Fenster und Fassaden

Verkehrswende der anderen Art

Bettina Pousttchi verknüpft Zeiten und Orte: mit Skulpturen und Fotografien, aktuell in zwei Berliner Ausstellungen und auf der Fassade der ­Kunsthalle Rostock

Eines war für die Künstlerin von Anfang an klar: Sie wollte die Architektur des ehemaligen Neuköllner Brauhauses in ihre Installation einbinden. „Ich habe dem Raum nichts hinzugefügt, die Arbeit ist aus ihm heraus entstanden“, sagt Bettina Pousttchi.

Foto: Michael Schultze
Bettina Pousttchi: „A3, 2019, Leitplanken, Stahl“, 221 (h) x 204 x 94 cm. Courtesy Buchmann Galerie und die Künstlerin, Foto: Michael Schultze


Komplett schwarz gekleidet, mit dunklen Haaren und strengem Mittelscheitel tritt Pousttchi nah an ihre Gesprächspartnerinnen heran und berichtet mit tiefer Stimme, dass sie erst einige Ideen verwerfen musste, bis ihr die nun realisierte einfiel. Ortsspezifischer gehe es nun nicht mehr, so ­Pousttchi. Jetzt hat das Kesselhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei, ein hoher, quadratischer ­Industrieraum, nicht nur an ­einer, sondern an jeder Wand 20 Meter hohe Fenster. Durch die vermeint­lichen Scheiben sieht man abgestellte Fahrräder, Bäume und Häuser. Doch nur draußen vor den Frontfenstern sind sie bunt und in Bewegung, auf den restlichen erblicken Besucherinnen eine Welt in Schwarzweiß, der realen ähnlich, doch nicht dieselbe: Auf raum­hohen Stoffbahnen eröffnet Pousttchi unterschiedliche Perspektiven, die sie durch die tatsächlichen Fenster fotografiert hat.
Neben ihrer Installation im Kindl zeigt die 1971 in Mainz geborene Künstlerin zeitgleich in der Berlinischen Galerie Arbeiten – ihre beiden Ausstellungen galten als Höhe­punkte der Berlin Art Week Mitte September. In der Zeitschrift „frieze“ wird Poust­t­chi in einem Satz mit Anne Imhof genannt, die 2017 den Goldenen Löwen der Venedig-Biennale gewann. Pousttchi, die in Düsseldorf und New York studierte, nahm 2003 und 2009 an der Biennale in Venedig teil.

Foto: Norman Konrad
Porträt Bettina Pousttchi, vor einem ihrer Fotos aus der Serie „Worl Time Clocks“, Foto: Norman Konrad


Museum hinter Gittern
Bekannt wurde sie in Berlin aber mit ihrer Fotoinstallation „Echo“, mit der sie 2009 die Fassade der Temporären Kunsthalle am Schloßplatz verkleidete. Um auf die historische Bedeutung des Ortes hinzuweisen, setzte sie dort aus 907 Postern den in der DDR errichteten und 2008 endgültig abgerissenen Palast der Republik wieder zusammen, der sich genau an dieser Stelle befunden hatte. Diese Aktion hat sie jetzt variiert: für die Schau „Palast der Republik – Utopie, Inspiration, Politikum“ (bis 27.10.) verhüllte sie die Kunsthalle Rostock. Das Schwarz-weiß ihrer Fotografien verdeutlicht den Bruch zwischen Wirklichkeit und Erinnerung, gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Foto und Umgebung.
Wie ein weißes Gitter dagegen kettet sich ihre Installation um die Berlinische Galerie im Kreuzberger Viertel zwischen Linden- und Ritterstraße. Die über 60 Glasscheiben der Fassade beklebte Pousttchi mit bedruckten Folien, deren Muster an Scherenschnitt erinnert. „Berlin Window“ soll die Kreuzstruktur der gegenüberliegenden Hausfassade und die kulturelle Diversität des Stadtteils reflektieren. „Bisher gibt es zu wenig visuelle Ausdrucksform für dieses transnationale Narrativ“, meint Pousttchi.
Anfangs war nur diese Bespielung der Fassade geplant, erinnert sich Direktor Thomas Köhler. Doch nun zeigt Pousttchi drinnen auch die Ausstellung „In Recent Years“ mit ihrer Fotoserie „World Time Clocks“ und neuen Skulpturen. Sie ergänzen ihre bisherigen bildhauerischen Arbeiten aus Straßenmobiliar wie Pfosten und Fahrradständer: Verbeulte Leitplanken bäumen sich zu meterhohen Figuren auf und schweben „Stahlmonstern auf Zehenspitzen“ (Köhler) ähnlich durch den Raum. Die Planken in leuchtendem Rot scheinen ihre alte Funktion endgültig hinter sich gelassen zu ­haben. Bisher arbeitete Pousttchi vor allem in Weiß, Schwarz und Silber. „Da musste ich mich erst herantasten“, sagt sie, „aber das Knallrot passt jetzt einfach perfekt.“ Zufällig heißt die Farbe, die Bettina Pousttchi wählte, „Verkehrsrot“. 
Bis 6.4.: Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 12/9 €, 1. Mo/ Monat 7 €, bis 18 J. frei
Bis 10.5.: Kindl-Zentrum, Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi–So 12–18 Uhr, Eintritt 5/3 €, 1. So/ Monat frei