Berlin

Bist du schwul, oder was?

Rechtspopulisten ­jammern über angebliche Früh­sexualisierung an ­den ­Schulen und fürchten zuviel Aufklärung im Hinblick auf Geschlechter­diversität. Doch wie modern und aufgeklärt geht es wirklich zu an Berliner Schulen– wo „schwul“ eines der geläufigsten Schimpfwörter ist?

Morris Reinmüller, 20, kommt aus einem 5.000-Seelen-Städtchen in Baden-Württemberg. Seit 2016 wohnt er in Berlin, studiert im vierten Semester Sozialwissenschaften. Morris ist schwul. Hat das Schwulsein damit zu tun, dass er nach Berlin kam? Morris nimmt einen Schluck Minztee. „Ja, ich denke schon“, sagt er. „Wo ich herkomme, habe ich niemanden gekannt, der auch schwul oder lesbisch ist.“ Hier erhofft er sich Freiheit und Anschluss. An der Schule war er nur im engsten Freundeskreis geoutet. Der sollte es für sich behalten.

„In der sechsten Klasse hatten wir ein Bio-Buch, in dem drin stand: ‚In der Pubertät verlieben sich alle Jungs in Mädchen. Und alle Mädchen verlieben sich in Jungs. Das hat mich irritiert.“ Dass er schwul ist, weiß Morris, seit er 15 Jahre alt war. Ein halbes Jahr lang behielt er es für sich. Damals hat er im Internet Coming-Out-­Berichte anderer Jugendlicher gelesen. Und konnte sich damit identifizieren. Einer Freundin gegenüber hat sich Morris dann per Whatsapp geoutet. Das hat es einfacher gemacht, dabei niemandem ins Gesicht zu blicken. Dann traute sich Morris auch bei anderen. Bei der Mama wagte sich Morris erst später vor. Die hat es dem Papa erzählt. Alles okay. Jetzt im Studium gibt es für Morris nicht mehr die großen Coming-Out-Momente. Er redet nebenbei darüber. Dass er mit einem Typen ein Date hatte etwa.

Homo- und bisexuelle Jugendliche haben ihr äußeres Coming-Out im Schnitt mit 17 Jahren. Für viele Jugendliche ist die beste Freundin (34 Prozent) oder die Mutter (18 Prozent) die erste Ansprechpartnerin dabei. Dem voran geht oft ein jahrelanger Prozess des inneren Coming-Outs: über sich selbst klarwerden und mit sich ins Reine kommen. Wesent­liche Jahre der Pubertät sind dann durch diesen inneren Konflikt überschattet: 74 Prozent der jugendlichen LGBT (lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Menschen) befürchten, von Freund*innen abgelehnt zu werden, 69 Prozent haben Angst vor Ablehnung durch Familienmitglieder, 61 Prozent nehmen an, dass ein Coming-Out zu Problemen im Bildungs- und Arbeitsbereich führt. So steht es in einer 2015er-Studie des Deutschen Jugendinstituts, gefördert vom Familienminis­terium. 45 Prozent der jugendlichen LGBT erleben tatsächlich Diskriminierung in der Familie – und 41 Prozent im Freundeskreis. 28 Prozent werden dort gegen ihren Willen geoutet und 15 Prozent ausgegrenzt oder gar ausgeschlossen. Um das zu verhindern, verheimlichen zwei von drei LGBT ihre sexuelle Identität an der Schule immer oder oft.

Foto: Urška Premik

„In der Schulzeit habe ich oft gehört, dass ‘schwul’ und ‘Schwuchtel’ als Schimpfworte verwendet wurden“, erinnert sich Morris. Auch ihm wurde das hinterhergerufen. Ein wichtiger Grund, warum er sich seit Juni 2017 im Verein ABqueer engagiert. Ein zweiter: dass das Thema Queerness in der Schule totgeschwiegen wird. „Nur in Biologie kam es mal beim Thema HIV und Aids vor.“ Morris will etwas dagegen unternehmen. Alle ein, zwei Wochen leitet er gemeinsam mit anderen Freiwilligen von ABqueer einen Workshop in einer Berliner Schulklasse. Überall, von Lichtenberg bis Lichterfelde. Es fängt damit an, über Begriffe zu sprechen: schwul, lesbisch, bi-, hetero- und asexuell. Meist ist Morris überrascht, wieviel die Kids wissen – verglichen damit, was er selbst in der sechsten Klasse wusste.
Dr. Ulrich Klocke, Sozialpsychologe an der Humboldt-Universität, hat 2012 in einer für Berlin repräsentativen Studie Homo- und Transfeindlichkeit an Schulen überprüft. 52 Prozent der Berliner Jungs in der Klassenstufe 6 sagten, dass mindestens einer von zwei Mitschüler*innen Witze über Schwule und Lesben macht; 58 Prozent sagten, dass mindestens einer von zwei Mitschüler*innen über Personen lästert, die für schwul oder lesbisch gehalten werden. Und 83 Prozent der Berliner Sechstklässler-Jungs gaben an, dass mindestens die Hälfte ihrer Mitschüler*innen „schwul“ und „Schwuchtel“ als Schimpfwort verwendet.

