Kino

Call Me By Your Name

Das Wort in diesem Film, das einem auffallen muss: „Später“ – die ungeniert ­unzählige Male wiederholte Wendung des 24-jährigen Oliver, mit der er sich immer wieder aus der Affäre zieht.

Call me by your Name
Bücher und erste Liebe: Timothée Chalamet als Elio in „Call me by your Name“

Im Sommer 1983 ist der Promotionsstudent aus den USA zu Gast bei der Familie des Professors Perlman in der toska­nischen Idylle. Er assistiert ihm bei dessen Forschung zu antiken Skulpturen – und bezaubert alle mit seiner Coolness bei den trilingualen Tischgesprächen seiner Gast­familie im sonnendurchfluteten Garten ­voller Früchte. Doch einer sperrt sich dagegen, scheinbar zumindest: Elio, 17, Sohn des Professors. Der Booknerd bietet Oliver, wann immer es geht, verbal Paroli.

Wie die beiden einander umkreisen, das ist spannungsvoll fotografiert: Lange wagen sie nicht einmal, einander in die Augen zu blicken. Sonnenbrillen. Doch gefühlte ­Gravitation. Und es geschehen auch ­Gesten, die Nähe suchen. Große Kleinigkeiten. Die ­beiden sind Tür an Tür, und trauen spät, vielleicht zu spät, dann doch ihrem Verliebtsein – und überwinden den Restsommer lang die Angst, dass der ­jeweils andere ein solches Sich-Schwachmachen gegen ihn verwenden würde. Sie nennen ­einander beim eigenen Namen, nicht dem des ­Gegenübers. Zeichen nicht etwa des Narzissmus, sondern intensivster Nähe.

„Call Me By Your Name“ basiert auf dem Roman des offen heterosexuellen ­Autors André Aciman von 2007. James ­Ivory, 89, Meister für homoerotische Stoffe („Maurice“), hat das nun Oscar-nominierte Drehbuch ohne gravierende Eingriffe in die Handlung geschrieben.

Das größte Lob gebührt aber dem als Bester Hauptdarsteller Oscar-nominierten Timothée Chalamet als Elio, der unfassbar viele Nuancen zwischen Tristesse und ­Begehren astrein englisch, französisch und italienisch und mit feinsinnigsten Gesichtsregungen zum Ausdruck bringt. Er lässt Elio sogar ersatzweise Liebe mit einem Pfirsich (!) machen, ohne dass es lächerlich wirkt. Denn aufrichtig verliebte Menschen sind niemals lächerlich, höchstens für Zyniker – und für die hat der Film, ein Glück, keinen Platz. 

USA 2017, 132 Min., R: Luca Guadagnino, D: Timothée Chalamet, Armie Hammer, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel

Call Me By Your Name