Berlin

Bitcoins und Bienen

Berlin ist die Hauptstadt der Krypto-Start-ups. Die Unternehmen auf Basis der Blockchain-Technologie sind meist am großen Geld interessiert. Aber abseits des Risikokapitals gibt es auch Projekte, die den Communitys mithilfe dezentralisierter Technologien ihre Autonomie zurückgeben wollen. Welchen Wert haben Bitcoin-Innovationen für das Gemeinwohl der Stadt?

Text: Polina Khubbeeva

Beecoin Projekt von KUNSTrePUBLIK in Zusammenarbeit mit Nascent und Hiveeyes
Foto: @KUNSTrePUBLIK

Ein Summen erfüllt einen kahlen Raum im ehemaligen Haus der Statistik am Alexanderplatz. Sonnenstrahlen fallen auf die unverputzten Wände im zweiten Stock. In ihrem grellen Licht schwirren hunderte Bienen umher, sechs Bienenstöcke stehen im Raum verteilt, an jedem ein Bildschirm, auf den Besucher schauen. Die Bienendaten, die dabei gesammelt werden, haben Auswirkungen auf eine digitale Vereinskasse. Je munterer sie fliegen, desto größer ist der monetäre Mehrwert, den sie generieren – über den „BeeCoin“, eine Kryptowährung, die auf dem Wohlergehen dieser Bienen beruht.

Das „BeeCoin“-Projekt ist möglich dank der Blockchain-Technologie, die dezentrale und unabhängige Datenspeicherung ermöglicht.  An diesem Septembertag, es ist gerade Art Week, steht es für Besucher*innen offen. Es ist wie ein Blick in die Zukunft, die in Berlin längst begonnen hat.

Spätestens seit Facebooks Libra-Projekt, mit dem das soziale Netzwerk sein eigenes Geld schaffen will, sind Kryptowährungen in aller Munde. Die Ursprünge der Krypto-Technologie sind vom libertären Geist der Cypherpunk-Bewegung beeinflusst, sie setzt sich für Datenautonomie und grenzenlose Freiheit im Internet ein. Und Berlin gilt als eines der Zentren.

Medien wie „Handelsblatt“ oder „Deutsche Welle“ nennen die Stadt „Blockchain Capital“. Die Hauptstadt biete jungen Tech-Entrepreneuren den perfekten Mix aus Wild-West-Atmosphäre, vergleichsweise billigen Mieten und vielfältigen Networking-Möglichkeiten.

Krypowährungen ermöglichen durch eine dezentral verwaltete Datenbank – die Blockchain – unabhängige und in sich geschlossene Finanzkreisläufe. Über sogenannte „Smart Contracts“ besteht betrugsfeste Vertragssicherheit. Die gewährleistet statt eines Menschen ein Computerprotokoll. Der Bitcoin ist die erste und populärste Kryptowährung. Kostete ein Bitcoin 2011 noch lediglich einen Dollar, hat sich der Kurs nach Hype und anschließendem Crash bei 6.000–7.000 Euro eingependelt.

Room 77 im Graefekiez
Foto: Room 77

In den letzten Jahren schossen zahllose Kryptowährungen aus dem Boden. Sie unterscheiden sich nicht nur darin, wieviel Geld in ihnen angelegt ist, sondern auch in Anonymitätsgrad und Verschlüsselungstyp. Einer der bekanntesten Konkurrenten ist Ether. Dessen Mitbegründer Joseph Lubin bezeichnete Berlin 2018 als „die wichtigste Stadt im Blockchain-Kosmos“. Dass die Idee, Banken ihr Monopol streitig zu machen und praktische Systemkritik zu üben, in Berlin nicht unbeachtet bleibt, verwundert kaum.

Bereits 2013, als ein Bitcoin gerade einmal 100 Euro wert war, galt die Gegend um die Graefestraße in Kreuzberg als „erster Bitcoin-Kiez“ weltweit. Restaurants und Bars erlaubten die Bezahlung in Bitcoin. Zahlreiche Stammtische entstanden, von denen das Bitcoin Lab im Room77 am bekanntesten ist. Internationale Bitcoin-Enthusiasten vom Gründer bis zur Hackerin besprechen dort aktuelle Trends und Neuigkeiten aus der rasant wachsenden Szene.

Unser Beitrag aus 2012 über Room 77

Im Zuge des aufziehenden Brexits löst die deutsche Hauptstadt zunehmend London als Krypto-Hotspot ab und avanciert zum europäischen und globalen Zentrum für Blockchain-Start-ups. Auch das Zögern der deutschen Politik, die Blockchain-Branche zu regulieren, wirkt sich positiv auf das Investitionsklima aus.

