Trinkkultur

Bierstadt Berlin: Tipps von Bierprofis!

Die Dynamik der Bierstadt Berlin überflügelt selbst den geübtesten Trinker. Die Biervielfalt wächst, und eine steigende Zahl von Brauern, Restaurants und Händlern kümmern sich um Angebot und Abwechslung beim Gerstensaft. Wir sprachen mit Persönlichkeiten aus der Brau- und Gastro-Szene und fragten nach ihrer Einschätzung über die Gegenwart und Zukunft des Berliner Biers. Sprachen über die Kreati­­vi­­tät, das Handwerk und das Reinheitsgebot. Natürlich darf auch ein abschließender Probiertipp nicht fehlen.

Foto: Berliner Berg
Cristal Jane Peck (34) aus Gippsland, Australien. Brauerin bei Berliner Berg
Die studierte Biologin wurde durch das Heimbrau-Hobby ihres Vaters zum Bier gebracht. Sie kam vor fünf Jahren nach Berlin, wo sie ein Bierfachgeschäft leitete und Braukurse unterrichtete.Wie schmeckt die Bierstadt Berlin?
Berlin ist wild, irgendwie Punk und ­definitiv nicht repräsentativ für Deutschland. Die Stadt leidet noch immer unter dem Wegfall unabhängiger Brauereien und ihrer Konzentration unter dem ­einen ­dominanten Dach der Radeberger ­Gruppe. Dazu kommt die Gewöhnung der Deutschen an viel zu billige Bier­preise. Eine zaghaft-verwirrte Bierszene bemüht sich nun um ein neues Verständnis für Brauspezialitäten und generell mehr Sachverstand und Qualität.

Und wie schmeckt es in zehn Jahren?
Hoffentlich nach mehr Bewusstsein darüber, wie wichtig etwa eine Kühlkette und Lichtschutz für ein empfindliches Lebensmittel wie Bier ist. Und ich will mehr Transparenz auf den Flaschen. Statt eines Mindesthaltbarkeitsdatums sollten die Menschen lieber erfahren, wann das Bier gebraut worden ist. Einige Brauprojekte, die uns heute amüsieren, werden verschwunden sein. Aber insgesamt wird sich die Qualität unserer täglichen Biererfahrung deutlich verbessert haben.

Dein Berliner Probiertipp?
Das Go-To-IPA von Stone Brewing.

www.berlinerberg.com

 

 

Foto: Julian Fichtl
Christian Gentemann (33) aus Herford,
Bar Manager der Bar am SteinplatzDer gelernte Hotelfachmann arbeitete auf Kreuzfahrtschiffen, bevor es ihn über Hamburg nach Berlin verschlug. Die Bar und das Restaurant am Steinplatz zählen zu den Pionieren der ­gehobenen Gastronomie, die neben Wein selbstverständlich eine Bierbegleitung zum Menü servieren.

Wie schmeckt die Bierstadt Berlin?
Vor sechs Jahren probierte ich mein erstes IPA und bin seither elektrisiert von der neuen Biervielfalt. Wie vielseitig Rohstoffe wie Hopfen und Hefe eingesetzt werden können, begeistert mich täglich. Für Berlin ist sicherlich die Internationalität und der damit in die Stadt importierte Erfahrungsschatz sehr wichtig. Die deutschen Brauer haben ja eher spät mit Craft Beer begonnen.

Und wie schmeckt es in zehn Jahren?
Die Szene wird sich beruhigt haben. Sie wird – in den Aromen, aber auch ihrer Geschäftstüchtigkeit – erwachsener geworden sein. Es wird weniger Craft-Brauereien geben. Aber da trennt sich dann auch Spreu vom Weizen bzw. der Hopfen vom Malz. Die, die es dann noch geben wird, haben sich etabliert. Und vermutlich schaffen sie gerade jetzt dafür die richtigen Voraussetzungen.

Dein Probiertipp?
Schneeeule Marlene Berliner Weisse von der talenzierten Ulrike Genz.

www. www.hotelsteinplatz.com

Foto: Stone BrewingThomas Tyrell (43) aus Liesborn/Westfalen,
Braumeister bei Stone Brewing Berlin

Der Brauer ist seit 2015 bei Stone Brewing und leitete den kompletten Aufbau der Brauerei Mariendorf. Zuvor war er acht Jahre lang Brauerei-Ingenieur bei der VLB Berlin, wo er Forschungs- und Entwicklungsprojekte leitete und als Berater für große und kleine Brauereien in aller Welt tätig war.

Wie schmeckt die Bierstadt Berlin?
Die aktuelle Bierzene in Berlin ist ­äußerst spannend und hat sich in den letzten zehn, zwölf Jahren immens entwickelt. Aktuell machen sicher zwei bis drei bemerkenswerte Brauereien pro Jahr auf. Ich fände es gut, wenn die Menschen sich von der Biervielfalt anregen ließen und das Probieren zum Alltäglichen würde. In vielen Ländern, in denen die Kreativbierbewegung schon länger anhält, können längst viele Biertrinker die Hopfensorten herunterbeten, wie man das in Deutschland eher von Rebsorten kennt.

Und wie schmeckt es in zehn Jahren?
Ich glaube, dass es einen grundsätzlichen Wandel von der Gaststätte mit dem Biervertrag bei der einen Fernsehbiermarke hin zu mehr Vielfalt geben wird. Wahrscheinlich gibt es eh schon hundert oder mehr Restaurants und Gaststätten in Berlin, die diesen Weg gegangen sind.

