Kino

Blade Runner 2049

In den letzten 35 Jahren hat Ridley Scotts „Blade Runner“ immer wieder neue Fassungen gesehen – die letzte, der „definitive Director’s Cut“, erschien erst 2007.

Nicht zu viel Aufhebens um einen Film, der stilbildend für ein ganzes Genre wurde. Dazu ein Sequel zu drehen, das dreißig Jahre nach dem Ende von „Blade Runner“ einsetzt, ist eine Herkulesaufgabe. Denis Villeneuve („Arrival“) löst sie, indem er unsere Erinnerung an das Original in den Mittelpunkt stellt: das atemberaubende Set-Design, den dröhnenden Sound, den gemarterten Noir-Look der Figuren. So konsequent setzt er in der Welt fort, die Scott 1982 geschaffen hat, dass man sich erst einmal fragen kann, ob hier alles nur Kopie ist. Wie Officer „KD6-3.7“ (Ryan Gosling), der ­- selbst ein Blade Runner-Replikant – im Jahr 2049 immer noch alte Nexus 8 Modelle jagt.

Doch spätestens, wenn er am Feierabend von seiner holographischen Gefährtin zur Nachlektüre Nabokows „Fahles Feuer“ angeboten bekommt, darf man sich als Zuschauer sicher sein, dass man den Erzählraum eines gewöhnlichen Hollywood-Sequels verlassen hat. Nabokovs Roman-Gedicht steckt wie der Film voller Doppelungen, Spiegelungen, Reprisen, ist selbst ein Kommentar zu einem im Schneegestöber verschwimmenden, fiktiven Original.

Blade Runner 2049
Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Villeneuves neuer Held folgt einer Spur, die zu Officer Decker (Harrison Ford) führe könnte. Die digitalen Archive helfen nicht viel, sie sind in der Zwischenzeit durch eine Atombombe über Greater Los Angeles beinahe vernichtet worden. Kann man in dieser Lage den Hinweisen aus dem eigenen Gedächtnis mehr vertrauen? „Blade Runner 2049“ ist unter seiner fantastischen Design-Oberfläche ein sehr erwachsener Film darüber, wie unsere emotionalen Erinnerungen unser Begehren bestimmen, und wie wir diese Erinnerungen zugleich selbst mitfabrizieren.

Dass wir darüber ausgerechnet im Blockbuster-Kino nachdenken können, lustvoll und angeregt, und gemeinsam mit biologischen Androiden, ist das schönste Paradox, das uns dieser Film beschert.

USA 2017, 163 Min., R: Denis Villeneuve, D: Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Start: 5.10.2017

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