Das Leben danach

Bogotá im Aufbruch

Kolumbiens Hauptstadt setzt auf Kultur, um das schlechte Image vergessen zu machen. Wie die junge Theaterszene Lateinamerikas die bleierne Zeit der Gewaltexzesse reflektiert, zeigt ein Festival im HAU

Text: Friedhelm Teicke

Der tote Drogenboss Pablo Escobar als Ausstellungsstück: Szene aus der Inszenierung „Discurso de un hombre decente“ – Foto: Felipe Camacho/Mapa Teatro

Einer der bizarrsten Orte Bogotás befindet sich inmitten der pittoresken Altstadt La Candelaria in einem imposanten Kolonialbau mit Vestibül, Patios und allem barocken Schwulst. Es ist das Polizeimuseum.

Man zeigt Uniformmützen, Rangabzeichen, Pistolen, Schlagstöcke, ein Saal informiert anschaulich über „Hinrichtungsmethoden“. Auch eine bizarre Erfindung namens Escopetarra wird ausgestellt. Das ist ein mit Gitarrensaiten bespanntes Gewehr an dem Antonio Banderas als Gunman in „El Mariachi“ sicher seine Freude gehabt hätte.

Die triumphalste Devotionalie wird gleich im Erdgeschoss präsentiert: Aufgebahrt in einem Glassarg liegt da als Wachsfigur die Leiche des berüchtigten Drogenbosses Pablo Escobar. Auch das blutige Hemd, in dem er 1993 von einer US-kolumbianischen Elite-Einheit erschossen wurde, ist ausgestellt.

Dass sich Kolumbiens Regierung lange mit dem Chef des einflussreichen Kokainkartells von Medellin arrangiert hatte, ihm luxuriöse Haftbedingungen gewährte, verschweigt die Ausstellung freilich. Der, neben Shakira, wohl bekannteste Kolumbianer der Welt hatte soviel Macht und Geld angesammelt, dass er auf einen Schlag sämtliche Auslandsschulden Kolumbiens aus der Privatschatulle hätte begleichen können. Was er sogar angeboten hatte – im Gegenzug zur Nichtauslieferung an die USA, als deren „Staatsfeind Nummer 1“ ihn George Bush senior in den 90er-Jahren erklärte.

Ein Feind mit politischen Ambitionen. Daran erinnert jetzt das Stück „Discurso de un hombre decente“ (Rede eines anständigen Mannes) des Mapa Teatro aus Bogotá.

Legalisierung der Drogen

Die Performance gehört zu der exemplarischen Auswahl jungen lateinamerikanischen Theaters, die das HAU jetzt im Festival „La Vida Después / Das Leben danach“ präsentiert – alles Inszenierungen, in denen eine postdiktatorische Generation sich den Wunden der Gewalt stellt. Der Mann, der nun als Exponat und abschreckendes Beispiel in einem Museum liegt, das die Arbeit der Polizei glorifiziert, wollte einmal ernsthaft Präsident Kolumbiens werden. Zum Kongressabgeordneten hatte er es schon geschafft.

Ins Zentrum stellt das Mapa Teatro eine fiktionale Rede Escobars, gebaut aus Versatzstücken tatsächlicher Aussagen, in der der Kokainkönig beschreibt, wie er ein prosperierendes und machtvolles Kolumbien herbeiführen will – nämlich durch die Legalisierung von Drogen. Das Verblüffende: Heute, knapp 20 Jahre nach Escobars Tod, wird diese Möglichkeit durch Kolumbiens derzeitigen Staatschef Juan Manuel Santos tatsächlich ernsthaft erwogen, um die Gewalt und Kriminalität in den Griff zu bekommen. Kürzlich haben Parlamentarier in Bogotá einen Gesetzesentwurf eingebracht, wonach der Anbau von Koka und Marihuana zukünftig straffrei bleiben soll.

Das Stück hatte Ende März seine Premiere beim „Festival Iberoamericano de Teatro“, bei dem auf zahllosen Bühnen und Plätzen alle zwei Jahre Theatertruppen aus allen Kontinenten in Bogotá gastieren.  Es ist das weltweit größte Theaterfestival und eine der Maßnahmen, mit denen Bogotá, einst die gefährlichste Stadt Südamerikas, seinem Image von Kriminalität, Kokain und Kartellen entgegentritt.

