Was mich beschäftigt

Brauche ich echt kein Auto mehr?

Erik Heier
In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Erik Heier
Foto: Harry Schnitger

Letzte Woche habe ich meinen treuen alten Audi 80 abgegeben. Er war 23 Jahre lang in Familienbesitz. Erst fuhr ihn mein Vater, dann ich. Aber am Ende gewinnt immer der TÜV.Meine Frau schlug vor, kein neues Auto mehr anzuschaffen. Bisschen Carsharing, viel BVG. Und nach dem Schnee geht’s aufs Rad. Okay, sagte ich und tat überzeugt.

Wir wissen es doch alle. Autos kosten irre viel Geld, stehen die meiste Zeit nur ungenutzt herum und sind nicht gut für das Klima. Es ist nur so, dass ich einen viel zu großen Teil meiner Lebenszeit damit verbracht habe, keinen Parkplatz vor meiner Haustür zu finden. Im Frühjahr letzten Jahres aber zogen wir von Pankow nach Weißensee. Zur neuen Wohnung gehört eine Tiefgarage. Ich hatte noch nie einen eigenen Parkplatz. Jetzt schon. Nie wieder Verzweiflungs-Cruisen im Kiez. So spart man auch Abgas-Emissionen. Aber ausgerechnet jetzt kein eigenes Auto mehr, das fühlt sich seltsam an.

Einige Freunde bestärkten uns. Andere bestaunten uns. Manche hielten uns für irre. Ein Nachbar fragte entgeistert: „Zwei kleine Kinder und dann ohne Auto? No way!“ Ich lachte ihn an und weinte in mich hinein. Autofahren ist ein wenig wie Fleischessen oder Rauchen. Jeder kennt die Risiken und Nebenwirkungen. Wir haben sie nur lange ignoriert, ignorieren wollen. Aber es hat ja auch Spaß gemacht. Bis zum Geht-irgendwann-nicht-mehr. Berlin ist eine gute Stadt für das Geht-nicht-mehr. Sie soll klimaneutral werden. Nachhaltigkeit: der Megatrend. Schon klar. Aber niemand hat behauptet, dass es dieses tolle bessere Gewissen für umme gäbe.

Den erste Familienauflug mit Carsharing-Rückfahrt planten wir, als wollten wir zum Kurzurlaub an die Ostsee. Es ging aber nur nach Friedrichshain. Ich hänge mir eine riesige blaue Ikea-Tasche um, in der ich eine Auto-Sitz-erhöhung  für die kleinere Tochter trug. Auf dem Hinweg nahmen wir die Straßenbahn. Sie war rappelvoll. Mit der verdammten Tasche blieb ich dauernd an anderen Fahrgästen hängen. Ich sah den Hass in ihren Augen. Dabei ist die Fünfjährige für eine Sitzerhöhung eigentlich noch zu klein. Sie müsste in einen Kindersitz. Die neunjährige große Tochter wiederum bräuchte noch die Sitzerhöhung. Aber beides, Kindersitz und Sitzerhöhung, passen nun mal unmöglich in eine Ikea-Tasche.

Autor mit AutoFoto: Privat
Autor mit Auto
Foto: Privat

Jetzt, wo das Auto weg ist, merke ich erst, wo es überall fehlt. Zum Beispiel geht meine kleinere Tochter zu einem Tanzkurs. Wenige Straßen von uns entfernt. Mit dem Auto drei Minuten. Der Bus braucht zehn. An der Haltestelle war es bitterkalt. Der Bus kam nicht. Hatte sich verfahren. Oder eine Panne. Was weiß ich. Er fiel jedenfalls aus. Wir kamen viel zu spät. Vieles ist natürlich auch eine Machtfrage gegen die Gewohnheit. Gegen den Trott. Aber am Trott ist auch nicht alles schlecht. Es ist immer klar, was kommt. Man weiß Bescheid.

Statt des Wochenendeinkaufs mit dem Auto aber klickte ich mich nun durch die  Webseite des Supermarkt-Lieferdienstes. Wasser, Säfte, Wein. Nur das schwere Zeug. Frischware lieber nicht. Es bereitete mir große Mühe, die Bestell-Mindestsumme zum Liefern zu erreichen. Irgendwann orderte ich entnervt zwei Flaschen Wein extra. So wird man zum Trinker. Zwei Monate haben wir uns für unseren autofreien Versuch gegeben, erst einmal. Neulich sprach mich im Kiez ein Fremder an. Ob ich zufällig einen Garagenplatz zum Mieten wüsste?

„Nein“, sagte ich. „Noch nicht.“