KOLUMBIEN-FESTIVAL

Gewalt und Leidenschaft

Das Festival „Libertad y Orden“ im HAU zeigt, wie kolumbianische Künstler ihr Land zwischen Aufbruch, Kokain und Dauerkrieg spiegeln

Text: Friedhelm Teicke

Auf dem Sinkflug kommt uns das Land auf halbem Weg entgegen. 2640 Meter über dem Meeresspiegel liegt Bogotá, die kolumbianische Hauptstadt. Die Luft ist dünn, die Temperatur mild, trotz Äquatornähe. Der Flughafen nennt sich verheißungsvoll „Eldorado“, nach dem mythischen Goldland. Das aber ging bekanntlich den Bach runter – so wie lange Zeit Kolumbien selbst.

Bogotá, Kolumbien – Foto: Friedhelm Teicke

Mit „Sei bloß vorsichtig!“ verabschiedeten mich die Berliner Kollegen besorgt. Über das südamerikanische Land weiß ja jeder irgendwie Bescheid, seit Hollywood sich darum kümmert, kolumbianische Realität der Welt näher zu bringen: In Filmen wie „Collateral Damage“ mit Arnold Schwarzenegger, „Das Kartell“ mit Harrison Ford oder „Blow“ mit Johnny Depp erscheint das ganze Land als ein einziger Sumpf aus Drogenbanden, Guerilleros und Gewaltexzessen. Fast hilflos mutet da der Slogan der kolumbianischen Tourismusbehörde an, die mit „The only risk is wanting to stay“ und dem Hinweis auf die landschaftliche Schönheit gegen das schlechte Image anzukämpfen versucht.

Natürlich hat das viertgrößte Land Südamerikas außer Drogen, Entführungen und politischen Morden auch andere Realitäten. Diesen vielschichtigen Wirklichkeiten spürt jetzt das HAU in einem Festival nach. Es paraphrasiert das kolumbianische Staatsmotto „Libertad y Orden“ zu „Freiheit und Unordnung“ und holt junge kolumbianische Künstler und Theatermacher nach Berlin, deren Arbeiten die widerstreitenden gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren.

Peitschende Maskenträger 

Zum Beispiel das Mapa Teatro. In der Liste der Bogotáer Theater im offiziellen „Tourist Guide“ der Tourismusbehörde ist die seit 25 Jahren bestehende Gruppe nicht vertreten. Ihrem Domizil in der Avenida Carrera 7 Nr. 23-08 sieht man von außen nicht an, dass sich hier ein Theater befindet. Es erscheint wie ein normales Mietshaus inmitten der turbulenten Geschäftsstraße, die ins historische Zentrum La Candelaria führt. Kein Schild weist auf das interdisziplinär arbeitende Mapa Teatro hin, das zugleich ein alternatives Kulturzentrum ist.

In Koproduktion mit dem HAU hat sich die Gruppe um die aus der Schweiz abstammenden Geschwister Heidi und Rolf Abderhalden für ihre Produktion „Los Santos Inocentes“ („Das Fest der unschuldigen Kinder“) einen afrokolumbianischen Brauch zur Vorlage genommen. In der schwer erreichbaren Pazifikregion Cauca haben die von afrikanischen Sklaven abstammenden Einwohner der Stadt Guapi über die Jahrhunderte ein ursprünglich katholisches Fest, das an den Kindermord von Bethlehem erinnert, in ein grausam anmutendes Ritual verwandelt: Mit Peitschen bewaffnete Maskenträger schlagen auf jeden ein, der ihnen beim „Fest der unschuldigen Kinder“ am 28. Dezember über den Weg läuft.

Ritual und Vertreibung: „Los Santos Inocentes (Das Fest der unschuldigen Kinder)“ vom Mapa Teatro – Foto: Mapa Teatro

Erfahrungen der Sklavenzeit und erlebte Massaker haben hier über die Jahrhunderte ihr ritualisiertes Ventil gefunden. Und der nächste Konflikt ist schon da: Neuerdings entdecken die aus Cali verdrängten Paramilitärs die schwer zugängliche Region im Südwesten als neues Kokain-Anbaugebiet.

Die interdisziplinäre Performance hat Momente von Poesie und Humor, mitunter ist es nett und bunt, dann wieder düster und brutal. „Alles ist enthalten“, sagt Regisseur Rolf Abderhalden, „aber am Ende bleibt da eine ungelöste Spannung. Eine Spannung, die das offizielle Etablishment negieren will, indem es für Kolumbien die Normalität ausruft.“

Kokain, Kartelle und Konflikte 

Am 30. Mai sind Präsidentenwahlen. Der seit 2002 amtierende Präsident Álvaro Uribe versuchte das Grundgesetz zu ändern, um für eine dritte Amtszeit kandidieren zu können, das Verfassungsgericht untersagte es. Mit seinem harten Kurs gegen die linken Rebellen der Farc und Eingliederungshilfen für ehemalige Paramilitärs agiert Uribe als engster Verbündeter der USA in Südamerika, die Kolumbien mit Milliarden-Hilfen im Anti-Drogen-Kampf unterstützt.

