Kühe

Bullerbü in Brandenburg

Kühe treiben, Ziegen füttern und Heuberge bauen. Auf Boltenhof erleben Kinder, wie Landwirtschaft funktioniert. Und Erwachsene, wie sich Nichtstun anfühlt Text: ULRIKE SCHATTENMANN Fotos: F. ANTHEA SCHAAP

Wer in die Einfahrt vom Boltenhof einbiegt, glaubt sich auf einer Zeitreise: Vorbei geht es an Ziegelhäusern mit spitzen Giebeln und grünen Fensterläden, vor denen Sonnenblumen blühen. Ein Pfluggerät wie aus dem Museum steht neben einer Klinker-Scheune, daneben grast ein Schaf. Schnurgerade führt die Kopfsteinallee auf ein weißes Herrenhaus zu. Es würde uns nicht wundern, wenn aus der Tür der Gutsherr mit weißem Anzug, Schnurrbart und Monokel träte.

Keine geleckte Ferien- anlage, sondern ein Ort mit CharakterFoto: F. Anthea Schaap
Keine geleckte Ferienanlage, sondern ein Ort mit Charakter
Foto: F. Anthea Schaap

Der radelt indes die Allee hinunter und sieht anders aus als erwartet. Ein älterer Herr mit Gummistiefeln, Bauernmütze und einem  Rauschebart wie der Weihnachtsmann. Uwe Riest hat es eilig. Eine Kuh ist ausgebüxt und steht auf der Straße. Im 21. Jahrhundert müssen Gutsbesitzer ihr Vieh selbst einfangen, sonst gibt es Ärger mit dem Ordnungsamt.

Dabei ist die Kollisionsgefahr mit modernen Verkehrsmitteln relativ gering. In der Gegend gibt es kaum Verkehr. Wer Gut Boltenhof sucht, muss einfach der Straße folgen, die aussieht, als käme nach der nächsten Kurve das Ende der Welt. So beschreibt es ein Gast im Internet. Das Landgut liegt im Fürstenberger Seenland zwischen sanften Hügeln. Zur Havel läuft man gut 20 Minuten. Wer hier morgens aufwacht, hört Hühner gackern und Schafe blöken, manchmal auch den Trompetenruf der Kraniche.

Wir wollten für das Wochenende eine der Ferienwohnungen in den ehemaligen Gesindehäusern beziehen, mit Bauerngarten und Ponyweide vor der Haustür. Doch die sind begehrt, insbesondere bei Familien mit  kleinen Kindern. Jetzt sind wir im Herrenhaus untergebracht. Es erzählt mit seinen alten Dielenbrettern und dem bunt verglasten Wintergarten von vergangenen Zeiten.

Auf Gut BoltenhofFoto: F. Anthea Schaap
Auf Gut Boltenhof
Foto: F. Anthea Schaap

Boltenhof gehört zu den wenigen Landgütern in Brandenburg, die in ihrer ursprünglichen Form erhalten sind. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts reicht seine wechselhafte Geschichte zurück. Zeitweise war es im Besitz des Berliner Milchunternehmers Carl Bolle, der hier nicht nur Kühe züchtete, sondern auch Kartoffeln und Getreide zu Schnaps verarbeiten ließ, wie man an der Rezeption nachlesen kann.

Der Gästemanager zeigt uns den Frühstücksraum mit den handgeschnitzten Stühlen, warnt vor der steilen Treppe und trägt alle Koffer hoch. Das beeindruckt die Kinder schwer. Lucie und ihre Freundin Lara sind beide zehn Jahre alt. Vor unserem Ausflug haben wir vereinbart, dass sie immer dann Bescheid sagen, wenn ihnen etwas besonders gefällt. Der erste Punkt geht an den freundlichen Empfang.

Die Einrichtung: Handgeschnitzte antike Stühle stehen neben einfachen Möbeln, ein barocker Polstersessel vor einer türkis geschwammten Wand. Kein Kandidat für eine „Schöner Wohnen“-Zeitschrift, aber mit eigenem Charme. Keine geleckte Ferienanlage,

sondern ein Ort mit Charakter. Den Kindern ist das sowieso egal. Sie nutzen die massiven Stützbalken als Klettergerüst und spielen im Erker Verstecken. Der zweite Punkt geht an das „tolle alte Haus“.

Die Abgeschiedenheit von Boltenhof, die viele Feriengäste anzieht, hat auch ihre Schattenseiten. Gerade ist der Koch schwer erkrankt. Seine regionale Spezialitäten haben Besucher bis aus Berlin in die entlegene Gegend gezogen.

Ersatz zu finden, wird nicht einfach sein. Wer hier arbeitet, muss damit leben, vom Alltagsrauschen der modernen Welt abgeschnitten zu sein. Der Handyempfang ist wackelig, WLAN gibt es nicht. Also auch kein YouTube und WhatsApp für Lucie und Lara. Ein Minuspunkt! Die Mutter findet es ganz gut.

Im Boltenhof können Feriengäste erleben, wie es auf einem echten Bauernhof zugeht. Das ist insbesondere für die Kinder ein Riesenspaß. Sie dürfen schon am frühen Morgen mit dabei sein, wenn die Ziegen, Schafe, Hühner und die beiden Gnadenponys gefüttert werden. Oder selbst das Heu zusammenschieben  und damit den Stall einstreuen, mit einem großen Rechen, wie ihn die Erwachsenen benutzen. Wer mag, darf mit Bauer Uwe eine Runde Trecker fahren, raus auf die Äcker und Weiden.

Ab Juli kann man hier auch Gänse auf die Wiese treiben. Bis kurz vor Weihnachten dürfen sie sich dort dick und rund fressen. Dann landen sie als Braten auf dem Teller. Boltenhof ist kein Erlebnisbauernhof, sondern ein wirtschaftlicher Betrieb „ohne Folklore“, wie Riest sagt. Vor einigen Jahren hat er auf Bio umgestellt. Nicht unbedingt aus ethischen Gründen, eher aus wirtschaftlichen. Der Einsatz von Mineraldünger auf dem trockenen märkischen Boden hätte keinen Mehrertrag generiert, nur Kosten. Er und seine Frau Ingeborg stammen aus Niedersachsen.

Bevor er das verfallene Gut aus dem Dornröschenschlaf erweckt hat, war Riest weltweit unterwegs, als Exporteur von Bullensperma. So jemand ist kein Typ fürs ruhige Altenteil. Nach seiner Frühverrentung habe er eine neue Herausforderung gesucht, erzählt Riest. Vielleicht wollte er auch endlich wieder was mit den eigenen Händen machen. Auch heute noch, mit Mitte 70, wirkt Bauer Uwe vitaler als mancher Vierzigjährige.

„Wollt ihr die Kühe reintreiben?“, ruft er am Abend den beiden Mädchen zu. Natürlich wollen sie. Zehn Minuten Fußweg vom Gut entfernt steht eine Horde Fleckvieh in der Abendsonne. Muttertiere, Jungtiere vom letzten Jahr und ein paar Kälbchen, bestimmt 20 Stück. Die müssen alle auf die Nachtweide des Gutsgeländes. Keine einfache Aufgabe. Wie bringt man eine Kuh dazu, in eine bestimmte Richtung zu laufen? „Ihr müsst die Leitkuh überzeugen, dann rennen alle hinterher“, erklärt der Bauer. Es dauert eine Weile, bis sich die Mädels trauen.

»Ihr müsst die Leitkuh überzeugen, dann rennen alle hinterher«Foto: F. Anthea Schaap
»Ihr müsst die Leitkuh überzeugen, dann rennen alle hinterher«
Foto: F. Anthea Schaap

Zu groß ist der Respekt vor den wuchtigen Rindern. Zaghaft heben sie den Ast, den Bauer Uwe ihnen in die Hand gedrückt hat. „Ihr müsst sie kloppen“, ruft er aufmunternd. Die Mädchen brüllen „He“ und „Hopp“ – und tatsächlich, die Herde setzt sich in Bewegung.

Es geht den Hang hinunter, über eine kleine Senke und dann zwischen zwei alten Bäumen hinein in das Gutsgelände, wo Wasser und Futter auf die Tiere warten. Mit nassen Füßen, aber stolz und glücklich kommen Lucie und Lara zurück. Zwei Extrapunkte für die Tiere soll ich notieren. Am nächsten Abend wollen sie wieder Kühe treiben. Aber dann mit Gummistiefeln.

Kommentiere diesen beitrag