Interview

C/O-Kuratorin Kathrin Schönegg über den Wandel der Fotografie

Was machen Fotograf*innen, wenn jedes Telefon knipsen kann? Kuratorin Kathrin Schönegg über den Wandel des Mediums und den von C/O Berlin

Ansprache der Besucher*innen: Kuratorin Kathrin Schönegg in der vergangenen Ausstellung von Ren Hang. Foto: David von Becker

Das Charlottenburger Fotohaus C/O Berlin ist Ausstellungsstätte für Fotografie und visuelle Medien, zu Eröffnungen veranstaltet das Team gern hippe Partys. Ab 7. März geben dort Werke dreier Künstlerinnen den Ton an: Polaroids der 1998 verstorbenen Linda Mc Cartney, Körperaufnahmen von Francesca Woodman (1958–1981) aus den USA und Selbstinszenierungen der 1985 geborenen Sophie Thun aus Wien.

Hinter den Kulissen des Hauses mischt seit Juni 2019 die Wissenschaftlerin und Kuratorin Kathrin Schönegg, 37, mit. Sie hat an Museen wie dem Folkwang in Essen gearbeitet und bei Ausstellungen wie der Fotografie-Biennale 2017 in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen. Ende Januar erhielt sie den Forschungspreis Fotogeschichte der Deutschen Gesellschaft für Photographie: für ihre Dissertation über die Geschichte der abstrakten Fotografie.

Frau Schönegg, wenn Sie die Möglichkeit hätten, welchen Bereich Ihrer Dissertation würden Sie gern als Ausstellung sehen?

Eine Geschichte über die Abstraktion in der Fotografie – jenseits von Kunstgeschichte. Zum Beispiel mit den ersten unscharfen Bildern, die man per Radioverbindung verschickte, oder wissenschaftlichen Fotografien von Étienne-Jules Marey, der mittels Langzeitbelichtungen die Bewegungen von Figuren ablesbar machte, oder mit Fotografie im Textildesign. Da legte man ganz handwerkliche Aufnahmen unter Kaleidoskope, um so abstrakte Muster für den Stoffdruck zu erzeugen.

In Ihrem Buch kommen Sie zu dem Schluss, dass die digitale Fotografie die analoge wiederbelebt.

Das Ende der analogen Fotografie im Alltag führt offenbar zu ihrer Wiederkehr in der künstlerischen Fotografie, zu dem, was als „Analog-Revival“ bezeichnet wird. Das finde ich aufregend. Man fängt wieder an, mit den historischen Materialien und Verfahren zu arbeiten, mit der Daguerreotypie, der Cyanotypie, mit den Salzpapieren, und man entdeckt die materielle Vielfalt wieder, von der wir lernen können, dass Fotografie nie nur eine Technik war, sondern viele verschiedene Gesichter hatte.

Fotograf*innen befreien sich von der Aufgabe, zu dokumentieren. Darum soll es auch bei dem „Talent Award“ Ihres Hauses für junge Künstler*innen und Kritiker*innen gehen, den Sie mitbetreuen und der „New Documentary Strategies“ zum Thema hat. Was kann man sich darunter vorstellen?

Dokumentarische Ansätze haben sich heute erweitert. Zum Beispiel ist der Kriegsreporter heute ein Amateurfotograf. Die Bilder, die wir aus Krisengebieten bekommen, sind oft von Laien aufgenommene Handybilder. Der Autor ist ein anderer als früher der klassische Reporter. Gleichzeitig lösen sich die Grenzen zwischen Kunst und Dokumentation immer mehr auf. Fotografie ist weniger in den Magazinen zuhause, sondern findet sich mit dokumentarischen Ansätzen auch in Museen und Galerien. Um diesen Umschwung geht es in „New Documentary Strategies“.

Auch die Ausstellungsorte verändern sich, Vernissagen werden auch in der Fotografie gern groß gefeiert. Wie finden Sie das?

Das ist eine Entwicklung, die auch städtische Museen durchmachen, um ein jüngeres und breiteres Publikum abzuholen. Das funktioniert am ehesten mit Anreizen, die über das Inhaltliche hinausgehen. Ich finde das begrüßenswert: Wir wollen ja kein Elfenbeinturm sein, sondern ein offenes Haus für alle.

