Punk mit anderen Mitteln

„Bunch of Kunst – A Film About Sleaford Mods“

Die Berliner Filmemacherin Christine Franz hat mit „Bunch of Kunst – A Film About Sleaford Mods“ einen mitreißenden Dokumentarfilm über das britische Punk-Electro-Duo Sleaford Mods gedreht

Mai 2014: Es brodelt im pickepackevollen ­Neuköllner Underground-Club Bei Ruth. Angesagt ist das Punk-Electro-Duo Sleaford Mods aus Nottingham. In den Folgejahren wird die Band auch bei ausverkauften Konzerten im SO36 und Astra zu sehen sein.

Was den Hype um die Band ausgelöst hat, obwohl er gegen alle Regeln des Musikbusiness zustande kam, zeigt eindrucksvoll der Dokumentarfilm „Bunch of Kunst – A Film About Sleaford Mods“ der Berlinerin Christine Franz. Mitunter glaubt die Mitarbeiterin der Berliner Arte-„Tracks“-Redaktion immer noch selbst kaum, was sich seit dem Treffen mit den Sleaford Mods im Mai 2014 und der ein paar Monate später an einem Nottinghamer Tresen entstandenen Idee, einen Film über die Band zu drehen, abgespielt hat. „Der Film war ein Geschenk. Im Januar 2015 fingen wir an. Und dann alles live mitzuerleben, was während der Dreharbeiten mit der Band passiert ist, war ein noch größeres Geschenk.“

Ein Geschenk, das ihr zwei Jahre Dreharbeiten bescherte, 100 Stunden Rohmaterial und nebenbei noch ihre Ersparnisse verschlungen hat. „Nie hätte ich gedacht, dass es so lange dauern würde. Nur gut, dass ich das nicht absehen konnte, sonst hätte ich vielleicht Angst bekommen und das gar nicht gemacht.“

Das wäre schade gewesen, denn Franz’ Debütfilm besitzt eine unglaubliche Frische und Unbefangenheit. Genauso wenig wie die Band kein großes Brimborium um sich selbst, ihr Image, ihre Live-Shows macht, macht es der Film.

Sleaford Mods
Purer Nottinghamer Charme: Jason Williamson (re.) und Andrew Fearn von den Sleaford Mods
Foto: Bunch of Kunst / Ingo Brunner

Aber er ist immer genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um zu beobachten, wie mit den Sleaford Mods eines der größten britischen Pop-Phänomene dieses Jahrzehnts unbeirrt seinen Weg geht. „Die Doku-­Götter waren auf unserer Seite. So viele Sachen haben sich einfach aus Situationen ergeben, die schlicht passiert sind. So wie die Band an ihre Musik herangegangen ist, sind wir auch an unseren Film herangegangen.“

Anfang 2014 schenkte ein Freund Christine Franz mit der kurzen Anmerkung „Deine neue Lieblingsband!“ eine Platte mit dem seltsamen Titel „Austerity Dogs“. Auf dem Cover ist ein Foto von zwei abgerissen wirkenden Männern vor einem Altklamottencontainer. Und dann die Musik: alles und jeden niedermachende Schimpfgesang-Tiraden mit scheppernden Electro-­Beats unterlegt, Punk mit anderen Mitteln. „Das war geradezu perfekt in seiner Unperfektheit“, erinnert sich Christine Franz, „ich dachte aber auch, vielleicht ist das nur ein Scherz von Künstlertypen.“ Als Witz, so ­stellte sich bald heraus, war das nicht gemeint, eher als ein großes „Scheiß auf alle Regeln!“ hinsichtlich gängiger Erfolgsmodelle in der Popmusik.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Christine Franz hat mit ihrem Film über die Sleaford Mods ein perfektes Timing bewiesen
Foto: Frauke Knappke

Allein die Vita von Sänger Jason Williamson geht kaum gebrochener, mit Jobs von der Chicken Factory bis hin zum Callcenter, das gilt ebenso für Partner und Soundbastler Andrew Fearn, auch er eher Spezialist für das Überbrücken von Lebenssituationen als für das ­Basteln von Karriereplänen. Nur trafen genau sie den Nerv der Zeit. „Jason fühlt sich mit den Leuten verbunden, auf Augenhöhe, er singt Storys, die er selbst erlebt hat und die das Publikum kennt“, sagt Franz. Gerade die Live-Momente ihrer Club-Tour durch die englische Provinz Anfang 2015 bestätigen das. „Es war so eine Euphorie und Energie bei den Konzerten, die Leute ­haben sich verstanden gefühlt.“ Im Film vergisst Christine Franz aber nicht, angemessen jenen Mann zu würdigen, dem sie alles mit zu verdanken hat: Steve Underwood. Ohne dessen Support als Manager und Label-Macher, Mentor und Tourfahrer wären weder Band noch Film so durchgestartet. „Zur Filmidee meinte Steve erst mal nur: ,Klingt doch super! Ihr dürft bei allem dabei sein, und könnt so lange drehen wie ihr wollt. Ihr werdet wissen, wenn ihr alles habt!’“

Für Franz als Regisseurin wird der Auftritt beim Glastonbury-Festival im Sommer 2015 zum Höhepunkt, zumal sie selbst zehn Jahre lang als „ehrenamtliche Bierverkäuferin“ für das Festival gearbeitet hat. „Mir war klar: Wenn wir da drehen, dann wird es noch weitergehen mit dem Film.“ Eine korrekte Einschätzung – was nach Glastonbury in puncto Popularität mit den Sleaford Mods passiert, erfüllt schon den Tatbestand des kitschigen Popmärchens.

Im Film beeindruckt gerade die Reaktion der ­Sleafords auf diese neue Situation, eine gelassene Boden­ständigkeit gemischt mit gesunden Selbstzweifeln. Auch Christine Franz beginnt langsam ihr Leben „mit und nach dem Film“ zu sortieren. Eine erfolgreiche Kinoauswertung in England gab es bereits, dazu Ein­ladungen zu internationalen Festivals, einen deutschen Kinostart. Der enge Kontakt zur Band besteht weiter. Über einen Fortsetzungsfilm hat sie schon mit Steve Underwood gewitzelt, der Titel: „The Rise and the Very Likely Fall of Sleaford Mods“.

„Bunch of Kunst – A Film About Sleaford Mods“, D 2017, 103 Min., R: Christine Franz, mit: Sleaford Mods (Jason Williamson, Andrew Fearn, Steve Underwood), Kinostart: 31.8.

Voraufführungen:

25.8., 19+22 Uhr, Kino in der Kulturbrauerei
(innerhalb des Festivals Pop-Kultur)
29.8., 20.30 Uhr, Freiluftkino Insel, Revaler Str. 99,
mit Regisseurin & Gespräch