»Club Mate ist ja furchtbar«

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller im Interview

Michael Müller tritt zum ersten Mal als Berlins Regierender Bürgermeister zur Wahl an. Ein Gespräch über sein Langweiler-Image, die Autokünste seiner Frau, Kneipenabende mit Frank Henkel und weitere politische und persönliche Vorlieben

Interview: Erik Heier und Stefan Tillmann

Herr Müller, Sie haben mit Ihrem Vater eine Druckerei betrieben. Hatten Sie jemals eine Anfrage für den Druck von Hochzeitskarten, für die es kein Brautpaar gab?
Nein. Wir haben zwar viele Hochzeitsanzeigen gedruckt, aber immer mit Brautpaar.

Wir fragen ja nur. Schließlich planen Sie nach der Wahl am 18. September mit Rot-Grün – obwohl es dafür laut Umfragen überhaupt keine Mehrheit gibt.
Aber dafür ist doch der Wahlkampf da, dafür zu kämpfen. Ich finde es richtig, nicht nur bei den Inhalten, sondern auch bei den Konstellationen zu sagen, was man will. Und es gibt auch Umfragen, wo wenige Prozentpunkte zusätzlich reichen.

Sie haben mit Ihrem Ende vergangenen Jahres verstorbenen Vater nicht nur den Betrieb geführt, sondern sind ihm auch in die Politik – und in die SPD – gefolgt. Haben Sie nie gegen das Elternhaus rebelliert?
Es gab Auseinandersetzungen wie in jeder Familie. Wie lange darf ich wach bleiben? Wie lange darf ich in die Disco? Mit wem darf ich wann wohin reisen? Und es gab mit meinem Vater Auseinandersetzungen um die Druckerei: Wie führen wir die, was kaufen wir, wie investieren wir? Aber eine politische Rebellion hat nicht stattgefunden.

Ihre Eltern wollten, dass Sie Abitur machen, Sie nicht.
Das habe ich oft bereut. Vieles war ohne Abitur einfach schwerer. Ich musste mir vieles erkämpfen, habe leider nicht rechtzeitig erkannt, dass ich in der Schule hätte mehr machen müssen.

Sie können es ja noch nachholen.
Das Thema ist jetzt durch. Ist ja so schlecht nicht gelaufen.

Michael Müller
Berlins Regierender Bürgermeister im Interview
Foto: F. Anthea Schaap

Dennoch eine absurde Konstellation: Während man Lehrstellen oft nur noch mit Abitur bekommt, hat der Regierende Bürgermeister der Hauptstadt keines.
Deswegen setze ich mich dafür ein, dass die betriebliche duale Ausbildung auch wieder mehr gewürdigt wird, gerade in Handel und Handwerk, auch ohne Abitur. Weil ich selbst erlebt habe, dass man ein gutes selbstbestimmtes Leben auch ohne Abitur führen kann.

Wie muss man Sie sich als junger Mensch vorstellen? Hatten Sie lange Haare?
So wie Sie (deutet auf ZITTY-Redakteur Heier). Länger, übers Ohr. Der entscheidende Unterschied ist: Ich hatte damals mehr Haare als heute.

Waren Sie eher der Typ Streber oder eher der Typ Aufreißer?
Wenn ich ein Streber gewesen wäre, hätte ich ja Abitur.

Also Aufreißer?
Jetzt mal im Ernst: Ich habe nie geschwänzt und hatte Fächer, die mir viel Spaß gemacht haben und in denen ich auch gut war.

Welche denn?
Deutsch, Geschichte, Bio, Sport. Selbst Latein hat mir Spaß gemacht. Aber mir wurde immer klarer, dass ich eigentlich arbeiten will. Ich habe mir Adressen beim Arbeitsamt besorgt und bin hingefahren. Da war alles dabei: Speditionskaufmann, Industriekaufmann, Bürokaufmann. Und bei Bürokaufmann hat einer gesagt: „Du kannst Montag um 8 Uhr anfangen.“ Und deswegen habe ich dann Bürokaufmann gelernt.