Der Branchenwebseite Chain.de zufolge haben 240 Blockchain-Start-ups ihren Sitz in Deutschland, 112 in Berlin. Aber was für Firmen sind das, die sich hier ansiedeln? Ein Blick ins Handelsregister zeigt: Die meisten arbeiten mit Banking und Investment, versprechen hohe Rendite mit überschaubarem Risiko. Daneben gibt es Unternehmen, die sich der digitalen Identität und Datensicherheit widmen. Aber auch Start-ups mit ethischem Anspruch, wie der gemeinschaftsbasierte Musik-Streaming-Dienst Resonate oder die transparente Trinkgeld-Plattform tip-me, residieren in Berlin.

Angesiedelt sind solche Unternehmen häufig in Co-Working-Spaces mit Fokus auf Blockchain. Einer von ihnen ist „Full Node“ in der Skalitzer Straße in Kreuzberg. Das Gemeinschaftsbüro erstreckt sich über eine ganze Etage eines ehemaligen Postamts, besteht seit eineinhalb Jahren und bietet 30 Unternehmen und bis zu 200 Einzelpersonen für 30 Euro pro Platz und Tag schnelles Internet, moderne Konferenzräume und sogar eine Schlafkabine für das Nickerchen zwischendurch. Vom BWL-Absolventen aus Irland bis zur Urberliner Hacking-Pionierin sind hier allerlei Krypto-Affine anzutreffen.

Anna Harbaum, Anfang 30, lange dunkelblonde Haare und energisches Auftreten, arbeitet seit 2017 in der Krypto-Branche und managt „Full Node“. „Berlin ist sehr gut für entwicklungsfokussierte Unternehmen“, sagt sie. Deshalb seien auch weitere Co-Working-Spaces in Planung. „Wir haben hier auch eine super Frauenquote von mindestens 30 Prozent“, hebt die junge Frau mit den strahlend grünen Augen stolz hervor.

Eigentlich ist die Blockchain-Szene nämlich für ihren geringen Frauenanteil berüchtigt. Er beträgt einigen Quellen zufolge keine fünf Prozent.

Und wie läuft es in dem anderen Blockchain-Berlin? In dem, das sich nicht am großen Geld orientiert und der Stadt und ihren Bewohnern gewidmet ist? Insider äußern sich hinter vorgehaltener Hand resigniert bis pessimistisch zu den gemeinwohlorientierten Blockchain-Projekten in Berlin. Dabei sei das Potenzial gewaltig, sagt Eckart Burgwedel, Unternehmer und Gründer mehrerer Start-ups auf Krypto-Basis. „Im Umwelt-Bereich kann man mithilfe von dezentraler Verschlüsselung ganz demokratisch organisierte Projekte entwerfen. So lässt sich beispielsweise das Sammeln von Müll oder die Einhaltung von Vorschriften im öffentlichen Raum belohnen und ihr Verstoß sanktionieren“, so Burgwedel.

Blockchain als Umweltsünde

Das Gastro-Kollektiv Leuchtstoff in Neukölln bietet – ganz abseits vom Trubel des „Bitcoin-Kiezes“ –  bereits seit fünf Jahren Bitcoin-Zahlungen an. Damals kostete ein Bitcoin noch etwa 800 US-Dollar – ein Kaffee von damals wäre heute etwas mehr als 26 Euro wert. Das Café versteht sich als demokratisches und nachhaltiges Projekt, das viel Wert auf faire Kaffee-Produktion und Transparenz legt. Mehrere Hochebenen aus Holz, der Geruch von frischem Hafer-Latte und Früchtetees in niedlichen Einmachgläsern verleihen dem beliebten Lokal eine ruhige Atmosphäre und heben es von seinen Konkurrenten im Viertel ab.

Leuchtstoff unterstützt zwar die Bitcoin-Idee – auf Nachfrage räumen die Baristi allerdings ein, dass der Service etwa einmal im Monat zur Anwendung kommt. Technisch zu kompliziert, finanziell zu wenig profitabel seien die Bitcoin-Bezahlsysteme noch. Teilweise sei die Transaktionsgebühr höher als der Wert des Kaffees.

Ausgerechnet das neue Geldwäschegesetz der Bundesregierung könnte derweil einen Beitrag zur einfacheren Bezahlung mit Bitcoins im Alltag liefern. Denn zukunftsorientierte FinTechs wie die Berliner solarisBank erhalten von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Lizenzen zur Bitcoin-Verwahrung und damit Rechtssicherheit. Die solarisBank erweitert ihr Angebot, wie kürzlich bekannt gegeben, in Richtung Kryptowährungen und schlägt damit eine Brücke zwischen Bitcoin und konventionellem Banking.

