Natur

Bernd Koberling: Augen für Natur

Er hat Berliner Kunstgeschichte geschrieben. Mit zwei ­Ausstellungen gratulieren zwei Galeristen Bernd Koberling, einem Freund weiter Nordlandschaften

Im November hat er seinen 80. Geburtstag gefeiert. Jetzt läuft Bernd Koberling energisch die Treppen in der Galerie Kewenig hin­auf und hinunter und kommentiert seine farbigen, ausbalancierten, abstrakten Gemälde. Laut wird seine Stimme, wenn ihn etwas begeistert oder wütend macht. Von Kritikern wird er als Erschaffer einer neuen Malkultur gefeiert, der mit den „Neuen Wilden“ Kunstgeschichte schrieb. Doch sein Fokus hat sich immer weiter bewegt: Ziel sei es, sagt Koberling, „in der Malerei weiterzukommen und immer das Unbekannte zu finden.“

© Stephanie von Becker
Bernd Koberling in der Galerie Kewenig © Stephanie von Becker

1938 in Berlin geboren, hat er frühe Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. „Als zu viel Metall vom Himmel fiel, sind wir mit der Familie ins Wartheland gegangen“, sagt Koberling und berichtet von seiner ersten, prägenden Erfahrung mit der Natur im heutigen Polen. Direkt am See und im Wald habe er dort eine „hinreißende Kindheit“ gelebt. Zurück in Berlin, fand er die Stadt in Trümmern. An eine normale Schulbildung war kaum zu denken. „Es war ja nichts da“, sagt Koberling nachdenklich, „ich bin nicht vergesellschaftlicht, habe mir meine eigenen Räume gebaut.“ Er griff immer wieder zu Stift und Papier. Obwohl er sich zunächst für eine Lehre als Koch entschied, stand für ihn im zweiten Lehrjahr fest: „Ich wollte malen.“ Er schrieb sich 1958 an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin ein – und ging mitten im Studium nach England, um zwei Jahre gemeinsam mit einem Freund ein Restaurant zu führen. Danach schmiss er auch das Studium, jobbte tags und war morgens wie abends im Atelier.

Nach einem Aufenthalt in Lappland 1959 begriff Koberling die Natur in anderem Licht: „Der ganze Raum erweiterte sich dort. Für mich war es eine konkrete Utopie als Erlebnis von Natur“, sagt er. Die Wälder, Hügel und Flussläufe kann man in seinen „Überspannungen“ sehen: Die großflächigen, abstrahierten und mit Nesselstoff bespannten Gemälde sind in der Galerie Klaus Gerrit Friese zu sehen. 1968 entschloss sich Koberling, nur noch zu malen, und stellte diese Gemälde zum ersten Mal aus, verkaufte jedoch nichts. Dem Markt, der Gesellschaft und dem aufkommenden, von ihm als„protestantische Pornografie“ verschrienen Marketing stand er immer skeptisch gegenüber. Als Bestellungen von Käufern kamen, die Flussläufe wollten, habe er sofort aufgehört, dieses Motiv zu malen.

© Stephanie von Becker
Gemälde 2003-2018 von Bernd Koberling in der Galerie Kewenig © Stephanie von Becker

Das rote Jahrzehnt in Deutschland, einer­seits geprägt von einem „blühenden Adenauer-Kapitalismus“ und der Bewegung der Neuen Linken andererseits, verbrachte Koberling zum Teil in Köln. Obwohl man in seinen „Malwasser“-Bildern auch eine poli­tische Auseinandersetzung sehen kannt, konzentrierte er sich auf Landschaften. „Ich wurde als leidenschaftlicher Eskapist bezeichnet, weil mein Fokus auf der Natur, nicht auf der Gesellschaft lag“, erinnert er sich. Nach der kleinen Tour durch die Ausstellung, auf der er stets wissen will, was sein Gegenüber denkt, erzählt er von seiner Rückkehr nach Berlin 1974. Da zog er in sein Kreuzberger Atelier, in dem er immer noch arbeitet. Bald darauf wurde er Professor in Hamburg, Düsseldorf und schließlich bis 2007 in Berlin. Er hätte nie gedacht, dass er an einer Hochschule unterrichten würde, sagt er. Doch die Hochschulen hätten sich bald wie ein erweitertes Atelier angefühlt, das ihn über den „Ärger über die Anstalt“ hinwegsehen ließ. Zu seinen Studentinnen und Studenten zählen beispielsweise Stefan Hirsig, Peter Stauss und Christine Streuli.

Seine neueren Gemälde in der Galerie Kewenig zeigen, dass Koberling tatsächlich immer weiter kam in der Malerei. Obwohl der Künstler nie frei von Zweifel war, zeigen seine Pinselstriche eine Person, die sich nie verloren hat. Was nun ansteht bei dem 80-Jährigen, der inzwischen auf Island und in Berlin lebt: „Ich will meine besten Bilder malen – gar keine Frage.“

Bis 19.1.: „Überspannungen. 1965–1969“, Galerie Klaus Gerrit Friese, Meierottostr. 1, Wilmersdorf, Mo–Sa 11–18 Uhr
16.1., 19 Uhr: Bernd Koberling im Gespräch
Bis 26.1.: „Malerei 2003–2018“, Galerie
Kewenig, Brüderstr. 10, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr

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