Love and Hate

Böller an Silvester

Freies Böllern für freie Bürger

Es gibt viele gute Gründe, das Böllern zu Silvester nicht gut zu finden. ­Abgerissene Glied­maßen, entstellte Gesichter, verschreckte Kinder, Haus- und Wildtiere. Der ganze Böllermüll, der nach Silvester gefühlt monatelang die Straßen ziert. Sowieso die Feinstaubbelastung, die die eh schon zu hohe Feinstaubkonzentration durch den Individualverkehr bei weitem toppt. Von den Broten, die man für das ­ganze Knall-Bumm-Leucht verballerte Geld finanzieren könnte, mal ganz zu schweigen. Hab ich noch was vergessen?

Oliver Mezger
LOVE
Die Geister, die Oliver Mezger rief, will er auch selber wieder vertreiben. Und dann noch ein Glaser’l Schaum
Foto: F. Anthea Schaap

Doch wenn Überlegungen auftauchen, das individuelle „Feuerwerksvergnügen“ zu verbieten und stattdessen ein zentrales Feuerwerk zu veranstalten samt VIP-Lounge, überteuerten Gastrobuden, hohem Polizeiaufgebot und noch höherem Menschenmassenaufkommen, sage ich: Nein danke.

Gerne gebe ich zu, dass ein professionell kura­tiertes Feuerwerk die anarchische Ballerei in der Neujahrsnacht an Ah-Oh-Wie-schön-Momenten bei weitem übertrifft.

Aber mal ehrlich: Was ist Silvester? Ein uralter Brauch, bei dem es um Geistervertreibung und Begrüßung des Neuen geht. Und meine persönlichen bösen Geister vertreibe ich lieber selber. Und wenn ich dazu einen Vulkan-Böller brauche, der 60 Leuchtkugeln über den 4. Stock schießt und die Straße für eine Minute blockiert, dann will ich das einmal im Jahr auch machen können. Und dazu noch einen Kanonenschlag. Bumm.

Die Entscheidung, ob man unvernünftig böllert oder nicht, sollte jeder selber treffen. Und statt eines Böllerverbots sollte der Gesetzgeber lieber echt relevante Probleme angehen. Das wäre dann für die Politik ein schöner Neujahrsvorsatz.


Testosteron-Fest für Knallchargen

Die ersten Einladungen zu Silvesterpartys sind eingetrudelt: Eigentlich hätte ich riesige Lust, mit den Gastgeber*innen ins neue Jahr zu feiern. Wäre da bloß nicht der Programmpunkt „gemeinsam Böller zünden“. Böller gezündet werden schließlich bereits alle Tage nach Weihnachten bis weit ins neue Jahr hinein. Und Berlin steht in diesen Dingen, nun ja, an vorderster Front.

Eva Apraku
Hate
Rund um Silvester würde Eva Apraku am liebsten Berlin verlassen. Zuviel Blödheit auf einmal erträgt sie nicht
Foto: Harry Schnittger

Spaziergänge in Kreuzberg, Neukölln oder Wedding? Sind dann nicht mehr drin. Es sei denn, man ist bereit, in die Schusslinie zu geraten: Gesprengte Trommelfelle gehören dabei noch zu den harmloseren Kollateralschäden. An Silvester brechen dann alle Dämme: Wer in der Stadt jetzt noch ein Ziel erreichen muss, ist schon am Vormittag gezwungen, eng geduckt an Häuserwänden entlang zu huschen, um heil anzukommen. Es sind vor allem Jungmänner, die ihren in Zeiten von #MeToo aufgestauten Frust detonieren lassen. Wochen vorher beginnen sie, sich ganze Batterien von Explosionsmaterial zuzulegen, koste es, was es wolle. Und bringen, Tage vor Silvester, ganze Stadtteile zum Erschüttern. Dass Polenböller mal eben eine Hand abreißen oder Augen erblinden lassen? Die Knallköppe sind jedes Jahr immer erst hinterher schlauer. Unter dem Vorzeichen des Jahreswechsels fühlt man sich befugt, eine Schneise der Verwüstung zu schlagen. So blöd muss man halt sein.

Geradezu orgiastisch ihre Mienen, wenn es um 24 Uhr zur Synchron-Knallerei geht. Nur Um-die-Wette-Ejakulieren dürfte für solche Knallchargen ein befriedigenderes Erlebnis sein. Den immensen Dreck, der beim Privat-Feuerwerk entsteht, müssen natürlich andere wegmachen. In den Augen der Böllerbirnen: die Weicheier eben.