Was mich beschäftigt

Brauchen wir mehr Gentrifizierung?

Neukölln wird immer mehr zugemüllt. Unser Autor fragt sich, ob Gentrifizierung nicht doch eine Lösung ist

Es wird Frühling, auch in Nord-Neukölln. Und das heißt, selbst in den miesesten Ofenbuchten beginnt wieder die Renovierungssaison. Und damit auch die Zeit der wilden Müllkippen, die überall am Schifffahrtskanal und auf den wenigen noch freien Mauerbrachen entstehen. Das sind so die Augenblicke, in denen ich mir eine ähnlich dichte Straßenüberwachung durch Videokameras wünsche, wie sie in London üblich ist. Ja, da bin ich ganz bekennender Spießer, ich mag keinen Unrat. Ich habe es zu Hause gerne aufgeräumt und so mag ich eigentlich auch meine Stadt am liebsten. Ist Gentrifizierung doch eine Lösung?

Ich werde schon krötig, wenn Leute ihren Hausdreck in die Behälter an den Laternen deponieren, nur weil sie zu faul sind, über den Hof zu den Mülltonnen zu gehen. Und was die wilden Kippen auf den Straßen betrifft: Ich sehe in den Haufen von Essensverpackungen (die vermuten lassen, dass die Müllverursacher auch schon Unrat fressen), Elektromüll (hoffentlich bezahlt euch das Amt keine neuen Geräte, Idioten!), leeren Flaschen und Farbeimern keine Sozialromantik. Und in den Ratten, die sich quer durch die Müllhaufen am Kanal fressen, erkenne ich auch keine schützenswerte Fauna. Klar, mein Terrier findet die ganz toll und jagt sie mit Begeisterung. Meine Freude daran, wenn er mir stolz die toten Nager präsentiert hält sich trotzdem in eng umfassten Grenzen.

Die Stadt ist den Berlinern nichts wert

800 Tonnen Müll fallen alleine in Neukölln pro Jahr an, 1,2 Millionen Euro gibt der Bezirk im Jahr für die Entsorgung aus. Es ist eine Sisyphos-Arbeit, denn kaum ist ein Dreckshaufen beseitigt, liegt am nächsten Tag 20 Meter der nächste; wenn – wie Anfang März in der Harzer Straße, Nähe Lohmühlenbrücke – eine komplette Schleiflackschlafzimmereinrichtung entfernt wird, kann man darauf, warten, dass wenig später in dem Wäldchen gegenüber eine riesige Ladung mit Müllbeuteln abgestellt wird. Einzig die größte und widerlichste wilde Müllkippe der Umgebung hat man nach Jahren endlich unter Kontrolle bekommen: Am Mergenthalerring, der zum Güterbahnhof Treptow führt und wo man seinen Schutt im Schutz der S-Bahntrasse besonders gut abladen konnte, wird gerade die A100 drüber betoniert.

Vielleicht, so denke ich oft, ist ja die Gentrifizierung wirklich die einzige Chance für diesen Bezirk, weil der anscheinend immer noch viel zu billig ist. Eine beliebte Berliner Ansicht lautet ja bekanntlich „Was nichts kostet, ist auch nichts wert“. In anderen Städten, London, Paris, Barcelona, habe ich solche Müllberge nie gesehen – oder sie sind mir nicht aufgefallen. Dort ist das Leben allerdings auch viel teurer, als hier. Und das Recht, billig in der Innenstadt zu leben, gehört dort anscheinend auch nicht zu den verbrieften Menschenrechten, so wie in D-land. Die Müllablader sind vermutlich zu faul oder zu blöd, die überall in der Stadt vorhandenen Recyclinghöfe der Stadtreinigung (die ihnen den Dreck auch noch kostenlos abnimmt!) zu finden, aber sie mögen ihre Stadt auch nicht, es ist ihnen egal, wie sie aussieht.

Ob da Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey mit ihrer neuen Initiative „Schön wie wir“ etwas ändern wird? Jedenfalls bekommt sie Unterstützung von der BSR, den örtlichen Wohnungsbaugesellschaften und einigen Recyclingfirmen, aber vermutlich muss man erst mal das Bewusstsein der Bevölkerung verändern. Oder sie komplett austauschen. Das hat ja in Prenzlauer Berg angeblich schon mal geklappt.