Die meisten Klassen, die Morris Reinmüller besucht, sind zwischen der 6. und 8. Stufe; grundsätzlich ist das Projekt aber für die Klassenstufen 5 bis 13 offen. Die Anfragen kommen von den Lehrkräften. Dass sich bei diesem Workshop-Projekt ausschließlich ­junge Queers im Alter von 18 bis 27 engagieren, hat mit dem autobiografischen Ansatz zu tun: Die Kinder in den Klassen sollen nicht nur ab­strakt über Begriffe sprechen, sondern persönlich nachfragen können. Dann kommen Fragen wie: „Wie habt ihr gemerkt, dass ihr queer seid? Wie habt ihr euch geoutet? Wie haben Leute reagiert? Wurdet ihr gemobbt oder habt Gewalt erlebt?“ Richtig negatives Feedback hat Morris Reinmüller dabei noch nie erlebt. „Eher Neugierde. Ich habe aber schon von anderen Ehren­amtlichen mitbekommen, dass es negative Reaktionen und sogar persönliche Angriffe gab. So was wie: ‘Das ist unnatürlich und eklig.’“

Der innere Stress, der einen fertigmacht

In einigen Klassen gab es vorab schon Gegenwind aus der Elternschaft. Das Schlagwort „Frühsexualisierung“ besorgter Eltern geht allerdings völlig am Anliegen der Workshops vorbei. „Wir reden nicht über Sex“, sagt Morris, „außer es kommen von Schüler*innen explizit Fragen danach. Wir reden darüber, wie es ist, sich zu Menschen hingezogen zu fühlen oder sich zu verlieben. Wenn damals bei mir zwei Leute gekommen wären, die gesagt hätten: ‘Ich bin lesbisch, ich bin schwul, ich bin trans, und das ist vollkommen okay, mir geht es gut damit’ – das hätte mir schon sehr geholfen.“

Dass nach wie vor an Berliner Schulen zu wenig Sensibilität fürs Thema Coming-Out herrscht – das weiß auch Stefan Müller. Er ist psychologischer Berater und leitet bei Mann-O-Meter den Jugendbereich. Seit sieben Jahren gibt er über den Verein Workshops in Schulklassen. „Wenn geoutete Lehrkräfte an der Schule sind, hilft das oft schon“, sagt Stefan Müller. „Aber es gibt auch viele Lehrerinnen und Lehrer, die Angst vor dem Thema Sexualität haben – die den Bio-Unterricht mechanisch abhandeln und bloß nicht auf eine psychosoziale Ebene kommen wollen.“ Gleichwohl hat Stefan Müller das Gefühl, dass Jugendliche zum Großteil besser Bescheid wissen als noch vor einigen Jahren: „Die meisten kennen jemanden, der schwul oder lesbisch ist, etwa durch Youtube. Das hilft dabei, Klischees an der Realität zu überprüfen. Man hat Anknüpfungspunkte und kommt besser ins Gespräch.“

Die Berliner Vitalii und Jakub Winter, 20 und 26 Jahre alt, sind verheiratet und haben auf Instagram nahezu 100.000 Follower. Ihr Foto steht oben „Die Nachricht war von Beginn an: Seht uns an!“, erzählt Jakub. „Wir sind ein schwules Paar und wir sind glücklich zusammen. Wir scheuen uns nicht, das zu zeigen, und werden uns auch niemals einschüchtern lassen.“ Am Anfang seien sie sehr provokant in ihrer Ästhetik gewesen, haben darauf aber mehr positives als negatives Feedback bekommen. „Wir freuen uns wahnsinnig darüber, wenn wir E-Mails von Fans erhalten, in denen steht, dass wir für sie ein Vorbild sind.“ Viele schreiben, dass Vitalii und Jakub ihnen Mut geben, selbstbewusst mit ihrer Queer-Identität umzugehen. „Weil unser Instagram ihnen beweist“, sagt Jakub, „dass es unabhängig von der sexuellen Orientierung möglich ist, seine große Liebe zu finden und glücklich zu sein.“

