Eine Harfe aus Stacheldraht

Blixa Bargeld und „Lament“

Blixa Bargeld war der Posterboy der Mauerstadt. Auf Jubiläumsfeiern will er sich aber nicht einlassen. Stattdessen wagt er sich weiter zurück und hat mit den Einstürzenden Neubauten den Ersten Weltkrieg vertont Text: Franziska Seyboldt

Es ist zehn nach vier und Blixa Bargeld hat schon sieben Interviews hinter sich. Vier werden noch folgen. Trotzdem hat er gute Laune, oder zumindest das, was er darunter versteht. Bargelds Antworten sind knapp, sein Blick ist auf den hellgrauen Konferenztisch gerichtet. Auf das DIN-A4-Blatt mit den Bleistiftkrakeleien, das vor ihm liegt, klopft er im Laufe des Gesprächs mehrfach so rhythmisch wie der Herbstregen an die Fensterfront des Spreepalais. Hier residiert die Plattenfirma von Bargelds Band Einstürzende Neubauten – in einem Neubau, der noch steht. Seit zwölf Jahren lehnt sich der sechsgeschossige Kasten aus Naturstein und Glas an das alte Nebengebäude in der Anna-Louisa-Karsch-Straße in Berlin-Mitte. Bargelds Bezirk, wenn er nicht gerade in Peking oder San Francisco wohnt.

Die alte Zeit auf einer Kassette

Aufgewachsen ist Blixa Bargeld weiter südlich, in Schöneberg, geboren 1959, als die Welt nicht nur noch anders aussah, sondern auch anders klang: „Es ist erstaunlich, wie sehr sich Berlin verändert hat“, sagt Bargeld. „Wie anders die Autos klangen, wie anders der Straßenlärm. Und die Ansagen im U-Bahnhof: ‚An- und Abfahrt‘, ‚Zurückbleiben!‘; damals, als wir Roth-Händle kauften am Kiosk auf dem Bahnsteig.“

Die alte Zeit, das alte Berlin. Bargeld hat es konserviert. 1978 zeichnete er einen Tag lang die Geräusche der Stadt auf, mit dem Kassettenrekorder. Das Rumpeln und Rattern. Die Stimmen. Zeitgeschichte auf Band: „Das war eine komplett andere Nummer damals“, sagt Bargeld. „Und man hört doch, dass es einen Unterschied gibt, obwohl das gerade mal 36 Jahre zurückliegt.“

36 Jahre, in denen viel passiert ist. Es waren die 80er-Jahre in West-Berlin, denen die Einstürzenden Neubauten ihren Klang zu verdanken hatten. Oder umgekehrt. Keine andere Band brachte das Gefühl, auf der mauerumkränzten Insel, die zum Symbol des Kalten Krieges geworden war, zu leben, so schlüssig auf den Punkt wie die 1980 gegründeten Neubauten mit ihren desolaten, auf kaputten Instrumenten und Müll gespiel­ten Klageliedern. Die Verzweiflung der Entwurzelten, die Einsamkeit in endindustrialisierten Räumen, das Ende der Moderne – das alles lag im Sound der Neubauten. Bargeld selbst zog mit Nick Cave durch die Schöneberger Kneipen, spielte in dessen Begleitband und wurde zum Posterboy für das Abbruch-Image der Mauerstadt, die am westdeutschen Tropf hing.

Bargeld ist mittlerweile Vater einer Tochter, trägt Dreiteiler und sehr überzeugend die Attitüde des Großdichters spazieren, und die Mauer, die Berlin damals trennte, ist schon seit 25 Jahren weg. Wie ein Album zu diesem Jubiläum klingen würde, wenn es seine Band aufnähme, mag Bargeld nicht sagen: „Das kann ich nicht aus dem Hut zaubern. Aber ich möchte auch gar nicht weiter in der Jubiläumsmühle mitmahlen.“ Hat er nämlich schon. Den Kalten Krieg habe er definitiv empfunden, sagt Bargeld, als Westberliner vielleicht noch mehr als andere.

