Wohnnot

Berlins irrer Wohnungsmarkt

In Berlin knallen die Wohnungskosten durch die Decke. Vor genau einem Jahr war der rot-rot-grüne Senat angetreten, das zu ändern. Es ist eine fast unmögliche Mission. Und die Zeit wird knapp

Jetzt ist die Angst also auch bei ihnen im Haus. Die Angst, verdrängt zu werden. Aus ihrem Kiez, aus der Innenstadt. Diese Angst ist so Berlin.

Ein paar Tage, bevor sie losziehen wollen mit Laternen und Heißgetränken und ihrer ganzen Angst, durch den Kiez, von einem von Spekulanten bedrohtem Haus zum nächsten, mit ihrer Initiative „Wir sind das Milieu“ – eine knappe Woche vor dem Umzug also sitzt Clara Bernhard in einem Café, wenige Schritte von ihrer Wohnung im Kungerkiez entfernt. Sie erzählt von exorbitanten Mietsteigerungen. Von Investoren mit rustikalen Manieren, die auf Rendite aus sind, mit allen Mitteln.

Vor genau einem Jahr ist der Senat aus SPD, Grünen und Linke angetreten, um „bezahlbares Wohnen für alle“, so steht es im Koalitionsvertrag, zu schaffen. Katrin Lompscher, die linke Stadtentwicklungssenatorin, soll dafür sorgen. Vielleicht der härteste Job der Stadt.

Abendliche Demonstration von 100 Menschen gegen Mietwucher im Kungerkiez: 30 Seiten Modernisierungsankündigung
Foto: Lena Ganssmann

Eine Gruppe kämpft um ihren Kiez

Einst galt der Kungerkiez in Alt-Treptow als ruhige Wohngegend. „Früher war hier mehr Ödnis“, sagt auch Clara Bernhard, Anfang 30, seit 1989 im Kiez. Vor einigen Jahren begann es auch hier, wie es immer beginnt. Erste Baulückenbauten, junge Kreative. Größere Autos, teurere Kinderwagen. Ein Biomarkt. „Ich gehe da ja auch einkaufen“, windet sich Clara Bernhard, die eigentlich anders heißt. „Ist aber eben unschön für die Mieten.“

Und dann begann es auch in ihrem Haus.

2012 hatte eine gewisse Citec Immo Berlin GmbH ihr Haus gekauft. Es war bis dahin immer in Privatbesitz gewesen. Und innen und außen ziemlich abgerockt. Die Citec stammt aus Österreich. Deren Eigentümer versilberten vor Jahren ihr gesamtes Zinshausportfolio in Wien und stiegen in den Berliner Markt ein. Zuletzt ist die Citec Immo Berlin GmbH in Neukölln aufgefallen. Der linke Szeneladen Friedel 54 wurde zwangsgeräumt.

Im Sommer lag die Ankündigung der energetischen Modernisierung, 30 Seiten, in Clara Bernhards Briefkasten. Fenster, Fassade, Müllhaus. Die Kosten werden mit elf Prozent jährlich auf die Miete draufgeschlagen. Bei ihr sind das knapp zwei Euro pro Quadratmeter mehr.

Clara Bernhard hat den Mietspiegel für ihre Wohnung abgefragt. Danach müsste diese rund fünf Euro kalt pro Quadratmeter kosten. Tatsächlich zahlt sie fast das Doppelte. Jetzt schon.

Die Mieterschaft im Haus ist sehr heterogen. 46 Mietparteien, drei Gewerbeeinheiten. Ein Rentner auf Grundsicherung. Eine bettlägerige Frau. Familien mit einem Kind wie sie. Oder zwei, drei. WGs. Singles. Viele werden sich diese Mieterhöhung kaum leisten können.

„Wir sind das Milieu“, im Spätsommer unter anderem von Clara Bernhard gegründet, hat rund 50 Mitglieder aus der Karl-Kunger-Straße 19/20 und der Bouchéstraße 22 und 23. Bei einer Protestaktion hängten sie Plakate an ihren Balkonen auf. „Wir sind das Milieu! Gegen Mietexplosion im Kungerkiez.“ In einer Mieterberatungsstelle empfahl man ihnen, die Transparente besser wieder abzunehmen. Weil: Kündigungsgrund.

