Brexit

New Border: Kunst nach dem Brexit

Wo leben nach dem 31. Januar, wie viel Zoll zahlen? Der Austritt
Großbritan­niens aus der EU beschäftigt Künstlerinnen und Kunsthändlerinnen. Und wird Paris wohl mehr nutzen als Berlin

hoto Teun Voeten, ©imago/Reporters

Aus akutellem Anlass auf Englisch: October 2017, Dover UK: Art work of Banksy in Dover depicting worker chisling away one of the stars of the European Union, symbolizing the Brexit. Photo Teun Voeten, ©imago/Reporters

Jetzt wird es ernst: Der Brexit kommt, und damit rückt Großbritannien ab vom ungeliebten europäischen Kontinent. Auf britische Künstlerinnen, die sich als Europäerinnen oder Weltbürgerinnen verstehen, kommt eine schwierige Zeit zu. „Sie müssen sich plötzlich mit Fragen beschäftigen, auf die sie früher nicht einen Gedan­ken verschwendet haben“, sagt Silvia Fehrmann, Leiterin des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, „wie etwa mit Visa oder der Übertragbarkeit von Rentenansprüchen. Eini­ge stellen sich jetzt sogar die ­Frage, ob sie ihre Staatsbürgerschaft wechseln sollen.“

Fehrmann organisiert Austausch- und Stipendienprogramme in Bildender Kunst, Literatur, Film und Literatur. Für ihre programmatische Arbeit erwartet sie durch den Brexit zunächst keine großen Veränderungen. „Wir arbeiten mit vielen Ländern außerhalb der EU zusammen und haben dabei viel Erfahrung“, sagt sie. „Künftig gehört Großbritannien eben in eine andere Kategorie. Aber beim Transport von Kunstwerken und bei Koproduktionen mit britischen Einrichtungen wird es zweifellos neue Auflagen und Regelungen geben.“

Neue Geldwäscherichtlinie

Zum 31. Januar vollzieht Großbritannien den Austritt aus der Europäischen Union. Aber was konkret geschehen wird, weiß noch niemand. Prognosen sind schwierig – allzu sehr glich die britische (Kultur-)Politik zuletzt einem Zickzack. So ist im Inselreich zu Jahresbeginn – vier Wochen vor dem Brexit – noch eine dieser Regelungen aus Brüssel in Kraft getreten, über die sich viele Britinnen gern geärgert haben: die angepasste Version der EU-Geldwäscherichtlinie. Kurz vor Weihnachten war sie durch das britische Parlament gepeitscht worden.

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Bald nur noch 27 Mitgliedsstaaten: Ein Wandbild von Banksy in Dover zeigte im Oktober 2017 einen Arbeiter, der einen der zwölf Sterne aus der EU-Flagge schlägt Photo Teun Voeten, October 2017, Dover ©imago/Reporters

Ähnlich wie das entsprechende deutsche Gesetz schreibt sie vor, dass alle britischen Kunstmarktakteurinnen bei Verkäufen von Kunstwerken ab 10.000 Euro die künftigen Eigentümerinnen ermitteln und gegen eine rote Liste abgleichen müssen. Verdachtsfälle wie Barzahlungen von großen Beträgen müssen künftig gemeldet werden. Das gilt für Auktionshäuser, Galerien und auch die Betreiberinnen von Zoll­freilagern. Während sich die großen Londoner Auktionshäuser intern auf die neue Regelung vorbereitet hätten, würden kleinere Häuser und Galerien von der plötzlich umgesetzten Richtlinie überrascht, heißt es im Online-Magazin „Artnet“. Auf sie ­kämen die Schulung von Mitarbeiterinnen und die Einrichtung neuer Überprüfungs- und Melderoutinen zu. Die Geldwäschericht­linie stelle zudem einen Bruch auf dem britischen Kunstmarkt dar, auf dem Diskretion bisher als hohes Gut gegolten habe.