Was dem zugutekommt, sind die Bilder, die von solchen Events ins Internet gehen. Gleichzeitig schauen sich viele nur online die Bilder von den Bildern im Museum an.

Es ist aufregend, dass die Inhalte einer Ausstellung durch diese Handyfotos quasi ein zweites Leben im Netz haben. Ich würde aber sagen, die Aufgabe von uns Ausstellungsmachern ist es, Anreize zu schaffen, um die Menschen in die Ausstellungshäuser zu holen und den Unterschied zwischen beidem zu zeigen, vor allem weil die Fotografie als Reproduktionsmedium das Original immer hinter sich lässt.

Sie sind auf Instagram, was besonders beliebt ist bei Fotograf*innen. Können Sie als Kuratorin des C/O noch privat „liken“? 

Die Trennung von Öffentlich und Privat ist von vornherein ausgeschaltet, sobald man auf Social Media aktiv wird. Da ist ein reflektierter Umgang nötig.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie Künstler*innen vom Bildschirm in die Ausstellungshalle holen?

Die Auswahl würde nie direkt über Instagram passieren (lacht). Jeder Einladung gehen lange Recherchen voraus, man beobachtet. Wobei natürlich interessant ist, welche Sichtbarkeit gerade jüngere Künstler und Künstlerinnen im Internet erhalten. 

Sie sind seit Juni 2019 als Kuratorin bei C/O Berlin, aber Sie kennen das Haus bereits seit seiner Zeit im Postfuhramt Mitte, als Sie 2011 das Talents-Programm für Kunstkritik gewannen.

Ja, das war im Förderprogramm. Natürlich ist es eine total schöne Situation für mich, dass ich jetzt das Programm leite, in dem ich selbst mal Kritikerin war und schreiben durfte – eine kunst- und eine fotohistorische Auseinandersetzung zu einem fotografischen Werk. Der damalige Fotograf war Timotheus Tomicek. Wir haben uns getroffen, über seine Arbeit gesprochen und ich habe ihn interviewt.

Wenn Sie das heutige C/O Berlin mit dem von damals vergleichen: Wo sehen Sie Vor- und Nachteile des Standorts am Zoo?

Die Vorteile vom Standort hier am Zoo sind natürlich die Nähe zum Museum für Fotografie und der Helmut Newton Stiftung sowie unser Gebäude, das Amerika-Haus mit seiner Tradition und seinen Bezügen zu amerikanischen Fotografen wie Larry Clark und Robert Frank, die hier ausstellten. Und wir haben hier konservatorische Möglichkeiten, die es im Postfuhramt nicht gab. Das eröffnet uns ganz andere Chancen in der Programmplanung und Ausstellungsgestaltung.

Hinter C/O Berlin steht eine Stiftung, aber nicht die öffentliche Hand. Wie groß ist der Spielraum Ihres Hauses?

Im Wesentlichen wird unser Programm von Stiftungsgeldern, Eintrittserlösen, Spenden, Sponsoren und Zuwendungen unseres Freundeskreises getragen, und wir müssen für alle Ausstellungen Drittmittel einwerben. Wir zahlen eine standortübliche Miete an die Stadt Berlin. Aber von der öffentlichen Wirkung liegen wir gleichauf mit Museen. Wir leisten sehr viel Bildungsarbeit, gerade für Kinder und Teens.

Ihr Haus arbeitet mit Galerien und Sponsoren zusammen. Wie groß ist deren Einfluss?

Auf die Inhalte? Nein, wir sind nicht in Amerika (lacht). In den Monaten, die ich in Los Angeles verbracht habe, hatte ich den Eindruck, dass die Geldgeber dort tatsächlich Inhalte beeinflussen. Das gibt es im deutschen Kontext nicht.Interview: Suzan Kizilirmak

7.3.–6.6.: Linda McCartney, Francesca Woodman, Sophie Thun. C/O Berlin, Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, M–So 11–20 Uhr, 10/6 €, bis 18 J. frei

Kathrin Schönegg: Fotografiegeschichte der Abstraktion, Köln 2019, 400 S., 29,80 €