Filmporträt

Beuys

Selbstdarsteller, Visionär, Provokateur – Betrachtungen über den Ausnahmekünstler Joseph Beuys

ZITTY-Bewertung: 5/6

„Das Werk selbst, egal ob Film oder ­Theaterstück, war nur Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem ­Publikum. Im besten Falle wurde es überflüssig, wenn Menschen sich in ­einem Saal zusammenfanden, ­feststellten, dass sie ähnliche Fragen hatten, und sich verabredeten, diese gemeinsam anzugehen.“ Der Filmemacher Andres Veiel („Black Box BRD“, „Der Kick“) hat das gesagt. Doch es ­könnte auch von dem Mann stammen, den der Wahlberliner Veiel in seinem ­neuen Film porträtiert: Joseph Beuys.
In einer fulminanten Montage aus zum Teil nie gesehenem ­Archivmaterial hat Veiel mit seinen Cuttern Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer ein Bild entworfen, das zwar viel über Beuys sagt (und ihn auch ausgiebig zu Wort kommen lässt), aber dennoch ­genügend assoziativen Freiraum ­bietet, um sich selbst ein Urteil über diesen Jahrhundert-Künstler zu formen.

Zusehen erwünscht: Joseph Beuys als Aktionskünstler
Foto: Fotos: Zeroonefilm/ bpk Stiftung Schloss Moyland/ Ute Klophaus

Joseph Beuys, geboren 1921, war im Zweiten Weltkrieg Unteroffizier der Luftwaffe, wurde offenbar abgeschossen und überlebte – diese Erfahrung sollte ihn für sein Leben prägen. ­Seine erste ­Einzelausstellung hatte er 1953, 1961 übernahm er den Lehrstuhl für Bild­hauerei an der Kunstakademie Düssel­dorf. Berühmt wurde Beuys durch seine Theorie des ­„erweiterten Kunstbegriffs“, durch seine Aktionskunst, durch die Arbeit mit ungewöhnlichen Materialien wie Fett und Filz, aber vor allem durch seine lautstarke öffent­liche Präsenz ab Mitte der 60er-Jahre. Hier mischte sich ein kluger Kopf ein in gesellschaftliche Entwicklungen, hier schlug jemand bevorzugt unbetretene Pfade ein, um sich Gehör zu ­verschaffen, hier genoss es einer sichtlich anzuecken.
Und auch wenn Veiels Montage mitunter etwas erdrückend wirkt, auch wenn man sich fragt, ob die Komposition der Bilder und Worte des Films eine Annäherung an Beuys’ Ästhetik anstrebt, ein Eindruck bleibt: Eine unabhängige Stimme wie die von Joseph Beuys fehlt heute schmerzlich. 

D 2017, 107 Min., R: Andres Veiel

Beuys (2017)

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