Michael Müller
Michael Müller
Foto: F. Anthea Schaap

Wann war Ihnen klar, dass Sie eine politische Karriere einschlagen wollten?
Es war relativ früh klar, dass ich aktiv mitarbeiten wollte und ich habe mich auch nicht geziert, zu kandidieren. Aber dass es diesen Weg nimmt, das war nicht der Plan und das war auch nicht der Anspruch. Als ich Bezirksverordneter wurde, wollte ich auch Fraktionsvorsitzender werden. Und als ich Abgeordneter wurde, wollte ich auch im Abgeordnetenhaus Fraktionsvorsitzender werden. So ergab sich das. Aber ich bin nicht in die SPD eingetreten mit dem Anspruch Regierender Bürgermeister zu werden.

Geht das jetzt weiter? Weit zum Kanzleramt haben Sie es ja nicht.
Nein, ich bin sehr gerne Regierender Bürgermeister.

Was können Sie nach eigener Einschätzung nicht gut?
Ich kann aufbrausend sein, gerade bei den kleineren Dingen. Vor allem wenn jemand desinteressiert ist oder keine Lust hat, sauber zu arbeiten, dann wird es mit mir auch mal rustikal.

Wann haben Sie denn das letzte Mal gebrüllt?
Das ist schon etwas länger her.

Sie haben in Ihrer kurzen Amtszeit einige Tiefpunkte erlebt. Die gescheiterte Olympia-Bewerbung, das Lageso-Chaos, der BER. Welcher Moment war für Sie der bitterste?
Bitter waren natürlich die Probleme am Lageso. Weil es da um Menschen ging. Der BER war eine Bau-Katastrophe, die in Ordnung gebracht werden musste. Und es ist nicht schön, so etwas zu erben.

Und als die Genossen Jan Stöß und Raed Saleh im Juni 2012 ihre Abwahl vom Vorsitz der Berliner SPD durchsetzten?
Bei BER und Lageso geht es ja um die Stadt. Das andere war etwas Innerparteiliches und auch Persönliches. Natürlich hat mich das getroffen. Wir hatten 2011 eine Wahl gewonnen, haben den Regierungschef gestellt, ich habe eine ordentliche Arbeit gemacht als Parteivorsitzender und dann wird man abgewählt, das war nicht lustig. Da fragt man sich, wie man weiter macht und ob und wie man sich zurückkämpft. Und dazu gehört auch ein bisschen dickes Fell und Ehrgeiz.

Macht so eine Erfahrung einen paranoid?
Nein, paranoid nicht. Aber ich habe sehr bewusst wahrgenommen, wer sich damals bei mir gemeldet hat. Und das ist auch eine Stärke – oder eine Schwäche – , dass ich Dinge nicht vergesse.

Aber dass Jan Stöß’ Wahlplakat direkt vor dem Roten Rathaus hängt, ist für Sie okay?
Das ist sein Wahlkreis hier. Er macht einen engagierten Wahlkampf. Das ist völlig okay.

Den SPD-Landesvorsitz musste er trotzdem kurz vor dem Wahlkampf an Sie zurückgeben.
Es ging mir darum zu sagen: In dieser Zeit, in der viele Entscheidungen schnell getroffen werden müssen, ist es vernünftig, diese Funktionen zusammenzuführen – Regierender und Landesvorsitz.

Haben Sie jetzt in Ihrem Job als Regierender Bürgermeister weniger zu tun? Weil ja Wahlkampf ist.
Ich bin immer noch täglich im Büro. Aber man merkt, dass es hier ruhiger wird. Sonst sind es immer sieben bis acht Unterschriftenmappen, die ich pro Tag durcharbeiten muss. Jetzt sind es vier bis fünf.

