Brandenburg

Bio-Boom mit Chicorée – das Dorf Pretschen in Brandenburg

Das Chicorée-Schloss: Von wegen bitter, dieser Wintersalat wird immer beliebter. Ein Landwirt in Pretschen hat damit großen Erfolg

Wer sich dem Dorf Pretschen nähert, dem wird kaum etwas Besonderes auffallen. Ein Kirchturm erhebt sich über dem Anger, dahinter erstreckt sich eine Hügelkette: kein See oder andere Sehenswürdigkeiten in Sicht. Und dennoch hat Pretschen im letzten Jahr eine Silbermedaille erhalten – als Dorf mit Zukunft. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vergibt diesen Preis jährlich. Früher hieß der Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden.“ Einen wichtigen, wenn auch nicht den einzigen Anteil an der Auszeichnung hatte die Familie Philipp aus Witten an der Ruhr. 1999 verwandelten sie die örtliche LPG in den Ökobetrieb Landgut Pretschen. Doch nicht das Label Bio überzeugte die Jury, Bio gibt es mittlerweile zuhauf in Brandenburg, sondern das ungewöhnliche Produkt, mit dem sie sich durchgesetzt haben: das Wintergemüse Chicorée.

Chicorée gehört eher zu den Nischenprodukten auf dem Lebensmittelmarkt

Gerade mal 300 Gramm isst der Deutsche durchschnittlich im Jahr. In Belgien oder Frankreich sind es zehn Mal so viel. Der Ruf ist hierzulande schlecht: „Schon Oma fand Chicorée bitter. Eine Meinung, die im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist, obwohl er heute süßer schmeckt“, sagt Sascha Philipp, Geschäftsführer des Landgutes. Wie bitter Chicorée ist, hängt von der Lagerung ab. Der Geschmack wird intensiver, wenn er Licht abbekommt. „Wir mögen es dunkel“, steht daher im Hofladen über der abgedeckten Chicorée-Kiste. Für den Landwirt war es keine Bauch- sondern eine pragmatische Entscheidung das Gemüse anzubauen. „Wir hatten damals im Dorf eine Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent“, erzählt Philipp. Gemüse-anbau sei arbeitsintensiver und habe eine hohe Wertschöpfung, weshalb keine Mitarbeiter entlassen werden mussten. Zudem sei die Nachfrage nach Bio-Chicorée von Anfang an sensationell gewesen.

„Mit dem einsetzendem Bioboom kamen wir mit der Produktion gar nicht mehr hinterher“, sagt Philipp. Heute ist der Hof mit 160 Tonnen der größte Bio-Chicorée Hersteller in Deutschland. „Dennoch ist das Gemüse für den Landwirt risikobehaftet“, erzählt er weiter. Für den Anbau müssen Gewächshäuser errichtet werden, in denen die Chicoréewurzel im Winter austreiben kann. Die Investitionskosten seien höher als beim klassischen Gemüseanbau auf dem Feld. Komme es zu einem Ernteausfall, etwa wegen Pilzbefalls, könne dies schnell die Existenz kosten. „Auch deshalb sind Bioprodukte teurer, da wir bei Krankheiten nicht mit Chemie arbeiten dürfen“, sagt er.

Bereut hat er den Anbau dennoch nie. Das Gemüse hat sich zu einem Markenzeichen des Landgut Pretschen entwickelt. Und auch das Dorf blickt optimistisch in die Zukunft. „Sie müssen unbedingt die Feste erleben“, sagt der Neu-Pretschener Phillip. In Pretschen weiß man das Leben zu genießen. Gute Lebensmittel gehören bekanntlich dazu.

15913 Märkische Heide OT Pretschen
Am Landgut 2, Tel. 035476-175 16

Hofladen:
Di 14-18 Uhr, Fr 10-12 Uhr und 14-18 Uhr, Sa 9-12 Uhr
www.landgut-pretschen.de