Dein Probiertipp?
Die Vielfalt der neuen Berliner Weissen. Am Besten ohne Sirup.

www.stonebrewing.eu

Foto: Maria SchifferKatharina Kurz (35) aus Franken, ­Geschäftsführerin der Brlo Brauerei

Ursprünglich als Betriebswirtin für ein großes Medienunternehmen tätig, war sie in den USA und Australien auf den Geschmack gekommen. Mit einem Studienfreund und einem Braumeister wurde daraus das Brau-Startup Brlo.

Wie schmeckt die Bierstadt Berlin?
In Deutschland ist Berlin sicherlich Vorreiter, was Biervielfalt angeht, und zum Glück öffnet sich sogar die traditionelle Gastronomie mehr und mehr für Craft Beer. Ich würde mir dennoch wünschen, dass Bars und Restaurants mit gleicher Selbstverständlichkeit eine Bierkarte haben wie sie eine Weinkarte führen. Und freie Hähne sind absolute Mangelware – die meisten Bars sind an irgendwelche großen Brauereien vertraglich gebunden. Zudem sind die Konsumenten Schnäppchenpreise gewöhnt, daher investiert kaum jemand in vernünftige Kühlketten. Ach, ja: Wir möchten uns nicht in unserer Kreativität nicht einschränken lassen. Eine moderne Regelung des Reinheitsgebots wäre sehr wünschenswert.

Und wie schmeckt es in zehn Jahren?
Dann hat jede Eckkneipe mindestens zehn Hähne mit Bieren von vielen lokalen Brauereien, es gibt in jedem Restaurant Bierempfehlungen zum Essen. Berlin ist eine feste Größe für Bierkultur in Europa –und wir sind mit BRLO hoffentlich immer noch am Gleisdreieck.

Dein Probiertipp?
New England IPA von Fürst Wiacek.

www.brlo.de

Foto: Harry SchnitgerSven Förster (39) aus Berlin-Steglitz,
Wirt und Inhaber von Foersters Feine Biere

Der Betriebswirt und Banker erlag der Faszination Bier in Franken und beschloss, diese zu verbreiten. Erst als Bierfachmann im KaDeWe und seit 2014 in der eigenen Gaststätte in Steglitz.

Wie schmeckt die Bierstadt Berlin?
Gemeinsam mit Hamburg ist Berlin die Craftbeer-Metropole Deutschlands. Bierbars, Brauereien, Produkte – die Vielfalt ist mittlerweile enorm. Leider ist noch viel Mittelmäßigkeit oder zu Gewolltes dabei –sowohl bei den Produkten als auch bei Bierpflege und Beratung in vielen Lokalen. Auch schade, dass in vielen Ausflugslokalen oder bürger­lichen und mediterranen Restaurants das Thema Bier noch gar nicht angekommen ist. Es fehlt am Verständnis für ein Handwerk.

Und wie schmeckt es in zehn Jahren?
Mein Wunsch wäre, dass Bier in der Gastronomie einen größeren Stellenwert bekommt – von Seiten des Gastronomen und des Verbrauchers. Ich hoffe auf Biervielfalt und regionale Privat-Brauereien. Vor allem aber sind die Verbraucher endlich bereit, einen angemessenen Preis für Brauspezialitäten zu zahlen, der Gast wird gelernt haben, kein schlechtes Bier mehr zu akzeptieren. Beim Essen ist man ­da wesentlich kritischer und mangelnde Produktqualität wird reklamiert, ein Bier ohne Schaum aber nicht.

Dein Probiertipp?
Klassisch und doch craft: Brauhaus ­Lemke Bohemian Pilsener.

www. foerstersfeinebiere.de

Foto: David von BeckerIllona Scholl (34) aus Schwaben,
Gast­geberin im wunderbaren Tulus Lotrek

Einfach mal selbst machen. Also ein Res­taurant und das inzwischen sogar mit Michelin-Stern. Diese Idee hatte Illona Scholl gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Maximilian Strohe vor zwei Jahren. Berlin kann froh darüber sein.

Wie schmeckt die Bierstadt Berlin?
Wir sind ehrlich gesagt ein ziemlicher Weinort. Das heißt eben auch, dass Bier bei uns vor allem in der Küche getrunken wird, nach der Arbeit. Hier wird es spannend, weil Bier plötzlich wieder ein Funktionsgetränk ist. Es soll Durst löschen, wir wollen ja eh alle nicht immer nur tief tauchen im Glas. Ein Bier darf ruhig auch mal einfach sein, nicht zu verwechseln mit banal. Gäste wiederum verlangen bei uns oft ein Bier „zum Wegzischen“, also als Aperitif. Das ist eine Kompetenz, die Bier noch zu selten zugestanden wird: eine Alternative zu Sekt oder Champagner. Gerade die neuen
Berliner Weisse funktionieren da toll.

Und wie schmeckt es in zehn Jahren?
Ich hoffe, dass sich die Hysterie dann gelegt hat. Ich mag eh diese Phasen, wenn die Aufgeregtheit und die Grabenkämpfe verflogen sind und es um die Feinheiten geht und um Qualität. Vielleicht ja sogar um ein Miteinander von handwerklichen Traditionsbrauern und der Craft-Szene.

Dein Probiertipp?
Ich finde, dass der Drive und die Qualität von Brlo nicht genug gewürdigt werden kann. Also: die Berliner Weisse von Brlo.

www.tuluslotrek.de