Party-Experte

Bonaparte

Der Weirdo-Poprock-Flummi und Wahlberliner Bonaparte veröffentlicht zum ersten Mal ein scheinbar harmloses, harmonisches Album – und bleibt wild. „Schau mal, wie würdest du das denn machen?“,fragt Tobias Jundt und deutet mit erwartungsvollem Blick auf seinen Laptop-Bildschirm. „Was jetzt genau?“ „Na, den Stage-Plan!“ Vor ihm flimmert eine Bühnenskizze, er plant gerade die Platzierung seiner Musiker für die kommenden Konzerte. Die Bläser sollen in die Mitte, links und rechts drapiert er je ein Schlagzeug. Fertig. Aber für Bonaparte erstaunlich steril. Das Schweizer Solo-Projekt, das zum Kollektiv angeschwollen war, weil es immer mehr Künstler aus aller Welt magisch angezogen und mütterlich aufgenommen hat, ist für Exzess und Kontrollverlust bekannt.

Und plötzlich soll eine überschaubare Anzahl von Musikern brav in Reih und Glied stehen? Eskalation, Hedonismus, vor allem aber die Welt und was mit ihr geschieht, all das spiegelte Jundt bislang ironisch, sarkastisch und kritisch in seiner Musik. Das Projekt Bonaparte dient ihm dabei seit seinen Anfängen vor zehn Jahren als endloses Spielfeld – und darauf lassen sich zum Glück auch ruhigere Spiele austragen. Wenn die Vorgängeralben zugleich Risiko, Tabu und Twister waren, ist das neue Album „The Return Of Stravinsky Wellington“, wenn man so will, grundsolides Mau Mau – und nicht die Star-Wars-Edition von Monopoly. Die neuen Stücke grölen und rempeln nicht mehr, sie machen subtiler auf sich aufmerksam, mit geradlinigen Texten, Melodien,Songstrukturen.

Es knallt noch, aber anders. Nicht mehr mit Parolen und schrammeligem Demo-Sound, sondern mit erstaunlich direkten Einblicken in die Gedankenwelt von Bonaparte. Es ist, als würden die Stücke dem Hörer intensiv in die Augen blicken. Und nur kurz zwinkern. Die Texte leuchten nicht mehr den Weg zur Erkenntnis, die Erkenntnis steckt in ihnen. Für Jundt habe sich das richtig angefühlt, er mache schließlich Musik, die ihm in einem bestimmten Moment sinnvoll erscheine, und auch der Welt dienlich sein könne. „Außerdem musst du auf dein inneres Tierhören, dann findest du vielleicht heraus, ob du ein Flamingo oder ein fucking fleischfressender Tiger bist“, sagt er.

Diesem Mann wohnt auch im Alter von 38 Jahren und als Familienvater noch das Animalische inne, das merkt man, wenn er von der Leidenschaft und Simplizität der Dinge spricht. Wie er die vergleichsweise seichten neuen Songs bei seinen Shows unter die alten mischen will? „Das wird relativ komisch, wahrscheinlich. Aber das ist cool“, sagt er und zuckt grinsend mit den Schultern. So ist das eben, Künstler entwickeln sich weiter, probieren sich aus, tauchen in unterschiedliche Phasen ein und aus ihnen wieder auf. Bonaparte ist auch schon wieder an der Oberfläche angelangt: „Ich arbeite bereits an der nächsten Platte, die nochmal einen ganz anderen Haken schlagen wird!“ Damals, als der Erfolg kam, das Kollektiv bei seinen Shows immer wilder und wirrer agierte, „war das sicher die schönste Phase“, sagt Jundt. Männer mit Pferdekopf- und Babymasken, Frauen mit Kunstblut und Nippelstickern auf den Brüsten: Kann man machen, muss man wollen. Und Bonaparte wollte.

Und doch gab es kein klares Konzept, auf der Bühne regierte einzig das koordinierte Chaos. „Manche konnten nicht mal ein Instrument spielen, die haben dann einfach Quatsch gemacht, sich ausgezogen oder Würstchen gebraten“, sagt Jundt. Lulu Rafano zum Beispiel, der Unterhosenmann, dessen sehnlichster Wunsch es immer schon war, sich vor Publikum auszuziehen, während neben ihm eine Band spielt. Bis Jundt ihn aufgegabelt und mitgenommen hat – und sein Traum Wirklichkeit wurde. Der Arbeitsethos von Bonaparte: Reisen und die Wege der Anderen kreuzen.

Die Anderen, das sind meist Künstler, die sich anschließen und ihm nach Berlin folgen. Und so ist es weniger die Musik als solche, die Bonaparte und Berlin verbindet, als vielmehr die Art und Weise, wie er sein Projekt realisiert. Menschen aus Neuseeland, den Niederlanden, Kanada, den USA, Australien, Frankreich, sogar Tasmanien sind in seinem aktuellen Ensemble für die Tour im Sommer vertreten. All ihre Wege kreuzten sich, nun pulsieren sie gemeinsam in Berlin – eine klassische Hauptstadtgeschichte. Auch „The Return Of Stravinsky Wellington“ profitiert von Jundts Weltenbummlerei: Die Horns komponierte und nahm er in Neuseeland auf, die Drums spielte er in einem Wald in New York ein. Auf der Stelle stehen: eine schreckliche Vorstellung für ihn. Bleibt man seinem Alter Ego jahrelang treu, bestünde die Gefahr, eine Karikatur seiner Selbst zu werden. „Dann klatscht man sich immer noch die gleiche Schminke drauf, nur weil man damit mal erfolgreich war. Und dann wird’s ein bisschen komisch.“ So wie H. P. Baxxter? Jundt lacht: „Wenn man das lange genug macht, kann das auch wieder geil sein.“