Seit Juli 2016 ist der Kiez ein Milieuschutzgebiet, eines von 42 in Berlin. Damit soll die Wohnbevölkerung vor negativen städtebaulichen Veränderungen geschützt werden. Modernisierungen müssen vom Bezirks­amt Treptow-Köpenick genehmigt werden. Aber vom Bezirk fühlt sich Clara Bernhard im Stich gelassen. Vom Senat auch. Weil der vor allem auf den Bezirk verweist.

Beim Bezirksamt ist bis Redaktionsschluss kein Antrag auf Modernisierung eingegangen. Trotz mehrfacher Aufforderung, wie der Bezirksstadtrat Rainer Hölmer auf Anfrage schreibt. Er bekam nicht einmal eine Antwort.

„Ich schwöre“, sagt Clara Bernhard düster, „dass die im Januar trotzdem das Gerüst hochziehen.“

Ephraim Gothe bekommt Angst

Beim Neubau ist Mitte Berlins Zentrum des Wohnungsirrsinns. Die meisten Baugenehmigungen (3543 in diesem Jahr), die teuersten Kaufpreise (4100 Euro je Quadratmeter). Dazu einige der beklopptesten Immobilienprojektnamen. Grandaire Berlin Mitte, yoo Berlin, A Space. Preisbeispiele: rund 7.400, 13.000, 8.000 Euro pro Quadratmeter. Diese Preisspirale „… ist Wahnsinn“, beendet Ephraim Gothe den Satz. „Der totale Wahnsinn.“

Wenn Mittes Baustadtrat durchs Bürofenster im ersten Stock vom Rathaus Wedding blickt, sieht er eine Szenerie, die mit dem Hochpreisen so gar nicht in Einklang zu bringen ist. Die Müllerstraße, Weddings dirty Boulevard. Menschen mit schwierigem Alltag. Beim Jobcenter nebenan wird man vom Sicherheitsdienst begrüßt.

Der Wahnsinn ist aber auch, wie sehr in ganz Berlin am Bedarf vorbei gebaut wird. Unter den rund 30.000 neuen Wohnungen seit 2014 bis September 2017 waren 402 geförderte Sozialwohnungen. Ganze 1,5 Prozent.

„Meine These ist, dass Stadtentwicklung die neue soziale Frage ist“, sagt Gothe. In Anlehnung an einen Satz des Architekten Daniel Libeskind. In den großen Städten drohe ein weiterer Entmischungsprozess. Was dagegen helfe? „Erstens: Wir müssen bauen, dass es nur so kracht.“ Sagt Gothe. Mit privaten Investoren. Vor allem aber mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Degewo, Gesobau, Gewobag, Howoge, Stadt und Land, Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM). Die sollen die Hälfte ihrer neuen Wohnungen für 6,50 Euro, die andere Hälfte für 10 Euro pro Quadratmeter vermieten. Aber in Mitte stehen die Städtischen knietief im Soll. Es fehlt an Grundstücken, an Baukapazitäten.

»Das ist kein sozialer Wohnungsbau, das ist die Ausplünderung Berlins« – Andrej Holm, Stadtsoziologe, bei einer Demo am Maybachufer

Noch dramatischer ist für Gothe die Lage im Bestand. „Wie da die Preise galoppieren. Dass wir es nicht schaffen, die Umwandlung in Eigentumswohnungen aufzuhalten.“ Profiteure sind nicht nur „Glücksritter“, wie Gothe sie nennt. Sondern auch Giganten wie die Deutsche Wohnen, mit 100.000 Wohnungen der größte private Player Berlins, die einst landeseigenen GSW-Wohnungen gehören dazu. „Die drehen radikal an allen Schrauben, die der Markt bietet“, sagt Gothe. „Das macht mir Angst.“

– Herr Gothe, wie hoch ist der Arschlochfaktor in der Immobilienbranche?