Mag sein, dass die Neubauten, wie es sich gehört für eine Band, die längst zum kulturellen Exportartikel der wiedervereinigten Stadt geworden ist, auch deshalb den Auftrag der belgischen Stadt Diksmuide angenommen haben, die sich ein Album zum hundertjährigen Jubiläum des Ersten Weltkriegs wünschte. Und „Lament“ bekam. Ein Konzeptalbum mit Nationalhymnen, Marschliedern und einem Cover des Antikriegssongs „Sag mir, wo die Blumen sind“. Quasi das Dressing zum trockenen Geschichtssalat in der Schule. Und aus einer Band, die einst klang, als wollte sie die Zukunft in die Tonne treten, ist eine Band geworden, die Vergangenheit aufarbeitet.

Für Bargeld ist die Auftragsarbeit eine Lektion darin, dass man sich nie in falscher Sicherheit wiegen sollte. „Der Krieg ist permanent vorhanden“, sagt er und legt den Kopf in seine Hände. „Er bricht nicht aus wie ein Gefangener oder eine Krankheit.“ Pause. „Er wartet ab.“ Auch jetzt, hier in Deutschland, mache er nur mal eben einen Powernap. Deshalb könne man „The Willy-Nicky-Telegrams“, ein Duett zwischen Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus, die sich Frieden vorgaukeln, auch problemlos in „Angie-Wladimir-E-Mails“ umbenennen. Dieselben Verwerfungen, dieselben Mechanismen wie vor hundert Jahren. „Vielleicht sind einige königliche Familien von diesem Kontinent weggefegt worden, aber das ändert im Großen und Ganzen auch nichts.“

Besonders anschaulich bekommt man den Verlauf des Krieges im mehr als 13 Minuten langen Stück „1. Weltkrieg“ präsentiert. Jeder Beat entspricht einem Kriegstag, jedes Instrument einem involvierten Land. Währenddessen zählt Bargeld mahnend die Kolonialmächte in der Reihenfolge ihrer Beteiligung auf. Am Ende ein Trommelwirbel und die Worte: „The first World War ends with the end of the next bar.“ Plöng. Stille.

Das hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Genauso wie die weltweit einzigen Tonaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, die Bargeld im Lautarchiv der Humboldt Universität und im ehemaligen Musikethnologischen Institut in Dahlem gefunden hat. Darauf spielen Kriegsgefangene Akkordeon, singen Volkslieder aus der Heimat oder rezitieren das Gleichnis vom verlorenen Sohn. „Dieses Tonmaterial ist audiophil betrachtet natürlich grauenvoll“, sagt Bargeld. „Das ist mehr Knattern und Knistern als irgendetwas anderes.“ Aber wie so oft bei den Neubauten liegt der Fokus nicht auf der Qualität, sondern auf dem Kontext. Oder, wie Bargeld es ausdrückt: „Es geht mir immer nur darum, was die Dinge sind, nie, wie sie klingen.“

Eine Säule in den Himmel

Das kann ein Stein aus einem bestimmten Gemäuer sein oder die Harfe aus Stacheldraht, die Bargeld unbedingt für die Aufnahmen von „Lament“ bauen wollte. Anfangs waren alle dagegen. Bargeld setzte sich durch. „Und man kann wunderbar damit spielen!“ Ohne sich zu verletzen? „Na ja“, sagt er, „am besten spielt man sie mit Sticks. Das wäre sonst schon sehr masochistisch.“

Es scheint, als seien die Einstürzenden Neubauten vorsichtiger geworden. Eine in die Jahre gekommene Jubiläumsband ohne blutige Bühnenshows, ohne bleibende Narben. Auch wenn die Inbrunst, mit der Blixa Bargeld sein Hustenbonbon lutscht, wirkt, als hätten die Stimmbänder einen nachhaltigen Schaden genommen, damals, als er mehr brüllte und jaulte als sang. Doch heute hält er sich lieber ans Channeling, eine Technik, bei der es ums Aufmachen geht, ums Durchfließen-Lassen. „Maria Callas hat gesagt, wenn sie singt, baut sich über ihr eine Säule auf, die bis in den Himmel reicht. Das muss man können“, sagt Bargeld. „Und ich kann das nicht so gut wie Maria Callas.“ Eine Säule in den Himmel. Also so etwas ähnliches wie Meditation? Bargeld schaut auf. „Wenn mir jemand sagen würde: Wenn ­Blixa Bargeld singt, ist das wie Meditation“, sagt er, „würde ich es nicht glauben.“