Wir liegen, wenn man Ihnen glauben darf, in den letzten Zügen von Rot-Schwarz. Was genau war noch mal die „Henkel-CDU“, von der Sie jetzt immer reden?
Die Henkel-CDU ist die Berliner CDU, die repräsentiert wird von Frank Henkel. Partei und Vorsitzender vertreten Positionen, die für die Berliner SPD sehr schwierig sind. Die Verweigerung bei der gleichgeschlechtlichen Ehe, die schlechte Flüchtlingsaufnahme unter dem CDU-­Sozialsenator Czaja, die populistische Vermischung von Integrationsthemen mit Fragen der inneren Sicherheit, Frank Henkel repräsentiert eine Haltung und prägt eine Partei, die es zunehmend schwerer mit der Zusammenarbeit gemacht hat.

Wäre eine, sagen wir, „Heilmann-CDU“ oder -„Grütters-CDU“ für Sie eine andere CDU?
Nein. Natürlich, andere Personen setzen auch andere ­Akzente. Das sieht man auch beim Übergang Wowereit zu Müller. Deswegen ist die Partei aber nicht von heute auf morgen eine andere.

Aber ist Frank Henkel privat nicht auch ganz nett?
Ja. Ich habe nie etwas anderes gesagt. Das ist ja auch nur ein Vorurteil, dass wir nie miteinander telefonieren und nicht sprechen und nicht zusammen ein Bier trinken gehen können. Das ist völliger Quatsch.

Gibt es ein Foto, das Henkel und Müller beim Biertrinken in der Eckkneipe zeigt?
Ich hoffe nicht.

Der CDU-Generalsekretär Kai Wegner nannte Sie „lavierender Wankelmeister“? Kriegt so einer dann eine böse SMS?
Wer ist Herr Wegner?

Michael Müller
Michael Müller
Foto: F. Anthea Schaap

Oder eine WhatsApp-Nachricht? Haben Sie überhaupt WhatsApp?
Nein.

Auch nicht mit der Familie?
Nein.

Die grüne Spitzenkandidatin ihres neuen Lieblings-koalitionspartner, Ramona Pop, hat neulich in einem Gastbeitrag im „Tagesspiegel“ geschrieben, dass die SPD nicht glaubwürdig sei. Senkt das Ihre Lust auf Rot-Grün?
Ich staune ja immer, dass solche Sätze fallen, denn trotzdem will ja wohl auch Frau Pop mit der SPD regieren. Das ist schon merkwürdig. Ich habe gesagt, wofür ich kämpfe: ein stabiles Zweierbündnis unter Führung der SPD. Und ich glaube, es gibt sehr viele gute Schnittstellen mit den Grünen. Das ist eine Aussage, die mir so eindeutig von der Spitze der Grünen fehlt. Ramona Pop hat sich geäußert. Das ist schön. Nur: Da gibt es vier Spitzenkandidaten. Auch das muss man einordnen, was da momentan auf Seiten der Grünen los ist.

Vom wem würden Sie denn lieber ein Auto kaufen: Klaus Lederer von der Linken oder Sebastian Czaja von der FDP?
Von meinem Autohändler. Ich traue da beiden nicht viel Sachverstand beim Autoverkauf zu.

Wer fährt besser Auto: Ihre Frau oder Sie?
Ich. Meine Frau fährt sehr, sagen wir, zügig.

Sind Sie ein guter Beifahrer?
Ja. Ein ruhiger.

Sie haben immer in Tempelhof gelebt. Hatten Sie nie das Bedürfnis, mal woanders hinzuziehen?
Innerhalb Berlins nicht. Aber das ist wie mit dem Abitur. Natürlich ist es schade, dass ich nicht die Zeit nach der Ausbildung genutzt habe, um mal ein, zwei Jahre in einer anderen Stadt oder einem Land zu leben. Aber damals war das noch nicht so selbstverständlich wie heute. Da war schon England oder Frankreich aufsehenerregend. Nach Australien oder Amerika ging kaum einer aus meiner Schule. Das hätten meine Eltern auch nicht finanzieren können.