Kryptowährungen und gerade der Bitcoin gelten als Umweltsünder, denn das „Mining“, also das Schöpfen neuer Bitcoins, verbraucht immens viel Energie. Dadurch, dass alle Transaktionen auf der Blockchain gespeichert werden, ist der Energieverbrauch konstant steigend. Der niederländische Ökonom Alex de Vries vergleicht den Energieverbrauch des Bitcoin-Netzwerkes mit dem der Schweiz. 2018 betrug der Bitcoin-Verbrauch laut de Vries etwa 67 Terrawattstunden, was 0,3 Prozent des weltweiten Energiekonsums entspricht – Tendenz steigend. Um einen Bitcoin zu schürfen, braucht man demnach ungefähr 42.000 Kilowattstunden Strom, ein Durchschnittshaushalt verbraucht etwa 3.500 Kilowattstunden jährlich.

Beecoin Projekt von KUNSTrePUBLIK in Zusammenarbeit mit Nascent und Hiveeyes
Foto: Victoria Tomaschko

Allerdings schneiden Krypto-Systeme, die auf anderen Protokollen beruhen, in dieser Hinsicht deutlich besser ab. So etwa Ethereum. Dies ist auch die Grundlage für das „BeeCoin“-Projekt, für das die Bienen durch das Haus der Statistik fliegen.

„Community-Cryptos sind relativ simpel zu machen und bergen ein Riesenpotenzial für demokratische Datensicherung“, sagt Matthias Einhoff, einer der künstlerischen Leiter des „BeeCoin“-Projekts. Es entstand unter Leitung von KUNSTrePUBLIK in Zusammenarbeit mit Nascent und Hiveeyes. Eingebettet ist es in die Initiative „Haus der Statistik“ zur Erhaltung des künstlerischen Raumes. Im Rahmen der Berlin Art Week entwarf die Gruppe Moabees dann Workshops zur Wahrnehmung von Bienen in der Stadt.

Der BeeCoin verbindet die Themen Stadtökologie, Nachhaltigkeit und demokratische Finanztechnologien miteinander. Denn die Bienen sind mithilfe der Krypto-Technologie mit dem BeeCoin verbunden. Mehr noch: Sie generieren ihn. Genauer gesagt generieren die Insekten Daten, die in eine Blockchain eingeschrieben und dezentral verwaltet werden.

Mithilfe eines Datenerfassungssystems mit hochmodernen Sensoren schreiben die Bienen über unterschiedliche Parameter, etwa die Körpertemperatur, Informationen über ihr Wohlergehen in die Computer der Bienenstöcke ein. Diese Werte überführen die Rechner dann in eine Ethereum-basierte Vereinskasse, die mit Beiträgen der Mitglieder gespeist ist. Gute Gesundheitswerte generieren mehr Coins als schlechte – so kreieren erfolgreich geführte Bienenstöcke monetären Mehrwert.

Finanzielle Autonomie

Mit dem Geld finanziert der Verein Projekte zum Schutz der Bienen. Das Entscheidungssystem über die finanziellen Zuwendungen basiert ebenfalls auf der Blockchain-Technologie. Hierbei stimmen Mitglieder mittels eines Systems ab, das ursprünglich für Änderungen am Blockchain-Protokoll eines Netzwerkes entwickelt wurde. Auf die Bienenstöcke angewendet, bietet es ein transparentes und vollautomatisiertes Abstimmungssystem.

„Das finde ich megaspannend“, sagt Einhoff. „Unabhängig finanzieren, andere Crowdfunding-Systeme erproben, das sind die Denkanstöße, die wir mit diesem Projekt initiieren wollen.“ In Indien und Sri Lanka gebe es beispielsweise Wetterstationen, die den Wert von Getreide dokumentieren und somit beeinflussen, erzählt er. Daten zu ungewöhnlich hohen Niederschlagsmengen übermittele das System unmittelbar an die Farmer, die entsprechend reagieren und Schadensbegrenzung betreiben können.

Tatsächlich sind die Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie grenzenlos. Kein Wunder also, dass sich in Berlin ebenso wie in anderen Teilen der Welt von der Altruistin bis zum Börsen-Spekulanten eine ganze Menge Menschen mit den Technologien beschäftigt.

Die chaotisch-anarchischen Anfangsjahre der Szene sind zweifellos vorbei und vielen Gründer*innen geht es um Profit. Aber ein Experiment wie der BeeCoin zeigt, dass finanzielle Autonomie, die Entkopplung von Projektfunding und Bankensystem, mit ein wenig technischem Know-How möglich ist.

Diese Bienen produzieren mit der Blockchain-Technologie Geld. Je besser es ihnen geht, desto höher der monetäre Gegenwert