Zollabfertigungen auch in der Kunst

Vor allem widerspricht der Gesetzesakt jedoch einer Erwartung, die seit Beginn des Brexit-Prozesses von Kunstmarktteilnehmerinnen geäußert wurde: Großbritannien würde viele der ungeliebten EU-Regelungen, die den bürokratischen Aufwand erhöhten, schnellstmöglich abschaffen. Dirk Boll, Chef des Auktionshauses Christie’s, hatte in einem Interview 2018 als Beispiele die Mehrwertsteuer auf die Einfuhr von Kunstwerken und das Folgerecht genannt, das eine Beteiligung von Künstlerinnen und ihren Erbinnen bei Wiederverkäufen von Kunstwerken regelt. Dahinter steckt der Wunsch nach ­einem entbürokratisierten Markt. Rupert Keim, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Kunstversteigerer, erwartet jedoch nicht, dass dieser demnächst in London entstehen könne. „Wenn ein Land aus der Union austritt und damit hinter der Zollgrenze verschwindet, nehmen der Papier­kram und der Aufwand für die Zollabfertigung massiv zu“, sagt er. Er nennt jedoch einige Vorteile für die Britinnen: „London war immer ein großer Kunstmarktstandort. Die Engländer haben auf den Handel eine grundsätzlich positive Sichtweise, und der Kunstmarkt hat in England ein besseres Standing und eine bessere Lobby. Die Politik in Deutschland ist stattdessen von ­einem grundsätzlichen Misstrauen gegen den Kunstmarkt geprägt.“

Die Unterschiede zwischen den beiden Märkten drücken sich deutlich in Zahlen aus. Auf dem weltweiten Kunstmarkt, dessen Umsätze sich 2018 nach Angaben der Datenbank Statista auf rund 67,4 Milliarden Euro beliefen, hält Großbritannien mit ­einem Marktanteil von 21 Prozent den zweiten Platz hinter den USA und vor China. Der Anteil Deutschlands schwankt seit Jahren zwischen einem und zwei Prozent. Während allein das Auktionshaus Christie’s sieben Milliarden US-Dollar umsetzte, zählte der gesamte deutsche Auktionsmarkt nur Millionen, gerade einmal 250 bis 280 Millionen Euro, wie Rupert Keim angibt. Dass sich an den ungleichen Verhältnissen bald etwas ändert, ist nicht zu erwarten.

Paris könnte profitieren

Für Galerien lassen sich die Folgen des Brexits noch nicht absehen. Berliner Galeristinnen, die in London einen weiteren Standort haben, äußern sich zurückhaltend oder gar nicht über die Zukunft. Die Londoner Dependance von Johann König arbeitet trotz widersprüchlicher Nachrichten weiter, ebenso wie die Filialen der Galerie Sprüth Magers und von Max Hetzler. Zeitweilig Wirbel gab es um die in London und Berlin tätige Galerie Blain|Southern, deren Mitinhaber Graham Southern sich zurückgezogen hat. Doch auch aus diesem Haus wird „business as usual“ gemeldet. Wenn eine europäische Kunstmetropole von der Unsicherheit in London profitieren kann, dann Paris. Zur Kunstmesse Fiac im Oktober 2019 kündigten Großgaleristen mit Sitz in London wie David Zwirner und Jay Joplings die Einrichtungen von Filialen an der Seine an. Der Berliner Galerist Max Hetzler hat dort bereits seit 2014 eine Dependance.

Dass deutsche Städte im Rennen um Galerien wenig Chancen haben, sieht Birgit Maria Sturm vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler vor allem in den politischen Rahmenbedingungen begründet. „Die Bundeskulturpolitik hat dazu beigetragen, das Klima auf dem Kunstmarkt zu vergiften“, sagt sie. „Besonders der Verlust der ermäßigten Mehrwertsteuer hat vielen kleinen und mittleren Galerien die Existenz gekostet.“ Was sich nach dem Brexit am Kunstmarktstandort London tun wird, möchte auch Birgit Maria Sturm nicht vorhersagen. Sie verweist auf die Übergangszeit bis Ende 2020. Nur in einem sind sich die Marktteilnehmerinnen ziemlich einig: Weniger komplizierter wird es nicht.

DAAD: Sergey Kasich. Bis 13.2., Oranienstr. 161, Kreuzberg, Di–So 12–19 Uhr, Eintritt frei
Blain|Southern: Francesco Clemente. Bis 1.2., Potsdamer Str. 77–87, Tiergarten, Di–Sa 11–18 Uhr
Galerie König: Robert Janit, Jose Dácvila. Bis 16.2., Alexandrinenstr. 118–121, Kreuzberg, Di-Sa 10–18, So 12–18 Uhr
Galerie Max Hetzler: Tursic & Mille, Goethestr. 2/3, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr