Westbams Club-ABC

C wie Cri du Chat

Unweit vom Bahnhof Zoo an der Joachimstaler Straße hatten die Kinder vom Cri du Chat ihre Heimat gefunden. Frühmorgens ging es die Treppe hoch in eine kleine, düstere Funkbox, in der Verpeilte zu Zulu-Grooves und Herbie-Hancock-Megamixen umherstolperten. Oft fiel es ihnen schwer, sich überhaupt auf den Beinen zu halten. An der Bar gab es Whodinis, auf der Toilette Speed und als Gesprächsthema, wie man welche Substanz mit der nächsten „kontert“.

Dieser Laden begründete die Berliner Tradition, dass eine ordentliche Partynacht möglichst billig zu sein hat und möglichst lange gehen muss – und das lange, bevor der Terminus After Hour in Deutschland bekannt war. So ist das Cri du Chat Vorläufer einer langen Liste legendärer Läden wie dem Chez Conrad oder dem Krik und vieler After Hour Parties von Walfisch über Lipstick bis zum heutigen Kitkat. Für manche das Paradies, für andere Orte des Mühsals und Schreckens. Orte, die wir nie vergessen können, auch wenn wir uns meist nur verschwommen an sie erinnern. Heideggers „Sein und Zeit“ kommt einem in den Sinn. Zwischen Bar und Toilette liegt aber auch der Mythos von Sisyphos, denn der ständige Wechsel von Aufputschen und Downtrinken ist der Rolling Stone des Nightlife.

Für das Konversationslexikon: Falls man mal einen der überlebenden Cri du Chattler treffen sollte, erwähne man einfach die „gelben Kristalle“.  Nie mehr habe ich Menschen in solch großer Liebe und Dankbarkeit von einer Droge sprechen gehört.

Zeitpunkt des Besuch: ca. 1984
Ort: Joachimstaler Strasse; Nähe Ku’damm
Typischer Track: „Get Up Whirlpool“ von Edwin Starr

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