THEATERTREFFEN

Frauen an die Macht

Ein Festival im Festival ist die dreitägige Konferenz „Burning Issues meets ­Theatertreffen“ zur Gendergerechtigkeit im Theater. Eben die soll zukünftig auch eine Regisseurinnenquote bei der Theatertreffen-Auswahl provozieren

Machen sich stark für Gendergerechtigkeit am Theater: Nicola Bramkamp, Yvonne Büdenhölzer, Lisa Jopt (v.l.n.r.) – Foto: Berliner Festspiele

Mit einem Lächeln lässt Yvonne Büdenhölzer auf der Pressekonferenz zur diesjährigen Ausgabe des Theatertreffens die ­Bombe platzen. Die Leiterin der alljährlichen Leistungsschau deutschsprachigen Bühnenschaffens verkündet eine Änderung der Verfahrensordnung für die Juryauswahl, gültig ab sofort: „Wir haben uns entschieden für die nächsten beiden Festival-Ausgaben, 2020 und 2021, eine fünfzigprozentige Frauenquote in den Regiepositionen der 10er-Auswahl einzuführen“.

Das Berliner Theatertreffen führt eine Frauenquote ein! Schon klar, dass sofort die Bedenkenträger loslegen. Die ­Kommentare, besonders heftig natürlich auf dem Fachportal „nachtkritik.de“ diskutiert, ­sehen das Jury-Kriterium „bemerkenswert“ für die Auswahl diskreditiert oder befürchten eine Abwertung der zukünftig quotiert eingeladenen Regisseurinnen durch den Verdacht, nicht ausschließlich wegen der Qualität ihrer Arbeit, sondern aus Quotengründen eingeladen worden zu sein.

Positive Diskriminierung

„Ich dachte lange, es geht auch ohne ­Quote“, erklärt Büdenhölzer, „aber ich habe gemerkt: Es ändert sich nichts.“ Sie ruft das drastische Missverhältnis in der sogenannten „10er-Auswahl“ des Festivals in Erinnerung: Zwischen 1964, dem ersten Jahrgang des Festivals, und 2019 stammen nur 11,7 Prozent der zum Thea­tertreffen eingeladenen Inszenierungen von Regisseurinnen. In Zahlen: Von den 231 eingeladenen Produktionen waren nur 27 von Frauen inszeniert. In der aktuellen Ausgabe sind immerhin zwei Regisseurinnen und mit She She Pop ein weiblich dominiertes Regiekollektiv unter den zehn ausgewählten Arbeiten.

Dass es an den Theatern ein Missverhältnis gibt, hat vor drei Jahren die von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegebene Studie „Frauen in Kultur und Medien“ deutlich aufgezeigt. 70 Prozent der Inszenierungen auf den großen Bühnen stammen von Regisseuren, 78 Prozent der Staats- und Stadttheater werden von Intendanten geleitet. Regisseurinnen kommen vor allem an den Nebenspielstätten und bei Kinder- und Jugendstücken zum Zuge.

Von einer Quote beim wichtigsten deutschsprachigen Theaterfestival erhofft sich Büdenhölzer einen Impuls, der die Stadttheaterstrukturen verändert. „Die Einführung der Frauenquote ist mehr als eine Geste der Geschlechtergleichstellung“, sagt sie. „Ich glaube, dass die Quote ein Instrument ist, wirklich etwas zu verändern. Auch bei der im Vergleich zu den männlichen Kollegen schlechteren Bezahlung für Regisseurinnen und Schauspielerinnen. Ich hoffe, dass tatsächlich zukünftig mehr Regisseurinnen auf großen Bühnen arbeiten, wenn ein Festival wie das Theatertreffen die Quote setzt. Und dass Ensembles, Regie- und Bühnenbildpositionen zunehmend paritätisch besetzt werden.“

Der Kritiker Christian Rakow, bis dieses Jahr Teil der Jury des Theatertreffens, gibt ihr in einem Kommentar auf nachtkritik.de recht: „Die beste Regie ist ohne Team und Mittel gar nichts. Die Chancen, ,Bemerkenswertes’ zu produzieren oder als bemerkenswert aufzufallen, sind an zentraleren und gut ausgestatteten Häusern höher, da muss man sich nichts vormachen. Wenn das Theatertreffen jetzt die Frauenquote einführt, nehme ich das als ,affirmative ­action‘ wahr, als positive Diskriminierung. Man probiert, die Produktionsbedingungen von außen zu beeinflussen, indem die Anreize erhöht werden, Regisseurinnen auf zentrale Positionen zu bringen, mit den ersten Spielerinnen der Häuser zu verbinden und den Rahmen für das Wirken entsprechend zu verbessern.“

Der Zündfunke

Auch Regisseurin Anna Bergmann, die mit ihrer DT-Inszenierung „Persona“ erstmals zum Theatertreffen eingeladen wurde, ist eine Freundin der Quote. Als neue Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater Karls­ruhe setzt sie diese in ihrer ersten Spielzeit aber nicht bei 50, sondern gleich bei 100 Prozent an: Sie lässt nur Regisseurinnen inszenieren.

„Persona“ von Anna Bergmann ist zum Theatertreffen eingeladen. Bergmann hat als Schauspieldirektorin des Theaters Karlsruhe für die ganze Spielzeit ausschließlich Regisseurinnen verpflichtet – Foto: Arno Declair

Diese Entscheidungen und Veränderungen zeigen, dass da etwas in einem verkrusteten System in Bewegung geraten ist. An vielen Häusern entwickelt sich eine Sensibilität für Gendergerechtigkeit. Angestoßen hat das auch die Konferenz „Burning Issues“, bei der vergangenes Jahr auf Einladung der damaligen Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp und der Schauspielerin Lisa Jopt 350 Theaterfrauen in Bonn diskutiert und sich vernetzt haben.

„Wir waren ein Zündfunke, der ein Leuchtfeuer entfacht hat, das war gar nicht in diesem Ausmaß beabsichtigt. Als wir das geplant haben, gab es #metoo noch nicht“, sagt Nicola Bramkamp. „Wir haben viel Aufmerksamkeit bekommen und tatsächlich im Theater auch relativ viel bewegt.“ So hat zum Beispiel der Bühnenverein den Code of Conduct unterschrieben, einen „wertebasierten Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch“.

Die zweite Ausgabe findet nun auf dem Theatertreffen statt. Drei Tage lang werden auf der Konferenz „Burning Issue Meets Theatertreffen“ Künstlerinnen aus aller Welt in Panels, Keynotes, Sessions und Workshops debattieren. „Es geht uns um eine Verschärfung der Themen“, sagt ­Nicola Bramkamp. „Es geht um nicht mehr stereotype Rollenbilder, um mehr Diversität und Vielfalt am Theater und am Ende um nichts Geringeres als die Modernisierung des Theaterkanons.“ Zum Festivalabschluss am Sonntag nehmen alle als „Pink Block“ an der Demo der Vielen teil. Dass diese Demo als offizieller Programmpunkt im Spielplan des Theatertreffens steht, ist auch ein Novum in der Geschichte des Festivals. 

„Burning Issues Meets Theatertreffen – Konferenz zu Gender(un)gleichheit“, 17.5., 17.30 Uhr, 18.5., ab 10.,30 Uhr, 19.5., 17 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Eintritt 10 € bzw. frei
Demo „Unite & Shine – Für ein Europa der Vielen!“, 19.5., 12 Uhr, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte.
Alles zur diesjährigen 10er-Auswahl hier