Künstlerbücher aus Berlin

Der andere Blick

Berliner Künstler sind viel unterwegs, in Jordanien, den USA oder Archiven, auch von der Polizwi. Eine Auswahl aufregender Bücher mit Reiseberichten

Vermutlich ist die Welt ganz anders, als wir denken. So schien nach allen Filmen und Büchern über die RAF das Bild von linkem Terror in der Bundesrepublik einigermaßen komplett. Doch der Berliner Fotograf Arwed Messmer , bekannt vor allem für seine Konstruktionen und Dekonstruktionen historischer Ansichten von der Berliner Mauer und Berlin 1945, beweist in seinem neuen Buch „RAF. No Evidence“ das Gegenteil: mit einem Tableau von Fotos aus Archiven, das mit erkennungsdienstlichen Aufnahmen aus der Zeit der Studentenproteste beginnt, etwa von Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann im Clownskostüm (Hatje Cantz 2017, 113 S., 45 €).

 

Marrio Rizzi ©
Marrio Rizzi ©: aus „Bare Lives“

Die Bewohner des UNHCR Camps Zaatari in Jordanien treten nicht etwa als Opfer vor Mario Rizzis Filmkamera, sondern als Bürger, die den Alltag ihrer Zeltstadt selbstbewusst organisieren. Rizzi hat seine ästhetische Recherche in zwei kleinen Büchern veröffentlicht, mit Essays etwa des Historikers Hamid Dabashi: „Bare Lives“ (Archive Books, 104 S., engl., 10 €), „The Waiting“ (Argobooks, 56 S., ­engl./ arab., 8 €).

 

Paris in Texas, Amerika in Brandenbung

Auf der Suche nach dem Amerika hinter den Filmklischees drehte Wim Wenders Filme, die weitere Filmemacher nach Amerika zogen, um die Bilder hinter Wenders Bildern zu suchen. Daran erinnert jetzt „Sofort Bilder“, ein sehr persönlicher Band mit Reisenotizen sowie 403 Polaroids von Brücken, Stränden, Kollegen, Diners, ­Straßenschluchten (Schirmer Mosel, 320 S. 49,80 €). Der Berliner Fotograf Rainer ­Sioda kombinierte bereits Bilder aus den USA und Brandenburg so, dass man die Länder verwechseln konnte. Jetzt hat er eine neue, fantastische Serie veröffentlicht: In „FACK“ präsentiert sich Brandenburg ganz aktuell als abgeblühte Landschaft für militaristischen Jungmännerwahn (PogoBooks, 120 S., 28 €).

 

Palimpseste in Dosen

@ Joep van Liefland / Hatje Cantz
Joep van Liefland : „Distribution 5“, 2015 @ Joep van Liefland / Hatje Cantz

Von den Schichten der Bilder, die kollektive Meinungen über Landschaften prägen, handeln Rosa Barbas filmische Skulpturen. In der Monografie „From Source to Poem“ drohen ihnen aufgeblasene Texte den Zauber zu nehmen, bildmächtig aber bleiben sie (Hatje Cantz, 304 S., engl./ it., 40 €). Wie künftige Betrachter Zugang zu unseren Aufnahmen von der Welt erhalten, lässt der rasche Wandel der Speichermedien offen. Joep van Lieflands Werk aus alten Bildträgern wie Videokassetten veranschaulicht das Problem prächtig. Dass es nun mit „Mastertape“ als Buch vorliegt, freut umso mehr, da sich van Lieflands Berliner Galerie nach Dresden zurückgezogen und der Projektraum Autocenter, den er mitbetrieb, 2015 geschlossen hat (Hg.: Oliver Zybok, Hatje Cantz, 160 S., 30 €). 

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