Haben Sie denn schon mal daran gedacht, Ihre Mietwohnung in Tempelhof zu kaufen?
Das steht gar nicht an, weil sie auch nicht angeboten wird. Als unsere Kinder geboren wurden, haben meine Frau und ich uns schon gefragt, ob wir ein Haus kaufen wollen. Aber wir sind inzwischen sehr froh, dass wir uns dagegen entschieden haben. Dadurch waren wir immer unabhängig und frei zu entscheiden, welche Wohnung wir in welcher Lebenssituation brauchen.

Kreuzkölln oder Prenzlauer Berg – was ist Ihnen mental näher?
Kreuzkölln, weil ich es einfach wesentlich besser kenne. War ja auch mein alter Kiez.

Ach ja?
Mein Onkel hat in der Juliusstraße in Neukölln gewohnt. Und gerade weil es meinen Eltern nicht so gut ging und die beiden sehr viel gearbeitet haben, bin ich in den ersten Jahren mehr oder weniger in den ersten Jahren bei meinen Großeltern am Südstern groß geworden. Neukölln, Kreuzberg, Lankwitz und Tempelhof waren wirklich die Orte meiner Kindheit im Alter von drei bis zehn Jahren.

Grill Royal oder Café Kranzler?
Das ist ja nicht mehr das alte Kranzler. Dann schon eher Grill Royal. Aber am liebsten Curry 36!

Club Mate oder Chai Latte?
Club Mate ist ja furchtbar. Also eher Chai Latte. Ist auch nicht toll, aber schon besser.

Was sagt es über Berlin aus, dass ein Michael Müller ein ganz normaler durchschnittlicher Mensch Bürgermeister ist?
Normalität. Ich glaube, dass es gut war, dass Klaus Wowereit auf Eberhart Diepgen gefolgt ist. In der Zeit hat Berlin sich gerade verändert und musste auch anders repräsentiert werden, national und international. Jetzt sind wir wieder in einer anderen Phase der Stadt, erwachsen geworden. Wir können mehr auf starke wirtschaftliche Bereiche setzen. Auf Wissenschaft, Digitalwirtschaft und Kultur.

Aber Sie könnten es anders verkaufen: In dieser hippen Stadt kann es jeder schaffen. Selbst wenn er Michael Müller heißt.
Ich gebe nicht damit an, dass ich kein Abitur habe. Aber ich muss mich auch nicht verstecken. Ich erwähne schon immer wieder bei öffentlichen Auftritten meinen Lebensweg, die Ausbildung, die Selbststständigkeit. Das hat mich geprägt. Das ist auch eine sozialdemokratische Geschichte.

Sie tragen neuerdings keine randlosen Brillen mehr. Sondern mit Gestell.
Die Augen wurden schlechter, da brauchte ich eine neue. Und plötzlich wollen einem Berater reinreden, was man jetzt für ein Gestell nehmen muss! Aber ich habe mir diese hier selbst ausgesucht.

Was war das Glamouröseste, das Sie je gemacht haben?
(überlegt) Also es sind schon diese Reden und Auftritte bei den großen Galas, bei der Berlinale, der Aids-Gala, der Echo-Verleihung.

Wir meinen auch: privat?
Privates bleibt privat.

Was ist der günstigste Anzug, den Sie besitzen?
Da habe ich keine Ahnung.

Kauft die Ihre Frau ein?
Nein, ich kaufe alles selbst. Manchmal zwischen Terminen gehe ich raus und kaufe mir ein Hemd oder einen Anzug. Das geht ganz schnell.

Das Verbotenste, was Sie jemals gemacht haben?
Das sage ich Ihnen nicht, weil es ja verboten war.

