der Zeit gegangen. Wo früher düsteres und muffiges Alternativambiente herrschte, ist es heute luftig und hell. Es herrscht Rauchverbot, auf der Theke gibt es Süßigkeiten, in der Ecke eine Sitzgarnitur. Kleine handgeschriebene Zettel empfehlen Herzstücke: „Tipp von Graf Haufen“ steht da zum Beispiel.

King Kong auf dem Handydisplay

Auch in einigen anderen Videotheken empfiehlt mittlerweile jeder Mitarbeiter Filme aus seinem bevorzugten Genre. Film Noir, japanisches Kino oder italienische Thriller. Das Videodrom geht mit monatlich liebevoll zusammengestellten Empfehlungen noch darüber hinaus. Anlässlich des Filmstarts von David Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“ gab es das Monats-Special „Freud/Jung“ mit einer Sammlung von Filmen zum Thema Psychoanalyse.

Derzeit aktuell – und das muss man sich erstmal trauen: „Melancholie: Herbst im Herzen“. Ein Ensemble der tristesten Filme aller Zeiten, die einen so richtig runterziehen, von Sofia Coppolas „The Virgin Suicides“ über Jim Jarmuschs „Dead Man“ bis zu Lars von Triers „Dancer in the Dark“.
„Es läuft okay, aber könnte besser sein“, sagt Graf Haufen über die Situation am Videothekenmarkt. „Interessant ist, dass es überhaupt kein Unrechtsbewusstsein bei illegalen Downloads zu geben scheint. Mich haben sogar schon Kunden gefragt, ob ich weiß, wo man etwas runterladen kann. Das ist schon ziemlich frech.“
Dafür akzeptieren sie dann aber auch schlechte Bildqualität. „Star Wars“ auf dem Notebook, „King Kong“ auf dem Handydisplay. Für zahlreiche Filmliebhaber ist das nichts. Und genau darin stecken Chance und Hoffnung für die Videothekenbetreiber.

Berlins beste Videotheken

Videodrom
„Das Leben ist zu kurz für schlechte Filme“ ist hier das Motto, zur Auswahl stehen über 26.000 DVDs, außerdem ist man offen für Filmwünsche.
Passender Film: „Violent Cop“ von Takeshi Kitano
Friesenstr. 11, Kreuzberg, U Gneisenaustraße, Mo-Fr 14-23 Uhr, Sa 12-24 Uhr, So 16-22 Uhr, www.videodrom.com

Filmkunst Bar
Für Liebhaber von versponnenen Avantgarde-Filmen. Zum Bier an der Bar gibt’s Tipps vom Inhaber, außerdem kostenlose Filmabende.
Passender Film: „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel
Reichenberger Str. 133, Kreuzberg, U Görlitzer Bahnhof, Mo-So 12-24 Uhr

Filmkunst Friedrichshain
Aus Couchkartoffel wird Kinogänger: im Ladenkino der Videothek laufen täglich aktuelle Programmfilme für 4 bis 4,50 Euro.
Passender Film: „Die Tiefseetaucher“ von Wes Anderson
Gärtnerstr. 19, Friedrichshain, U Samariterstraße, Mo-Do 12-24 Uhr, Fr und Sa 12-1 Uhr, So 13-24 Uhr, www.filmkunst-berlin.de (mittlerweile geschlossen)

Filmgalerie 451
Vor Ort gibt es das selbstgemachte, tausendseitige Filmlexikon, alle aufgelisteten Filme sind erhältlich.
Passender Film: „Fahrenheit 451“ von François Truffaut
Torstr. 231, Mitte, U Oranienburger Tor, S Oranienburger Straße, Mo-Sa 12-0 Uhr, So 14-0 Uhr, www.filmgalerie-berlin.de