Anti-Pop-Art

Boris Lurie – Mann des Widerspruchs

Das Jüdische Museum würdigt in der Retrospektive "Keine Kompromisse!" Boris Lurie, den Begründer der NO!art, einen Gegner von Kunstmarkt und Andy Warhol

Es gibt eine Anekdote darüber, wie die NO!art zu ihrem Namen gekommen sein soll: Eine Galerie in der Lower East Side stellt Ende der 1950er-Jahre eine Collage aus, auf der Boris Lurie Fotos verrenkter Leichen von KZ-Häftlingen und üppiger Pin-Up-Girls übereinander montiert hatte. Eine Besucherin sah das Bild und lief schockiert „No!, No!, No!“ schreiend hinaus.
Die NO!art war geboren, deren geistiger Vordenker Boris Lurie (1924-2008) wurde. Ein sperriger Mann des Widerspruchs, ein Jude, der Stalin verehrte und deutsche Schäferhunde hielt, nicht heiratete und keine Kinder bekam und geradezu manisch malte, zeichnete, collagierte und schrieb, doch absichtlich nie von seiner Kunst lebte. Er lehnte den Kunstmarkt ab. Offiziell hat er nie ein Bild verkauft und früh verstand er die NO!art als Gegenposition zu Andy Warhol und dessen Pop Art, die er für seicht und kommerziell hielt. „Kunst ist wirkliches Dasein“, postulierte er und wetterte gegen Sammler, Professoren und Spekulanten. Sein beträchtliches Vermögen hat der Revolutionär jedoch mit Ramschaktien und Immobilien gemacht.
Mit „Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie“ präsentiert das Jüdischen Museum seine bis dato größte Retrospektive. Der erklärte Kunstbetriebs-Verächter bekommt damit eine geradezu klassisch gehängte Ausstellung in einem etablierten Museum. Ein weiterer Widerspruch, der ihm vermutlich gefallen hätte. Mehrere hundert, teilweise nie zuvor gezeigte Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde wurden dafür aus dem Archiv hervorgeholt und restauriert. Frühe großformatige Bilder, die sich direkt auf seine Holocaust-Erfahrung beziehen, daneben ein Raum mit filigranen Zeichnungen und allen voran die expressiven, symbolisch aufgeladenen Manifeste der NO!art aus den 50er- und 60er-Jahren.
Lurie kannte keine Grenzen, weil er den Bruch der Grenzen erfahren hat. Nahezu seine gesamte Familie wurde von den Nazis ausgelöscht, er selbst emigrierte 1945 nach New York und suchte fortan nach einer visuellen Sprache für etwas, was eigentlich nichtausgedrückt werden konnte – den  Massenmord an den europäischen Juden.
Kunst studiert hatte er nie. „Die Grund­lagen meiner künstlerischen Erziehung erwarb ich in Buchenwald“, sagte er und entwickelte eine ästhetische Formsprache für die „jüdische Erfahrung“. Er verwendete explizite Fotografien, pinselte grobe Haken­kreuze und Judensterne und schuf eine singuläre künstlerische Position, die er vor der Öffentlichkeit verborgen hielt. Viel zu lang, wie man jetzt feststellen muss, auch weil das Werk wenig von seiner von seiner Drastik verloren hat. Die Kunst des Boris Lurie ist mehr als eine Entdeckung, sie ist eine Sensation.

Bis 31.7.: Jüdisches Museum, Lindenstr. 9–14, Kreuzberg, Di–So 10–20, Mo bis 22 Uhr, 8/erm. 3 €

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