Fotografie

Boris Mikhailov: Ein Mann für alle Körper

Das Fotohaus C/O Berlin präsentiert bekannte und unbekannte Arbeiten von Boris Mikhailov – eine nachträgliche Gratulation zu dessen Geburtstag

Als Boris Mikhailov seine bis heute berühmteste Fotoserie 1999 erstmals in Berlin zeigte, erschrak das Publikum. Darf man das? Ist es wirklich so schlimm?


„Case History“, „Krankengeschichte“, wie die Serie von 1997–1999 heißt, ist seitdem weltweit ausgestellt worden, mehrmals auch in Berlin, etwa 2012 in Mikhailovs großer Werkschau in der Berlinischen Galerie, die auch ganz andere Arbeiten des Berliner Fotografen aus der Ukraine zeigte. Zum Beispiel seine frühen Überblendungen farbiger Dia-Positive, die transparente Flower­power-Bilder zauberten, das genaue Gegenteil der offiziellen Bildsprache in der Sowjet­union der 1960er- und 1970er-Jahre. Und Schwarzweißaufnahmen von unscheinbaren Ecken, beschriftet mit Gedanken zu Foto­kunst und Alltag. „Ein Foto­graf ist kein Held“, steht da etwa mit grünem Buntstift in kyrillischen Buchstaben. Doch „Case History“ (Fotos rechts) stellte auch hier alles andere in den Schatten.


Körper in jedem Zustand

©BorisMikhailov
Ohne Titel, a.d.S. Case History, 1997/98 ©BorisMikhailov


Ein Internetvideo des Museums von der damaligen Schau lässt ahnen, warum. Besucher und Besucherinnen, ordentlich frisiert, gewaschen, in warmer Winterkleidung und allem Anschein nach gesund, blicken in Gesichter mit Wundschorf und Verband. Auf vom Schnaps rotfleckige Nasen, geschwollene Bäuche, Narben, auf Kinder mit Klebstofftüten, auf drei Versehrte, die einen Vierten halten, der in den Schnee zu stürzen droht. Mikhailov hatte in der Ukraine Arme und Obdachlose porträtiert, in Aktposen oder Szenen, die an biblische Darstellungen der Renaissance erinnern.


Jetzt ist „Case History“ erneut zu sehen. Das Fotohaus C/O Berlin richtet Mikhailov ab dem 16. März eine Ausstellung aus, in der die Serie dieses Mal in 260 kleinen gerahmten Aufnahmen hängt, einer Auswahl aus 417 Bildern, ein Opus Magnum, das 1999 auch als Buch erschien. Auch zeigt sie die neue Arbeit „Temptation of Death“ über die Ruine eines unvollendeten Krematoriums in Kiew, zudem eine Auswahl bisher unveröffentlichter Abzüge: die Serie „Diary“, tatsächlich eine Art Tagebuch mit heiteren, teils privaten Aufnahmen. „The Theatre of War“ mit Aufnahmen von den Demonstrationen auf dem Kiewer Majdan ist nicht dabei. Es gehe vor allem um den „Körper und Körperbilder“, sagt Kurator Felix Hoffmann von C/O Berlin. Feuchtpräparate aus dem Medizinhistorischen Institut der Charité sollen die Präsentation ergänzen.


Körper sind Mikhailovs wichtigstes Motiv. Mal füllen sie Badeanzüge, mal ungemachte Betten. Auch seinen Körper rückt er ins Bild, oft ironisch (Foto links), manchmal melancholisch wie im ukrainischen Pavillon der Venedig-Biennale 2017. Da zeigte er sich mit einem in seinem Beruf geradezu metaphorischen Leiden: einer Bindehaut­entzündung. Sie könne, so suggeriert die Serie „Parliament“, vom Betrachten verzerrter Fernsehbilder von Parlamentsdebatten rühren. Den Antennenempfang hatte Mikhailov gestört. Politikmüdigkeit spricht aus den Fotos. Umso agiler wirkt der Katalog, den der Fotograf Jürgen Teller bebilderte, mit Porträts von Mikhailov und seiner Frau Vita in ihrer Berliner Wohnung, bei Fisch­rogenhäppchen, Himbeeren und eini­gen Gläschen Wodka. Und immer wieder Mikhailov auf dem grauen Sofa liegend, die Füße in stabilen Filzpantoffeln, mal mit schwarzer Schlafmaske, mal ohne, vor sich das Fernsehgerät, in der Hand die Kamera.


Mikhailov, fotografischer Autodidakt, von Haus aus Elektroingenieur, kam über Frankfurt am Main mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Berlin. Deutsch spricht er nicht. Zu den wenigen Interviews, die er gibt, begleiten ihn Übersetzende. Auf die Frage, ob er die Sprache lernen wolle, antwortete er einmal: „Ich würde gern, aber es ist ein bisschen spät für mich. Wenn ich versuche, neue englische Worte zu lernen, schlafe ich ein und kann mich am nächsten Tag nicht an sie erinnern.“


Mikhailov war 60 Jahre alt, als ihm „Case History“ den internationalen Durchbruch brachte. Seine Werkschau richtet ihm C/O Berlin nun nachträglich zum 80. Geburtstag aus. Kurator Felix Hoffmann lässt für sie Zwischenwände und Fensterverkleidungen herausnehmen, so dass der Blick auf die Straße frei ist. Dort sind Menschen unterwegs, die für „Case History“ Modell gestanden haben könnten. Sie leben auf den Straßen am Bahnhofs Zoo, im Tiergarten und unter Brücken an der Spree.


Ohne Mütze, auf Knien


Noch die Jury, die ihm 2015 den angesehenen Kaiserring von Goslar verlieh, beschied Mikhailov, einer „der wichtigsten Chronisten der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft“ zu sein. Doch der sagt von sich: „Ich bin kein Chronist“. Seine Ausstellung gegenüber vom Bahnhof Zoo wird ihm Recht geben. Das Elend aus „Case History“ steckt nicht in einer postsowjetischen Gesellschaft. Es ist in der Stadt angekommen, in der die Serie Premiere hatte.


Boris Mikhailov ist kein Chronist des Postsowjetischen. Er fotografiert das Menschsein an sich. In „Case History“ zeigt ihm ein Obdachloser ein Geschwür auf dem Penis. Mikhailov, die Kamera um den Hals und die Mütze noch auf dem Kopf, schaut sich die Furunkel mit skeptischem Blick an. Zwei Nahaufnahmen des Geschwürs später hat Mikhailov die Mütze abgenommen und kniet, ecce homo, mit geschlossen Augen vor dem Unterleib des Mannes.

Bis 1.6.: C/O Berlin, Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei