Spurensuche am Moritzplatz

Café Nagler

Ein vergessener Ort im Berlin des vergangenen Jahrhunderts wird neu ­entdeckt

ZITTY-Bewertung: 5/6
ZITTY-Bewertung: 5/6

Mit Silberbesteck und Kaffeehausporzellan aus den 1920er-Jahren ist die israelische Regisseurin Mor Kaplansky aufgewachsen. Es gehört ihrer Großmutter Naomi, die zu jedem Tässchen mindestens eine Geschichte in petto hat, die von der goldenen Zeit des Café Nagler erzählt. Das stand einst am Berliner Moritzplatz und gehörte den Kaplanskys – bis die Familie 1925 nach Palästina auswanderte.

Café Nagler am Moritzplatz
Foto: Salzgeber

Es sei der wildeste Ort in Berlin gewesen, erinnert sich Naomi und schwärmt von den Künstlern und Dichtern, die das Café frequentierten. Keine Frage, die alte Dame hat Charme, und so wird die Recherche über den Erinnerungsort zur Enkelinnenpflicht. Mor Kaplansky reist nach Berlin und findet: nichts. Keine Gedenktafel fürs Café Nagler, nur eine vernarbte Bau­lücke, wo einst das Haus der Familie stand. ­Recherchen ergeben Stimmungsbilder aus den libertären 1920ern. Aber sonst?

Um Naomi nicht zu enttäuschen, muss die Regisseurin kreativ werden und den güldnen Schein um den Sehnsuchtsort in einem Berlin selber malen. Ihr gelingt eine berührende Doku-Fiktion mit „glaubwürdigen Zeitzeugen“ und einem Musikwissenschaftler, der die Geburt des Swing gutwillig in das Nagler vorverlegt. Denn was sind schon Fakten, wenn es um die ­Erinnerungen einer liebenswürdigen ­alten Dame geht?   

ISR/D 2015, 59 Min., R: Mor Kaplansky und Yariv Barel