Ein deutscher Alltag

Bildungsroman“ von Gerhard Henschel

Mit „Bildungsroman“ schreibt Gerhard Henschel seine Serie
über eine Jugend im Westdeutschland der 70er- und 80er-Jahre fort –
und schickt seinen Protagonisten nach Berlin


West-Berlin, Anfang der 80er Jahre, Anlaufstelle für Rentner und Studenten

Martin Schlosser hat ein Problem. Die ­Bestellung seines Kumpels Hermann, auf Berlinbesuch aus der alten Heimat, eine Pizza Funghi, lässt auf sich warten, sodass die beiden zu spät im Kino eintreffen, wo sie den Film „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders anschauen wollen. Dieser Film wiederum geht so lange, dass sie es nicht mehr rechtzeitig in jenen Punk-Schuppen in Tiergarten schaffen, wo „Der wahre Heino“ spielen soll. Und dann steht der nicht mal auf der Bühne, sondern legt nur Platten auf, dazu gibt’s lediglich Flaschenbier, und Martin und Hermann verbringen den nächsten Tag lieber in der Einzimmerwohnung in Friedenau und lesen dort allerhand Sexuelles aus Philip Roths „Portnoys Beschwerden“. Es ist eine kleine Szene, aber eine, die viel aussagt über den „Bildungsroman“ von Gerhard Henschel. Was hier passiert, sei es in Berlin, in Bielefeld, in Meppen oder auf dem Borkumer Campingplatz „Meeresrauschen“, zeichnet sich durch eine geradezu erschütternde Ereignislosigkeit und das Fehlen jedes Spannungsbogens aus. Und trotzdem kommt man nicht davon weg, ist keine Seite langweilig. Auf 573 Seiten ­berichtet Henschel vom bundesdeutschen Alltag der 80er-Jahre. Und der hat mit der heutigen Rezeption dieses Jahrzehnts nichts zu tun. Dennoch darf man Henschel Glauben schenken: „Bildungsroman“ ist, wie schon seine Vorgänger, der Briefroman „Die Liebenden“, „Kindheitsroman“, „Jugendroman“, „Liebesroman“ und „Abenteuerroman“ ein akribisches, nachträglich angefertigtes Tagebuch des heute 51-jährigen Gerhard Henschels. Der erzählt seine ereignislosen Alltagsgeschichten so kunstvoll, dass ein großes Bild vom Ganzen entsteht, ein Kaleidoskop vergangener Zeiten und Orte.

Gute 2.500 Seiten lang hat Henschel ­mittlerweile aus seinem Heranwachsen und seiner frühen Erwachsenenzeit berichtet. Und auch wenn der Autor in der Zwischenzeit eine Vielzahl von anderen Büchern veröffent­licht hat – der wunderbare Roman „Der dreizehnte Beatle“ und „Da mal nachhaken – ­Näheres über Walter Kempowski“: Die Beschäftigung mit seiner ­eigenen Familie dürfte sein letztes Jahrzehnt dominiert haben. Der Anfang dieser Arbeit liegt mittlerweile über 20 Jahre zurück. „Als mein Vater 1993 gestorben war, nahm ich den brieflichen Nachlass meiner Eltern an mich“, erzählt Henschel, „das zu lesen, war für mich ein großes Abenteuer. So genau hatte ich nicht gewusst, wie es meinen Eltern in den 50er-Jahren ergangen war.“ Mehr noch: Auch Briefe, die sein Vater als Flakhelfer nach Hause geschickt hatte und solche der Mutter aus dem BDM-Lager fanden sich. Henschel war angefixt, fragte auch bei den Onkel und Tanten nach: „Seitdem ist es so: Wenn jemand aus der weitverzweigten Sippe stirbt, frage ich an, ob ich den schriftlichen Nachlass erben kann. In meinem Familienarchiv ist das alles gut aufgehoben.“ Dazu kamen die Aufzeichnungen der jüngeren Generation, etwa das Pubertätstagebuch der Schwester oder eine Familienzeitung, die Henschel als Teenager herausgab und als Rundbrief an die Verwandtschaft versendete.

„Wenn jemand aus der Sippe stirbt, frage ich an, ob ich den schriftlichen Nachlass erben kann“

„Der Leser soll sich schon auf das verlassen können, was ich schreibe.“ Nicht nur das Persönliche, sondern auch der Rahmen stimmt. Der Wim-Wenders-Film wurde genau an jenem Abend gezeigt, an dem auch „Der wahre Heino“ auflegte. Wenn Schlosser fernsieht und zwischen zwei Filmen hin- und herschaltet, dann liefen die wirklich zeitgleich, und auch die zahlreichen Notizen zum politischen Alltag oder zum gesellschaftlichen Diskurs stimmen. „Für den Kindheitsroman saß ich noch viele Tage in der Hamburger Staatsbibliothek und studierte jahrgangsweise „Stern“, „Zeit“ und „Spiegel“. Heute kann man vieles googeln.“ Fehler, so sagt er, würden passieren – und in der nächsten Auflage korrigiert, wenn ein Leser sie entdecke. Wer die fünf Bücher liest, die Henschel mittlerweile über Martin Schlosser ­geschrieben hat, erkennt, was das alles für eine Arbeit gewesen sein muss. Mindestens ebenso bemerkenswert wie der archivarische ist jedoch der literarische Aspekt. Zunächst einmal zeichnet das erste Buch den Alltag eines Kindes nach. Eine Sprache, die ein Erwachsener natürlich nicht mehr präsent hat, die er quasi zurückholen muss von ziemlich weit hinten: Man müsse ­„meditieren“, um dahin zu kommen sagt Henschel und lacht. Und wenn eine Stelle nicht stimmig erscheine, würde sie eben ­gestrichen.

Und dann ist da ja noch ein weiteres Problem: Wer die Realität abbildet, greift auch in den Alltag anderer ein. Sicher, Henschel verändert die Namen seiner Protagonisten. Aber sie werden sich wiedererkennen. Henschels Lösung: „Alten Freundinnen und Freunden, die in den Romanen vorkommen, maile ich, wenn sie das möchten, alles zu, und sie dürfen ihr Veto einlegen – was bisher jedoch noch nie der Fall gewesen ist.“ Interessant ist, wie wenig glamourös Berlin im „Bildungsroman“ wirkt. Schlosser lebt im auch seinerzeit nur überschaubar angesagten Friedenau. „Ich war überglücklich, dass ich diese Wohnung hatte. 101 Mark monatlich. Zwar mit Außentoilette und ohne Bad, aber meine“, sagt Henschel ­heute und gibt bereits einen kleinen Ausblick auf den nächsten Schlosser-Roman: Nach einem kurzen Intermezzo in Aachen wird der Student dann nach Moabit ziehen. Das könnte aber noch eine Weile dauern. Gemeinsam mit Kathrin Passig sitzt Henschel an der Übersetzung von  Ned ­Beaumans „Glow“, danach steht Christopher Isherwoods „Goodbye To Berlin“ auf dem Plan.

Gerhard Henschel: „Bildungsroman“  Hoffmann und Campe, Hamburg 2014  576 Seiten, 24,99 Euro