Gothe: „Nicht alle sind Immobilienhaie. Aber der Goldrauschfaktor, der ist schon verlockend.“ Und dann, sehr nachdenklich: „Dem erliegen schon viele.“

Am Ende des Gesprächs sagt der Baustadtrat: „Wir müssen das als Rot-Rot-Grün schaffen. Wenn wir diese Chance nicht ergreifen, wer soll es dann machen?“

Ein Sozialmieter fühlt sich als Zombie

Mitte November, ein bitterkalter Samstagvormittag. Vor einem schlichten 80er-Jahre-Bau am Neuköllner Maybachufer stehen rund 200 Menschen im Halbkreis. Beim „Umzug der Verdrängten“. Ein Robben & Wientjes-Lieferwagen dient als Bühne. Davor stehen Sessel, ein Sofa und zwei Yuccapalmen. An den Balkonen hängen Transparente. Eine Frau ruft: „Und jetzt alle: Lompscher, tu was!“ Und ein Mann schreit: „Wo sollen wir denn hin?“

Die Mieter der sechs Häuser vom Maybachufer 40-42 und aus der Manitiusstraße 17-19 sollen ab Dezember eine Mieterhöhung von mehr als 2 Euro auf 9,82 Euro pro Quadratmeter zahlen – weit über dem Mietspiegel. Der Briefkopf der Hausverwaltung trägt den Spruch: „Wo aus Wohnen dein Zuhause wird.“ Der blanke Hohn.

Es ist ein besonders krasser Fall, wo offenbare Vermieter-Gier, eine verworrene Rechtslage und das bizarre System des Sozialen Wohnungsbaus in Berlin zusammentreffen. Für den Bau des Hauses gab es öffentliche Fördergelder und 2007 sogar einen 2,8-Millionen-Euro-Schuldenerlass von der Landesinvestitionsbank IBB. Die Sozialbindung der Wohnungen läuft Ende des Jahres aus. Es sieht so aus, als wollte der Vermieter, hinter dem Recherchen der Mieter zufolge dänische Investoren stehen sollen, versuchen, auf den letzten Drücker vor dem Eintritt in den freien Wohnungsmarkt mit dem asbestbelasteten Haus noch Kasse zu machen. Die IBB klagt dagegen derzeit vor dem Verwaltungsgericht.

Die Mieter haben eine Initiative gegründet, Mani&May, offene Briefe an den Senat und den Bezirk geschrieben. Die Stadtentwicklungssenatorin, sagen sie, könnte mit einer Rechtsverordnung den Mietwucher abwenden. Sie müsste es nur bald tun. Bis Ende des Jahres. Eine der Organisatoren sagt: „Viele hatten Hoffnung in Frau Lompscher gesetzt. Ich sehe aber keinen politischen Willen, uns zu helfen. Wir sind eher die Zombies des alten sozialen Wohnungsbaus.“

Zwei Wochen nach diesem Sonnabend werden sie sich zu einem weiteren Umzug der Verdrängten vor dem Rathaus Neukölln treffen.

Irgendwann an diesem Samstag klettert Andrej Holm auf die Lieferwagenbühne, der sehr linke Stadtsoziologe, und ruft ins Mikrofon: „Das ist kein sozialer Wohnungsbau, das ist die Ausplünderung Berlins!“ Nach ihm steigt der Chef des Berliner Mietervereins, Reiner Wild, hoch: „Wir brauchen eine umfangreiche Reform des Sozialen Wohnungsbaus, und wir brauchen sie jetzt, und mit R2G haben wir eine Chance dazu!“ Und dann skandiert Wild ins Mikrofon: „Lompscher, tu was! Lompscher, tu was!“

Und alle stimmen lauthals ein.

Drauf geschissen: Berlin hat die Nase voll von steigenden Mieten
Foto: Lena Ganssmann

Katrin Lompscher redet und redet nicht

„Lompscher tut was“, sagt Lompscher. „Wir haben den Fall auf dem Tisch.“

Ein paar Tage nach dem Umzug am Landwehrkanal. Katrin Lompscher, 55, sitzt im 14. Stock des Senatsverwaltungshochhauses am Preußenpark. Es war ein irres erstes Jahr. Regelmäßig kriegt sie aufs Dach. Von der privaten Immobilienwirtschaft, von der sie „Neubauverhinderin“ und „Mietpreistreiberin“ genannt wird. Von der Opposition, die ihr, wie der Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf, die Blockierung von Bauvorhaben aus „ideologischen Gründen“ vorwirft. Weil die Koalition die Elisabeth-Aue nicht anfassen mag. Und Lompscher selbst den Fischerinsel-Turm gekillt hat.