Kulturförderung statt -abbau

Während hierzulande über Kulturabbau palavert und er vielerorts bereits praktiziert wird, geht Bogotá in die andere Richtung. In der größten Metropole der Anden sieht man Kultur und ihre Förderung nicht als lästiges Übel an, sondern als Bringschuld für die Zukunft einer Stadt und eines Landes, dem die Dünne der Zivilisationsschicht, die uns von der Barbarei trennt, allzu bewusst ist. Viel zu lange aufgerieben von rechtsradikalen Paramilitärs, linksextremer Gewalt, staatlichem Gegenterror und den Bluttaten der Drogenbanden, dient ihr Kultur nun als Hoffnungsträger und Imagefaktor.

Der Plaza de Bolívar ist der zentrale Platz in La Candelaria, dem historischen Kern der kolumbianischen Hauptstadt. Viele der ehemaligen Herrenhäuser sind heute Theater, Galerien und Museen. Auch das Mapa Teatro sitzt hier – Foto: Friedhelm Teicke

Stolz verweist die Acht-Millionen-Stadt auf ihre über hundert Theater, ihre gut 70 Museen und ihre lebendige Galerieszene. Man fördert Konzerte und Bibliotheken, druckt in Lizenz Bücher nach, die an öffentlichen Orten ausliegen und umsonst mitgenommen werden dürfen. Und man veranstaltet das größte Theaterfestival der Welt.

Dem einstöckigen Kolonialbau in der Straße Carrera 7, Hausnummer 23-08, sieht man von außen nicht an, dass sich hier ein Theater befindet. Kein Schild weist auf das interdisziplinär arbeitende Mapa Teatro hin. Es erscheint von außen wie ein normales Mietshaus inmitten der turbulenten Geschäftsstraße, die durchs historische Zentrum La Candelaria zum zentralen Plaza de Bolívar führt. Handyvermieter stehen an den Straßenecken, halten ihr Angebot auf Schildern hoch: 200 Pesos pro Minute, circa 8 Cent.

„Discurso de un hombre decente“ beginnt mit einem kurzen Vortrag des Wirtschaftswissenschaftlers und Drogenexperten Francisco Thoumi, der über den Zusammenhang von Drogenhandel und Gewalt referiert. Dann treten auf: Eine Koka-Pflanze, eine schrille TV-Moderatorin und „La Banda de Músicos Marcos Fidel Suárez de Bello“, es sind Musiker der Originalkapelle, die in Medellín auf Pablo Escobars Festen spielte.

Einmal ging dort eine Bombe hoch, die Escobar treffen sollte. Die halbe Band kam ums Leben. „Es war sehr eindrucksvoll“, sagt Regisseur Rolf Abderhalden, „nachdem wir unser Stück in Medellín voraufgeführt hatten, gab es eine große Stille im Zuschauerraum. Die Geschehnisse um Pablo Escobar waren lange Zeit eine Art Tabu.“

Eine weitere kolumbianische Produktion ist neben Arbeiten aus Argentinien, Mexiko und Chile auf dem HAU-Festival „La Vida Después“ zu sehen. Der Dramatiker und Regisseur Jorge Hugo Maríns zeigt in der Trilogie „Familienangelegenheiten“, wie die Jahrzehnte der Gewaltexzesse die Zivilgesellschaft verroht haben. Der erste Teil war bereits vor zwei Jahren in Berlin zu sehen, jetzt sind die beiden folgenden Stücke eingeladen: „Los autores materiales“ handelt von einer Studenten-WG, die ihren Vermieter umgebracht hat. Und „Como quieres que te quiera“ („Wie soll ich dich lieben“) zeigt die mörderische Geburtstagsfeier der 15-jährigen Tochter eines gefangenen Drogenbosses.

Bogotá ist trotz mancher sozialer Reformen zweigeteilt. Im Norden leben die Reichen, im Südwesten die Armen. Wie in vielen lateinamerikanischen Metropolen sollte man nachts nicht unbedingt zu Fuß gehen. So gefährlich aber, wie Paul McCartney wohl meinte, als er Ende April in Bogotá konzertierte, ist die Stadt tatsächlich nicht mehr: er ließ sich von 1.400 Polizisten beschützen.

„La Vida Después / Das Leben danach“ Festival jungen lateinamerikanischen Theaters, 21.-26.5., HAU 1-3. Eintritt 11-18, erm. 7 Euro

Siehe auch: www.zitty.de/bogota