In Teilen der kritischen Mittelschicht des Landes hat der ultrakonservative Politiker (der als Gouverneur in Medellín selbst der rechten Miliz nahestand) in etwa den Status Hitlers in Deutschland: Ein mieser Charakter, aber immerhin hat er die Autobahn gebaut. Die Variante auf Uribe lautet: Immerhin hat er die Straßen sicher gemacht, man kann wieder unbeschadet durchs Land reisen.

Aber solange Kolumbien gemeinhin für Kokain, Kartelle und Konflikte steht und weniger für Kaffee und Kultur hat das Land ein Problem. Und so setzt es seit 1988 immer wieder ein Lächeln auf. Das heißt „Festival Iberoamericano de Teatro“. Auf zahllosen Bühnen und Plätzen gastieren beim größten Theaterfestival der Welt in Bogotá alle zwei Jahre in den Wochen vor Ostern Theatertruppen von allen Kontinenten.

Große Namen sind dabei, dieses Jahr etwa Peter Brook und Jan Lauwers, aus Berlin reisten Frank Castorfs Volksbühne und Constanza Marcas’ Dorky Park an. Das Festival bemüht sich um Normalität, doch schnell wird dem Gast klar, dass seine bloße Anwesenheit und Masse den Alltag der Stadt verändert. Es zieht rund zwei Millionen Zuschauer an, die sich Hunderte von Vorstellungen in Theatergebäuden und auf der Straße ansehen.

Bogotá ist stolz auf sein Festival, weil das Mega-Spektakel ein anderes Bild des Landes zeichnet. Schwer bewaffnete Polizisten auf den Straßen geben allerdings eine Ahnung davon, dass der Bürgerkrieg längst nicht vorbei ist.

Das Mapa Teatro in Bogotás Altstadt La Candelaria – Foto: Googlemaps

Immerhin haben auch kritische Auseinandersetzungen wie die jetzt nach Berlin kommende Arbeit des Mapa Teatro im Festival-Programm Platz. Ebenso das Stück „Familienangelegenheiten“ des jungen Regisseurs und Autors Jorge Hugo Marin aus Medellín. Es zeigt mit Sinn für Komik die Brüche auf, wie moderne Lebensweise und traditionelles Denken in einer Umgebung von Gewalt die gesellschaftliche Keimzelle Familie abstumpfen. Man sitzt in einem Hof und blickt wie ein Nachbar durchs Wohnzimmerfenster auf eine ganz normale Familientragödie.

Ein Meer aus Hütten 

Auch diese Produktion kommt direkt vom Bogotá-Festival zum von Kirsten Hehmeyer, Matthias Pees und Gustavo Llano kuratierten Kolumbien-Schwerpunkt des HAU nach Berlin. Im spanischen Original mit deutscher Übertitelung werden dort neben Video-Installationen von Carlos Motta und Tanztheater von Tino Fernández auch zwei Shakespeare-Bearbeitungen gezeigt: „Mosca“ nach „Titus Andronicus“ vom Teatro Petra und eine „Hamlet“-Performance von Juan Aldana. Vorträge, Lesungen und Filme ergänzen das Theaterprogramm.

Den Schlusspunkt von „Freiheit und Unordnung“ setzt „Versus“ von Rodrigo García, eine 2008 anlässlich der 200-Jahr-Feiern lateinamerikanischer Unabhängigkeit entwickelte Arbeit. Der aus Argentinien stammende Autor und Theaterregisseur dreht das Thema Unabhängigkeit weiter, nicht als historischen Rückblick auf Kolonialzeiten, sondern als emanzipatorischen Prozess des Alltags, als stetigen Versuch, Abhängigkeiten zu entfliehen.

Geradezu existenziell und tatsächlich ist diese Flucht für die Armen und die Indios, die im Dauerkrieg zwischen Guerilla, Paramilitärs und korrupter Staatsräson zerrieben und aus ihren Dörfern vertrieben werden. Rund um Bogotá wächst ein Meer aus Hütten, mehr als ein Drittel der sieben Millionen Bogotáner lebt in Slums.

Auf dem Heimflug lese ich im „Herbst des Patriarchen“ vom kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez: „Die Armen sind immer die verarschten“, schreibt er. „Am Tag, wo die Scheiße irgendeinen Wert bekommt, werden die Armen ohne Arsch geboren.“

„Libertad y Desorden / Freiheit und Unordnung – Junge Kunst aus Kolumbien“, 22.4.-1.5., HAU 1-3. Eintritt 11-18, erm. 7 Euro