Haben Sie mal gekifft?
Nochmal: Privates bleibt privat.

Schon mal einen Termin mit dem Bürgeramt gemacht? Das ist ja nicht verboten.
Klar.

Michael Müller
Michael Müller
Foto: F. Anthea Schaap

Da wartet man ja gern mal ein paar Wochen länger drauf. Hören Sie eigentlich nie in Ihrem privaten Umfeld: „Mensch, Micha, das kann doch nicht wahr sein. Da musst du mal was ändern“?
Wir sind bereits dabei, die Situation zu verbessern. Seit meinem Amtsantritt als Regierender Bürgermeister haben wir 4500 zusätzliche Stellen in der Verwaltung geschaffen. Den Bürgerämtern haben wir 117 Stellen zur Verfügung gestellt. Und es ist auch nicht so, dass man ohne Online-Termin nicht zum Bürgeramt gehen kann. Es gibt immer wieder Termine, die kurzfristig frei werden.

Es gibt Umfragen, die Ihren Senat als unbeliebteste deutsche Landesregierung ausweisen. Lachen die Ministerpräsidenten der anderen Bundesländer Sie aus, wenn Sie sich im Bundesrat treffen?
Im Gegenteil. Da sind schon viele eher besorgt, weil sie sehen, welche gute Entwicklung Berlin nimmt. Das wird realisiert: wie gut sich die Gründerszene entwickelt, wie viele Mittel und Aufmerksamkeit in die Kulturszene fließen. Museen und wissenschaftliche Einrichtungen, die sich hier und nicht woanders ansiedeln. Dass Berlin wächst, wir uns wirtschaftlich erholen und dadurch mehr Steuereinnahmen haben, zusätzlich investieren können, kein Konsolidierungsland mehr sind! Diese Erfolge werden anerkannt.

Ist der Wähler also undankbar, wenn er trotzdem den Senat in der Umfrage abstraft?
Der  Wähler ist nicht undankbar, er formuliert zu Recht Ansprüche an den Senat und an die Politik. Die Frage ist, ob es von Einzelfällen ausgehend ein flächendeckendes Berlin-Bashing geben muss und ob das nicht medial verstärkt wird. Dass wir in Einzelfällen Dinge verbessern müssen, ist klar. Aber die Aussage, die Stadt bekomme gar nichts auf die Reihe, ist schlichtweg falsch. Bei 40 000 Menschen, die jedes Jahr zusätzlich hierherkommen, organisieren wir das Zusammenleben sehr gut, wir investieren wieder mehr in die wachsende Stadt. Das werden  wir noch ausbauen.

Würden Sie die umstrittene Dar-as-Salam-Moschee besuchen?
Für mich ist die entscheidende Frage: Wer ist mein Ansprechpartner? Und ist er jemand, der bereit ist, die Regeln, auf deren Grundlage wir hier leben, die Regeln unseres Grundgesetzes, zu akzeptieren oder nicht?

Müsste man nicht eigentlich eher mit denen reden, die sich nicht an die Regeln halten?
Es gibt auf vielen Ebenen Gespräche. Die Frage ist nur: Was für ein Signal setzt auch der Regierende Bürgermeister?

Für ein Wahlplakat, das Sie mit einer Frau mit Kopftuch zeigt, gab es Kritik, auch von Feministinnen. Sie hätte das Kopftuch zur politischen Botschaft gemacht. Wie finden Sie es, dass immer mehr Frauen es tragen?
Mit dem Wahlplakat wollten wir in erster Linie deutlich machen: Der Regierende Bürgermeister bewegt sich in seiner Stadt. Und das Kopftuch gehört mit zu unserem Lebensalltag dazu. Auch wenn es umstritten ist. Die einen sagen, es ist nur eine Mode, die anderen sehen es als eine Form der Unterdrückung. Noch deutlicher wird es ja bei der Burka. Natürlich ist die Burka diskriminierend und nimmt der Frau jede Form von Individualität. Und ich lehne sie ab. Aber das Verbot ist nicht durchsetzbar.