Aber auch der Koalitionspartner SPD ist kein Fanclub von ihr. Dort, wo so mancher den Verlust des geliebten Bauressorts noch nicht abschließend betrauert hat. Lompscher, grummeln da einige, reguliere lieber Mieten im Bestand, als den Neubau anzukurbeln.

Schon der Beginn ihrer Amtszeit: was für ein Gurkenstart. Andrej Holm, ihrem neuen Staatssekretär, flog seine jugendliche Stasi-Mitgliedschaft 28 Jahre danach um die Ohren. Lompscher gab dem Job dann aber keinem ähnlich gesinnten Gentrifizierungs-Experten. Sondern tat in der sächsischen Linksfraktion den smarten Anzugträger Sebastian Scheel auf. Wollte einen Kontrast zu Holm, sagt sie, und mehr parteipolitische Bindung: „Dit war schon so.“

Dit. Ick. Rutscht ihr öfter in die Sätze rein. Gebürtige Berlinerin eben. Ost. Kritik an ihr sei normal, sagt sie. Sie ist eben jetzt Senatorin. „Dit bin ick übrigens auch gern.“ Das muss sie jetzt sagen, vielleicht. Klingt ja alles nicht nach Spaß. So viele Baustellen. Viele Fronten.

Die Deutsche Wohnen klagt gegen den Mietspiegel. Der Zoff um die Ferienwohnungen. Die lächerliche Mietpreisbremse. Die Modernisierungsumlage, die Lompscher lieber abschaffen oder wenigstens begrenzen will. Sie ist aber, wie die Mietpreisbremse, Bundesrecht. Da kommt man auf Landesebene nicht ran.

Und da ist noch der Vorwurf der privaten Immobilienakteure, bei der Senatorin nicht durchzudringen. Lompscher, mit durchaus feinem Sinn für Komik: „Die Legende ist: Ick rede nicht mit ihnen. Sagen sie mir, wenn ich mit ihnen rede. Was ick interessant finde. Weil, ich rede ja in dem Moment mit ihnen.“

Reiner Wild vom Mieterverein, der Lompschers Arbeit schätzt, zum Beispiel die Begrenzung der Mietsteigerungen bei den öffentlichen Wohnungsunternehmen auf zwei Prozent pro Jahr, formuliert es noch schöner: „Die Privaten haben sich beschwert, dass sie nicht im Koalitionsvertrag stehen. Die können von Glück sagen, dass sie da drin nicht vorkommen.“

194.000 neue Wohnungen braucht Berlin nach Senatsplänen bis 2030. Davon allein 100.000 bis 2021, dem Ende der Legislaturperiode. 20.000 pro Jahr. Mietdämpfend sollen dabei vor allem die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften wirken. Die sollen ihren Bestand von jetzt 300.000 perspektivisch auf 400.000 Wohnungen erhöhen, neulich rief der SPD-Landesparteitag sogar 500.000 auf. Jedenfalls: 30.000 neu gebaute Wohnungen bis 2021. Im Schnitt 6.000 pro Jahr.

Aber von 2014 bis 2016 bekamen die landeseigenen Unternehmen keine 3.000 Wohnungen fertig. Dafür aber einen Offenen Brief an Lompscher. Den schickten sie kürzlich herum. Mit einer langen Liste von Neubauhemmnissen. Schleppende Zuteilung von landeseigenen Baugrundstücken, Bremsmanöver der Bezirke, ausgebuchte Baufirmen, allzu große Senatsprioritäten auf Bürger-Mitbestimmung. Lompscher sagt: „Über solche Dinge sollte man Face-to-face reden.“

— Ach, Sie wurden von den Vorwürfen überrascht?

„Nein, wir reden ja intensiv darüber. Ich verstehe das Ganze eher als Absicherung: Wenn die politisch vereinbarten Zahlen nicht erreicht werden, sind nicht sie daran Schuld, sondern die Umstände.“

— Ein Schwarzer-Peter-Spiel?

„Kann sein, ein Stück weit.“

Dabei hat Lompscher einiges angeschoben. Die Planungs- und Baubehörden in den Bezirken bekamen 130 Stellen extra. Die Bezirke erhalten finanzielle Neubauanreize. Gegen Grundstücksspekulation will sie die Geltungsdauer von Baugenehmigungen und Bauvorbescheiden verkürzen. Eine Modernisierungsförderung soll Mietsteigerungen begrenzen, ein neuer Stadtentwicklungsplan Wohnen Ende 2018 fertig sein. Aber hilft das alles gegen die brutale Dynamik des Wohnungsmarktes?

