Was mich beschäftigt

Brauchen wir Spielplätze?

Stefan Tillmann
In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: Chefredakteur ­Stefan Tillmann
Stefan Tillmann

Wenn ich morgens Schritte höre, dann weiß ich: Der Müllmann ist da. Dann tapst meine zweijährige Tochter zum Fenster und guckt sich minutenlang das Müllauto an, das unten auf der Straße steht. Oder letztens, als wir uns unten auf der Straße den Ball zuwarfen und sie sich plötzlich auf die Fensterbank eines Kellerfensters setzte und den Passanten zuguckte, die an uns vorbeiliefen. Da dachte ich mir wieder: Die Großstadt ist spannend, großartig, auch für Kinder. Ich könnte sagen: gerade für Kinder.

Das muss man betonen, schließlich vergeht kein Mittdreißiger-Smalltalk ohne die Frage, ob man nicht rausziehen sollte. Dorthin, wo die Kinder im Garten hinter dem Haus spielen können. In der Innenstadt bleiben den Kindern oft nur die Spielplätze – so hat es sich die Gesellschaft ausgedacht. Dabei sind die Plätze nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems: ein Armutszeugnis einer perfekt organisierten Sicherheitsgesellschaft. Ich frage mich: Brauchen wir Reservate, in denen sich Kinder frei bewegen können? Auslaufgebiete für die Kleinsten.

Klar, Spielplätze sind furchtbar praktisch, doch in erster Linie sind sie für Erwachsene. Wir haben damit Orte geschaffen, an denen die Kinder sicher spielen und wir sie dabei beobachten können, natürlich nur ganz beiläufig. Klar, auch sie finden die Spielplätze super. Weil dort andere Kinder sind. Weil sie sich dort austoben können. Aber in erster Linie: Weil wir sie an sie gewöhnt haben. Mal unter uns: Wirklich brauchen tun Kinder sie nicht.

Kinder haben so viel Entdeckungslust und Bewegungsdrang, dass es auch ohne  ginge. Vielfach schränken Spielplätze sie sogar ein – und Kreativität fördern sie auch nicht. Die Gerüste geben vor, was die Kinder tun können. Sie könnten auch ohne. Neulich tollte meine Tochter auf einer Wiese neben einem überfüllten Spielplatz. Sie rannte um Bäume und durch Büsche und bewegte sich in einer halben Stunde mehr als sie es in zwei Stunden auf dem Spielplatz getan hätte. Warum hat Berlin so breite Bürgersteige, so viele Hinterhöfe, so viele Parks, Wäldchen und so viele spannende Werkstätten und Geschäfte im Erdgeschoss?

Wir denken intuitiv, dass das nicht geht. Wegen der Autos. Und der Hunde. Und weil die Kinder vielfach verlernt haben, alleine zu spielen und gegenseitig aufeinander aufzupassen. Aber ist es nicht so, dass wir uns längst mit einem Zustand abgefunden haben? Dass wir unsere Kinder mit dem Fahrrad und im Kinderwagen zwischen Zuhause, Kita, Supermarkt und Spielplatz hin- und herkutschieren? Immer unter Zeitdruck, den ganzen Tag durchgetaktet.

Die Kinder sollen lieber die Stadt erobern. Gerade in Stadtteilen mit vielen Kindern wie Prenzlauer Berg. Zum einen können auch ­Kleine den Umgang mit Ampeln und Autos lernen, zum anderen kann sich auch die autoverwöhnte Großstadt hinterfragen: Kann eine ­Gesellschaft, die Hirnströme von Bienen erforscht, es nicht schaffen, ein Zusammenleben zu organisieren, dass auf Kinder ausgerichtet ist? Bisher offenbar nicht.

Die Straßen in der Innenstadt könnten so viel lebendiger sein. Und niemand müsste mehr an den Stadtrand ziehen. Denn ganz ehrlich: Dort haben Kinder oft ihren Garten. Aber dort sitzen sie dann meist alleine oder mit ­ihren ­Geschwistern im Sandkasten oder auf der Schaukel und müssen sich zum Spielen verabreden. Denn auch am Stadtrand haben die Kinder die Straße längst aufgegeben – selbst wenn die verkehrsberuhigt ist.

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