Stefan Müller leitet neben den Workshops auch die Jugendgruppe bei Mann-O-Meter, die sogenannten Jungschwuppen. „Dort gibt es auch einige, die nicht geoutet sind und ziemlich viel Schiss haben, dass es irgendwie rauskommt. Die leiden sehr darunter.“ Die Jungschwuppen sind 14 bis 29 Jahre alt; die meisten allerdings zwischen 16 und Anfang 20. Aus Gesprächen mit vielen Jugendlichen weiß Stefan Müller: „Schule ist eine Stress-Situation. Wenn ich mich irgendwo in der freien Welt oute, kann ich mich im nächsten Moment umdrehen und weggehen. In der Schule, wo ich vorher vielleicht auch schon mitgekriegt habe, dass die Hausaufgaben ‘schwul’ sind und irgendjemand eine ‘dumme Schwuchtel’ ist – mich da zu outen und zu wissen, ich muss die nächsten Jahre jeden Tag genau die Leute sehen, die so was sagen – das ist unheimlich stressig. Wenn ich die Wahl habe, ­jeden Tag Gefahr zu laufen, beschimpft, bespuckt zu werden oder eins auf die Fresse zu kriegen oder das in der Schule einfach für mich zu behalten und es anderswo anzusprechen, tue ich das vielleicht. Wenn ich aber das Gefühl habe, ich habe den Rückhalt der Klasse oder im Freundeskreis, dann ist es vermutlich stressfreier, sich zu outen.“ Es drücke nämlich unheimlich aufs Selbstwertgefühl, Fassade aufzubauen und jemanden darzustellen, der man nicht ist. Während der Jahre des Geheimhaltens entstehen teils therapierelevante psychische und psychosomatische Symptome. Nicht von ungefähr haben schwule Männer viel häufiger Depressionen und Angststörungen. Die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordversuchs ist bei schwulen, lesbischen und bisexuellen Jugendlichen über dreimal ­höher als bei heterosexuellen. Mobbing und Stigmatisierung oder allein die Angst davor bauen das Gefühl auf, als Mensch nicht okay zu sein.

Für die meisten jungen Queers ist es enorm wichtig, beim Coming-Out Halt in der Familie zu finden. Wenn hier negative Resonanz kommt, kann das viel zerstören. „Für Eltern ist das oftmals natürlich auch eine Überraschung oder gar ein Schock“, sagt Stefan Müller. „Sie wollen das Beste für ihre Kinder.“ Man sollte auch den Eltern ihre Zeit geben. „Die Jugendlichen haben oft jahrelang an ihrem inneren Coming-Out gearbeitet. Dann ist es krass, wenn die erste Reaktion der Eltern abweisend ist. Den Eltern kann man nur raten, ihre Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind.“

Damit auch an den Berliner Schulen jungen Menschen die Angst vorm Coming-Out genommen wird, wäre es notwendig, dass Lehrer*innen die Scheu vor dem Thema verlieren. Auch die vielen queeren Lehrer*innen, die nicht zu sich stehen, weil sie befürchten, sich angreifbar zu machen. Einer, der es anders macht, ist Florian Beck, 30, ­gerade fertig mit dem Referendariat. Er arbeitet am Oberstufenzentrum Bekleidung und Mode. Seit vier Jahren trägt er am rechten Handgelenk ein Regenbogenarmband. „Um Sichtbarkeit zu schaffen.“ Immer wieder fragten Schüler*innen, warum er das trage. „Na, erstens bin ich selber schwul und verheiratet“, sagt er dann. „Und zweitens ­möchte ich, dass sich auch sonst niemand verstecken muss.“

Herr … ist ’ne schwule Sau

Einige Kolleg*innen haben Beck gesagt, wie cool sie das finden, dass er damit so offen umgehe. Ältere Kolleginnen meinten: „Sei lieber vorsichtig, wem du das sagst. Damit machst du’s dir schwerer.“ Beck entgegnet dann: „Ja, das stimmt. Aber ich bin ja nicht nur hier, um den Schüler*innen Mathe beizubringen. Wir haben auch einen Erziehungsauftrag. Wenn sie 13 Jahre in einem Raum verbringen, in dem vermeintlich niemand eine Sexualität oder eine Religion hat – wie sollen sie dann lernen, damit umzugehen, dass es das gibt?“ Wenn andere im Kollegium von ihrer Frau oder Freundin erzählen, spricht Beck also von seinem Mann, auch vor den Schüler*innen. In seiner Master-Arbeit hatte sich Florian Beck angeschaut, wie Geschlechtsstereotype in den Mathematik-­Unterricht hineinspielen. „In Textaufgaben haben oft Männer Elektrofirmen. Und Frauen gehen Blumen kaufen.“ Beck will damit brechen. Wenn er Aufgaben selbst schreibt, baut er gleichgeschlechtliche Paare und Menschen mit ausländischen Namen ein. Ein schwuler Kollege meinte zu ihm mal, Beck solle vorsichtig sein. Früher, als er selbst damit offener umgegangen sei, habe öfter an den Wänden gestanden: „Herr … ist ’ne schwule Sau“. Beck sieht das anders: „Man kann mich nicht angreifen, indem man mir sagt, dass ich schwul bin. Das kann von mir aus an der Schulwand stehen. Das ist für mich so aufregend, wie wenn da stünde, Herr Beck hat zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Ich glaube, die Fälle gab es auch deshalb nicht, weil mir das völlig Wurst wäre.“ Er möchte nicht vermitteln, dass man sich fürs Schwulsein verstecken sollte. „So lange sich Leute dafür ducken, wer sie sind, läuft dieser Mechanismus weiter“, sagt er. Und: „Ich mache da nicht mit.“