Lompscher weiß, sie muss liefern. Sehr bald. Und sitzt zwischen vielen Stühlen dabei. Wie sehr spürt sie den Druck? „Ich sage mal: Wenn der Berliner sagt: Kannste nich meckern, ist das schon das größte Lob.“

Eine gute Woche nach diesem Gespräch mit ZITTY wird sie den Mietern vom Maybachufer 40-42 und aus der Manitiusstraße 17-19 eine Miethilfe für die Zeit des IBB-Verfahrens gegen die Erhöhungen ab 2018 in Aussicht stellen. Eine freiwillige Leistung des Landes. Der Senat entscheidet darüber am 12. Dezember.

Umzug der Verdrängten am Maybachufer: schließlich doch Hilfe von Lompscher
Foto: Erik Heier

Ein Immobilienmann sieht blau

Wenn Andreas Schulten die einsame Hauptrolle des Investorenverstehers geben soll, zieht er sich einen blauen Anzug an und freut sich auf erhitzte Debatten.

An einem Montagabend sitzt der Vorstand der Unternehmensberatung Bulwiengesa beim Stadtforum Wohnen! auf dem Podium – als einziger Vertreter aus der Privatwirtschaft. Im Kühlhaus am Gleisdreieck diskutieren vor allem stadtpolitisch agile Architekten und Stadtplaner über den nächsten Stadtentwicklungsplan Wohnen. Private Bauträger scheinen kaum da zu sein.

Als träfe sich eine Filterblase zum Wandertag.

Schulten debattiert in einem der vier Themenforen, Fokus: „Wohnen leistbar machen“. Und stöhnt: „Ich beiße hier gleich in die Tischkante. Hier wird nie über einen Partner geredet, der gerne bauen würde, es aber nicht kann.“ Und: „Die Privaten sind nicht das Böse.“

Schulten beklagt dramatisch steigende Bodenpreise. Eine Verfünffachung binnen weniger Jahren im Zentrum: „Warum dürfen Bodenpreise steigen und steigen, ohne dass wir Gesetze haben, die das eingrenzen?“

Tage später, am Telefon, erzählt er von Investoren, die mittlerweile lieber in Brandenburg bauen würden, sogar am BER, weil es in der Mark eine „Willkommenskultur“ gäbe. Ganz anders als in Berlins Verwaltung.

Schulten glaubt, dass die Baugenehmigungen für neue Wohnungen in Berlin in den nächsten Jahren eher wieder zurückgehen würden. Im Innenstadtbereich mache den Wohnungen vor allem der Büroneubau Konkurrenz. In Mitte beispielsweise stände nur ein Prozent der Büros leer. „Das treibt die Mieten und macht Büroneubau wieder attraktiver als Wohnungsbau.“ Und der Unternehmensberater sagt: „Da steht die Politik mit dem Rücken zur Wand.“

Ruft man beim BBU an, dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, dessen 355 Mitgliedsunternehmen 1,1 Millionen Wohnungen bewirtschaften, hat man einen nur mäßig gestimmten Pressesprecher am Apparat, David Eberhart, der lange über das dürftige Neubauklima in Berlin redet, von den Fachkräfteproblemen der Baubranche, und von einem Verständnis von Mitbestimmung in Berlin, das von Anwohnern eher als „Aufforderung zum Widerstand“ gegen Bauvorhaben interpretiert werde.

Eberhart hat eigentlich nur einen Wunsch an Katrin Lompscher: Sie möge dem Neubau oberste Priorität einräumen: „Berlin bräuchte längst einen Masterplan Wachstum. Wir müssen raus aus diesem Klein-Klein.“

Rote Punkte in den Fenstern der Zossener Straße: Sie wollen keine Opfer sein
Foto: Andreas Langner

Florian Schmidt macht eine Entdeckung

„Berliner Investorenschreck.“ So überschrieb eine Immobilien-Zeitung ein Interview mit Florian Schmidt. Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat kann damit gut leben. „Ist schon okay, wenn dieser Schreck da ist. Dann kann man gucken, wie man zusammenarbeitet.“

Nirgendwo in Berlin sind Eigentumswohnungen im Bestand so teuer wie in Friedrichshain-Kreuzberg. Nirgendwo ist aber auch das Widerstandspotenzial so hoch. Von Initiativen wie Kotti & Co oder Bizim Kiez bis zur Rigaer Straße 94. Eine widerständige Mischung.

