Berlin

West-Berlin: Es war nicht alles schön

Trotz West-Berliner Retrowelle: Für die Schau „Berlinzulage“ hat das Künstler­haus Bethanien Sehenswertes und halb Vergessenes aufstöbern können – und funktioniert deshalb  auch als notwendiges Korrektiv zur Geschichtsschreibung

Soviel Aufarbeitung von West-Berlin in Kunst, Bild und Buch wie zurzeit war selten und schon sicher nicht im seinerzeit tatsächlichen West-Berlin, dieser Halb- und Inselstadt. Dort, an der Kante und in der Nische des Kalten Kriegs, war man zwar immer sehr mit sich selbst beschäftigt, aber noch mehr damit, subversiv oder zumindest Subkultur zu sein. All die West-Berliner Arbeiten, die jetzt in Fotobänden und an Ausstellungswänden von wilden Zeiten erzählen, mussten ja erst einmal produziert werden.

Foto: F. Anthea Schaao
„Berlinzulage“ im Künstlerhaus Bethanien: Eingangssituation. Foto: F. Anthea Schaap

Analysen oder zumindest Einordnungen dieser oft nur behaupteten Anarchie oder zumindest der kreativen Freiräume gibt es im Übermaß. Literarisch vielleicht beginnend mit Wolfgang Müllers Rückschau aus der Perspektive der Künstlerband Tödliche Doris aus dem Jahr 2013. Dokumentarisch mit Chris­tian Schulz’ Fotos zu Feier-und Alltag, die unter anderem 2017 in der Collection Regard zu sehen waren. Konzeptuell mit Raimund Kummers Werkschau seiner Stadtinterventionen im Hamburger Bahnhof, ebenfalls 2017. Und es gibt seit 2015 auch international den Blick zurück, seit die Ausstellung „Geniale Dilletanten“ (sic!) des Goe­the-Instituts durch rund 30 Länder tourt, ironischerweise ohne in Berlin Halt zu machen.

Mal ohne Malerboys

Was kann man da noch zeigen, hat sich auch Christoph Tannert, der Direktor der Künstlerhaus Bethanien gefragt, „und zwar außer Klischee und Kitsch“. Die unsentimentale Antwort des Kunsthistorikers Leipziger und Ost-Berliner Prägung ist jetzt in der zweigeschossigen Ausstellung „Berlinzulage“ zu sehen. Konzipiert hat er sie gemeinsam mit Anne Peschken und Marek Pisarsky, dem Künstlerduo Urban Art, das bereits in dem heute so hochgejazzten West-Berlin arbeitete. Und ihre gemeinsame Antwort ist doch recht unverbraucht.

© F. Anthea Schaap für Zitty
Recylingapparat für Bilder vom Duo Urban Art (Anne Peschken und Marek Pisarsky) © F. Anthea Schaap

Das liegt zunächst daran, dass das Team so gut wie ganz auf die West-Berliner Male­rei, um nicht zu sagen Folklore verzichtet hat. Es sind also weder Moritzboys aus der galeire am Moritzplatz, Salomé noch andere Junge Wilde zu sehen. „Das setzten wir mal als bekannt voraus“, sagt Tannert. Zudem versucht das Team, die Themen und Arbeitsmethoden der Künstler von damals mit denen von heute abzugleichen. Da ist Einiges dabei: von Wohnungsnot über Gentrifizierung, von Zwischennutzungen und Projekträumen bis tatsächlich ersten Unmutsbekundungen über Touristen. Wobei die Arbeiten – unter anderem von Thomas Schulz, Ulrike Grossharth und Maria Eichhorn – zugleich etwas sehr Damaliges zeigen, das derart nur in dieser so subventionierten wie politisierten Zeit möglich war: freies, künstlerisches Arbeiten und Ausprobieren. „Berlinzulage“ hieß ja nichts anderes, als dass es steuerfrei Geld dazu gab, wenn man es in der Teilstadt aushielt. Kein Markt da, der hätte bedient werden müssen, und auch kein Markt, der mit diesen Sachen etwas hätte anfangen können.

Immer aktuell: Spekulation

Dazu kamen nur wenig äußere Einflüsse, auch von der anderen Seite der Mauer. In West-Berlin genügte man sich meist selbst. Gleich zu Beginn des Rundgangs gibt es für diese Phänomene gute Beispiele. Etwa einen Stadtplan: die Arbeit „West-Berlin – Berlin-West“, in der Eva-Maria Schön handschriftlich Namen von Prota­gonisten, Institutionen und Galerien des West-Berliner Kunstbetriebs eingetragen hat, während Ost-Berlin, der rechte Teil des Bildes, ­leer bleibt. Daneben steht Olaf Metzels „Skulptur Böckhstraße“ als Video, eine verstörende, sperrige Arbeit, die sich mit Spekulation und der Zerstörung eines leer stehenden, zum Abriss frei gegebenen Kreuzberger Fabrikgebäudes auseinandersetzt. Die Investoren ließen es gezielt verfallen.

Und die Ausstellung bleibt politisch. Es folgen sehenswerte Filmstills von Knut Hoffmeister über die „Schlacht am Nolli“ sowie Super8-Filme wie Jakobine Engels „Zone“ und „Grenzgänger“. Dazu kommen Filme vom damaligen Partyleben, das den West-Berliner Mythos mehr als alles andere befeuert hat. In diesem Fall von ­Peter Müller: 1978, kurz vor dem Umzug der Disco Dschungel vom Winterfeldtplatz in die Nürnberger Straße, montierte er eine Nizo-­Super8-Kamera über der Theke mit Blick auf die Tür und dokumentierte so das Kommen und Gehen in der legendären Partyhölle – eine tolle Entdeckung.

Das gilt eher nicht für den arrivierten Künstler und, wie viele der damaligen Akteu­re, heutigen Hochschullehrer Fritz Balthaus. Doch seine Skulpturen wie der in die Wand eingemauerte Tresor, der ebenso Behauptung wie Tatsache sein kann, macht Spaß und lässt einen Hauch Subversives durch alle Zeiten hindurch erahnen. Gleiches gilt für die Arbeiten von Hans HS Winkler. Es gilt allerdings nicht unbedingt für die sehr in ihrer Zeit verhafteten Arbeiten von Klaus Theuerkauf und der damaligen Kreuzberger Galerie Endart, die es am Ende des Rundgangs doch noch in eine eigent­lich klischeefrei geplante Ausstellung geschafft haben. 

Bis 16.9.: Künstlerhaus Bethanien, Kottbusser Str. 10, Kreuzberg, Di–So 14–19 Uhr, Eintritt frei

Foto: F. Anthea Schaap
Ausstellung „Berlinzulage“ im Künstlerhaus Bethanien: Fotodruck von HS Winkler und Skulptur von Eberhard Bosselt. Foto: F. Anthea Schaap

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