Und wenn Ihre 18-jährige Tochter plötzlich mit einem Kopftuch nach Hause käme?
Das wäre eine harte Diskussion zu Hause. Natürlich weiß ich, dass viele das Kopftuch nicht freiwillig tragen, und dass es auch der Frau gegenüber eine patriarchalische Haltung ausdrückt. Das würde ich für meine Tochter nicht wollen. Und würde das auch klar sagen.

nicht mehr Randlos: Michael Müllers BrilleFoto: F. Anthea Schaap
nicht mehr Randlos: Michael Müllers Brille
Foto: F. Anthea Schaap

Trauern Sie den Umfragen unmittelbar nach Ihrem Amtsantritt von knapp 30 Prozent für die SPD nach? Jetzt ist Ihre Partei wieder dort, wo sie kurz vor Klaus Wowereits Rücktrittsankündigung war: bei 21 Prozent.
Zunächst einmal gibt es unterschiedliche Umfragen und wir sind in allen die führende Partei, auch mit fünf oder sechs Prozent Vorsprung. Und dann muss man auch sehen, was sich in diesen eineinhalb Jahren in Deutschland getan hat. Wir hatten die Flüchtlingsproblematik in ganz Deutschland, nicht nur in Berlin. Die Politik wird seitdem anders wahrgenommen. Darunter leiden auch andere Parteien. Und es gibt eine neue Partei, die leider viel Zuspruch bekommt.

Sie meinen die AfD.
Es gibt insgesamt diese Phase großer Unsicherheit, auch was innere Sicherheit anbelangt. Das trifft die SPD, aber auch die anderen Parteien. Große Sorgen bereitet mir, dass die Berliner CDU in diesem Zusammenhang jeden Tag ein Stück weiter nach rechts rückt.

Aber die Probleme Lageso, BER oder Bürgerämter sind schon sehr Berlin-speziell.
Der BER ist erstens ein Projekt von drei Gesellschaftern, Bund, Brandenburg und Berlin, und zweitens spüre ich ja auch in den Diskussionen in der Stadt, dass er nicht mehr das beherrschende Thema ist. Die Themen sind inzwischen andere: Integration, innere und soziale Sicherheit, vor allem das Mietenthema bewegt die Menschen sehr. Dass Berlin bezahlbar, dass Berlin menschlich bleibt, dafür setze ich mich ein. Den sozialen Zusammenhalt in der Stadt zu sichern, das treibt mich an.

Warum schreibt die SPD eigentlich nicht einfach auf ihre Wahlplakate: „Wir bauen den BER fertig“?
Wir bauen ihn fertig. Die Leute erwarten zu Recht, dass das in Ordnung gebracht wird. Und da sind wir auf einem guten Weg. Aber der BER spielt für die Menschen vermutlich nicht die wahlentscheidende Rolle.


Die nächste Bewährungsprobe

Michael Müller ist 51 Jahre alt, durch und durch Durchschnittsberliner – und seit 2014 Berlins Regierende Bürgermeister. Zuvor war er bereits Senator für Stadtentwicklung. Als solcher erlebte er eine herbe Niederlage, als er die Abstimmung über die Bebauung des Tempelhofer Feldes verlor. Auch parteiintern hat er in Fraktionsschef Raed Saleh und Jan Stöß harte Widersacher, beide wollten ebenfalls Bürgermeister werden (und wollen es vermutlich immer noch). Die erste Amtszeit unter einer Rot-Schwarzen-Koalition verlief holprig. Die Koalition steht vor dem Aus. Müller gibt sich zwar siegessicher und spekuliert auf eine Koalition mit Grünen oder Grünen und Linken. Aber Umfragen zufolge wird es selbst für letztere Konstellation knapp.