„Wir sind ein gefundenes Fressen für Investoren“, sagt Schmidt. „Der Run auf zentrale Berliner Altbauten ist ungebrochen.“ Er hat Stadtsoziologie studiert, am selben HU-Institut wie Andrej Holm übrigens. Seit einem Jahr leitet er in Friedrichshain-Kreuzberg das Bauressort. Und geht den Immobilienbesitzern mit Freude auf die Nerven. Weil er seit einem Jahr, wenn Häuser in den Milieuschutzgebieten des Bezirks verkauft werden – knapp die Hälfte der gut 280.000 Einwohner lebt in diesen Quartieren –, das Vorkaufsrecht des Bezirks auffährt.

Als erstes schickt er Hauskäufern gern eine Abwendungsvereinbarung. Damit verpflichtet sich der Käufer, auf Maßnahmen wie überzogene Modernisierungen oder die Umwandlung in Eigentumswohnungen zu verzichten. 20 Jahre lang. Sonst kann der Bezirk in den Vertrag einsteigen – zugunsten eines Dritten, meist einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft wie der WBM.

Als Schmidt begann, seine Standardbriefe rauszuhauen, glaubten sie in der Immobilienbranche noch an eine leere Drohung. „Diese Idee ist widerlegt, das wissen sie jetzt“, sagt Schmidt und grinst. „Wir bluffen nicht.“

Von den 13 Vorkaufsfällen in Berlin hat Schmidt allein in seinem Bezirk zehn durchgezogen. Dazu zehn Abwendungen. Insgesamt 400 bis 500 Wohnungen. Der Senat hat jetzt ein Leitfaden zum Vorkaufsrecht erstellt und 100 Millionen Euro dafür bereitgestellt.

Neuerdings macht Schmidt eine interessante Beobachtung. „Es sind auf einmal viel weniger Verkäufe.“ Er weiß noch nicht, ob es ein Trend wird. Ob er sich fortsetzt. Ob es ein Hoffnungsschimmer ist oder doch nur ein Luftholen des Marktes. Sein Ziel ist es, mit den diversen Instrumenten – Ankauf, Vorkauf, Abwendungen – pro Jahr 1.000 bis 1.500 Wohnungen zu sichern. Sein Haus bereitet gerade eine Projektstudie vor. Die Mieter im Bezirk sollen aufmerksam sein, ob ihr Eigentümer das Haus verkaufen will – und prüfen, ob sie es einvernehmlich als Genossenschaft oder mit dem Miets­häusersyndikat übernehmen. „Wir fördern die Eigentumsbildung“, sagt Florian Schmidt.

Wohneigentumsförderung. Ausgerechnet von ihm, dem eher linken Stadtrat. Wenn das keine Pointe ist.

Protestaktion in der Matternstraße: „irgendein Büro besetzen“
Foto: Martin Strubelt

Mieter retten sich selbst

Vielleicht ist der Hype um das Vorkaufsrecht größer als das Vorkaufsrecht selbst. Aber die Botschaft, die Schmidt, die der Senat aussendet, ist klar: Immobilien-Spekulation lohnt sich vielleicht. Aber nicht hier.

Es ist aber auch ein verdammt harter Weg. Jemand aus dem Haus muss sich reinhängen. Es wirklich wollen.

In der Matternstraße 4 in Friedrichshain wäre es beinahe schief gegangen. Eine Luxemburger Firma, die Albert Immo S.a.r.l., wollte im vergangenem Juli das 33-Wohnungen-Haus in Friedrichshain, Baujahr 1905, kaufen. Für 5,1 Millionen Euro.

Als die Mieter davon Wind bekamen, schrieben sie den Baustadtrat Florian Schmidt an. Das Haus liegt im sozialen Erhaltungsgebiet „Petersburger Platz“. Doch die Jahreskaltmiete von 144.000 Euro war zu gering. Oder der Kaufpreis zu hoch. Das Verhältnis beider Werte heißt Kaltmietenfaktor. Die Richtlinien zum Vorkaufsrecht schreiben einen Höchstfaktor von 28 vor. In der Matternstraße lag er bei 35. Die WBM sagte den Kauf ab.

Martin Strubelt, Mieter im Hinterhaus, sagt: „Das Vorkaufsrecht macht keinen Sinn, wenn Häuser mit günstigen Mieten nicht gekauft werden können.“ Schließlich schoss das Land 500.000 Euro hinzu, die Mieter stimmten einer einmaligen außerordentlichen Mieterhöhung im Rahmen des Mietspiegels zu. Dann schlug die WBM doch noch zu. Im zweiten Anlauf.

Strubelt sagt: „Wir hatten Glück, dass Wahlkampf war.“ Neben ihm sitzt Katharina, Vorderhaus, die sich als DJ Swinka nennt, und sagt: „Wenn ich verdrängt worden wäre: Ich hätte nicht gewusst, wo ich hinziehen soll.“ Strubelt: „Wenn der Baustadtrat zwei Tage vor Fristende gesagt hätte, wir schaffen es nicht, hätte ich auch nicht gewusst, was ich jetzt tun soll.“ Katharina: „Hungerstreik?“ Strubelt: „Ich wäre eher in die Richtung gegangen, irgendein Büro zu besetzen. Zum Beispiel vom Finanzsenator.“ Dann lacht er.

Die Zossener Straße 48 in Kreuzberg ist auch einer dieser unscheinbaren Altbauten in guter Lage. Am Tag, als der rot-rot-grüne Senat vereidigt wird, dem 8. Dezember 2016, steckt ein Schreiben im Briefkasten von Yvonne von Langsdorff. Das Haus wurde verkauft. Yvonne von Langsdorff lud alle Mieter in ihre Wohnung ein. Krisensitzung. Jemand brachte das Vorkaufsrecht ins Spiel. Irgendwann klebten sie sich einen roten Punkt in die Fensterscheibe. Verkauft. Das Haus. Wir.

Aber: bloß nicht Opfer sein. Die Idee: Wir kaufen unser Haus. Wir selbst. Eine aberwitzige Idee.

Yvonne von Langsdorff sitzt in ihrer Küche am Tisch und erzählt mit großem Spaß von einem Kraftakt, der drei Monate dauerte. Wie sie telefonierte, vier Stunden täglich. Wie sie recherchierte, mehr als 800 Mails schrieb, die Mechanismen des Vorkaufs recherchierte. In der Hosendesign-Werkstatt des von ihr mitgegründeten Labels Zehnle von Langsdorff, gleich um die Ecke, sah man sie in diesen Monaten selten. Als Partner für den Vorkauf fand sie die Stiftung Nord-Süd-Brücken. Und das Mietshäusersyndikat. Dafür gründeten die Mieter einen Hausverein. Den Grund und Boden wollten sie per Erbpacht, für 99 Jahre, das Haus gemeinsam abzahlen. Auf ihrer Webseite www.zossener48.de steht: „Wir kaufen unser Haus, damit es niemandem gehört.“

Dann erfuhr sie, dass der Investor das Haus zu einem 800.000 Euro-Aufschlag weiterverkaufen wollte. Da setzte der Bezirks das Vorkaufsrecht durch. Dagegen klagte der Käufer vor dem Verwaltungsgericht. Der Verkäufer auch. Letzten Freitag schrieb Yvonne von Langsdorff ZITTY, alle Klagen seien zurückgezogen worden.

Am 1. Dezember übernimmt die Stiftung das Haus. Ab Februar 2018 kauft es ihr der Hausverein ab. So bleiben alle Mieter. „Wir sind dankbar, das wir ab dann unser Haus selbst verwalten dürfen, als auch gestalten dürfen“, jubelt sie, „und nieeeeeeeee mehr Angst haben müssen, dass man uns entmietet.“ Ein Traum, so wahr.

Vier Jahre bleiben dem Senat, bleiben Katrin Lompscher vorerst, dafür zu sorgen, dass dieser Traum kein Einzelfall bleibt. Es gibt viele Skeptiker. Keine allzu gewagte These: Scheitert Lompscher, scheitert Rot-Rot-Grün.

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