Berliner Cannabis

»Acht von neun Proben waren gestreckt«

Der Youtuber Timm hat Berlins Straßengras getestet. Wir haben ihn gefragt, wie man gestrecktes Cannabis erkennt – und was die Regierung tun müsste, damit Kiffen sicherer wird  Die Legalisierung von Cannabis wird gerade wieder heiß diskutiert. Aber was bedeutet das Verbot eigentlich konkret für Kiffer?  Timm (Nachname der Red. bekannt) hat das Cannabis der vier bekanntesten Berliner Straßenhandelsspots getestet und erschreckende Ergebnisse geliefert. Timm dreht sich erstmal einen dicken Joint, dann geht das Interview los.

Drugchecking auf eigene Faust: Youtuber Timm auf dem RAW-Gelände
Foto: Joseph Wolfgang Ohlert

Timm, du hast für deinen Youtube-Channel „Green Germany“ Gras aus dem Görlitzer Park, aus der Hasenheide, von der Warschauer Straße und vom RAW-Gelände getestet. Warum?
Ich wollte Menschen vor gefährlichem Gras bewahren und sie darüber informieren, dass das Gras von der Straße überall schlecht ist. Acht von den neun Proben waren gestreckt. Das muss man den Konsumenten klarmachen.

Das Cannabis für den Test hat ein Mensch in einem rosa Hasenkostüm gekauft. Warum?
Weil der Kauf von Cannabis in Deutschland strafbar ist und niemand von uns in Konflikt mit der Polizei geraten wollte.

Wenn das Cannabis von der Straße so schlecht ist, wer sind dann die Kunden der vielen Dealer?
Touristen. Oder Schüler auf Schulausflug. Die sind für ’ne Woche in Berlin und sagen sich: Wenn wir schon mal hier sind, wollen wir auch was rauchen. Die kennen hier keine vertrauenswürdigen Händler. Das Schlimme ist: Ich habe mit Touristen gesprochen, die seit meinem Video wissen, dass das Gras am Görli gestreckt ist und trotzdem dort kaufen wollen. Weil sie keine andere Quelle haben. Nach dem Motto: Was sollen wir denn machen, sollen wir stattdessen gar nichts rauchen?

Welche Streckmittel hast du in dem Cannabis gefunden?
Gängige Streckmittel sind Vogelsand, Salz, Haarspray. Das am weitesten verbreitete Streckmittel ist Brix, ein synthetischer Kleber, der in den USA, Kanada und Australien extra für das Strecken von Cannabis produziert wird. Die Blüten werden damit eingesprüht oder darin eingetunkt und am Ende hat so eine 0,3-Gramm-Blüte auf einmal 0,8 Gramm Gewicht. Ich habe aber nur auf Glucose getestet. Glucose ist Zucker und ein Bestandteil von Brix.

Wie hast du das Cannabis getestet?
Erstmal hab ich mit einer Lupe draufgeguckt. Wenn man weiß, wie eine saubere Blüte aussieht, erkennt man die Verunreinigungen. Es geht aber noch einfacher, mit dem Abbrenntest. Wenn man ungestrecktes Gras anzündet, geht es ganz schnell wieder aus. Das mit Brix gestreckte Gras ist aber immer wieder aufgeflammt und hat geknistert. Die Verbrennungsrückstände waren ganz fest und hart. Und die Blüten haben einen schwarzen, öligen Film auf der Haut hinterlassen.

Welche Auswirkungen hat mit Brix gestrecktes Gras auf den Körper?
Dazu gibt es keine Studien. Aber gesund ist es bestimmt nicht, über längere Zeiträume Kleber einzuatmen.

Wie viel kostet ein Gramm Gras in Berlin auf der Straße?
Im Görlitzer Park waren es 12,50 Euro pro Gramm, in der Hasenheide zehn Euro, an der Warschauer Straße und am RAW-Gelände auch zehn Euro. Manche Dealer verlangen 20 Euro, das Doppelte vom üblichen Preis. Aber das ist eigentlich unwichtig, denn: Im Prinzip verarschst du dich dort mit jedem Kauf selbst. Du denkst ja eigentlich, du kaufst reines Gras, aber bekommst gestrecktes, gefährliches Zeug.

Manche Dealer verlangen 10 Euro für ein Gramm Gras – andere bis zu 20 Euro
Foto: Joko / imago

Der damalige Innensenator Frank Henkel hatte 2015 eine Null-Toleranz-Zone im Görlitzer Park eingerichtet. Inzwischen hat die rot-rot-grüne Regierung die Regelung wieder abgeschafft. Hatte die Zone Auswirkungen auf das Gras und den Grasverkauf?
Man könnte spekulieren, dass das Gras schlechter wird, je restriktiver der Umgang der Politik damit ist. In Bayern zum Beispiel haben Konsumenten viel mehr mit synthetischen Cannabinoiden und Streckmitteln zu kämpfen als hier. Das sagen zumindest meine Youtube-Zuschauer. In Berlin hatte die Null-Toleranz-Zone konkret einen Effekt auf die Anzahl der Verkaufsstellen. Als Henkel den Görlitzer Park zur Null-Toleranz-Zone erklärt hatte, wurden auch der Görlitzer Bahnhof zum Dealer-Hotspot und das Kottbusser Tor. Die Dealer lösen sich ja nicht in Luft auf. Genauso wie die Konsumenten.

Es gab in den letzten Jahren Diskussionen darüber, dass der Görlitzer Park nachts unsicher sei und Menschen Angst hätten, durch den Park zu laufen. Siehst du da einen direkten Zusammenhang zu den Dealern?
Ich selbst habe keine Angst, wenn ich da durchgehe. Aber ich bin schon genervt, wenn ich von den Dealern zum 30. Mal gefragt werde, ob ich Gras kaufen will.

Hatte der Mensch im Hasenkostüm Angst, als er das Cannabis gekauft hat?
Dem Hasen ist aufgefallen, dass viele Dealer aggressiv waren. Die haben Druck, ihr Zeug zu verkaufen. Das merkt man denen an. Außerdem fragen sie auch, ob du andere Drogen kaufen willst. Ketamin, MDMA. Das ist früher weniger passiert.

Wenn es so gefährlich ist, auf der Straße zu kaufen und gestrecktes Gras zu rauchen, müsste dann nicht die Stadt über die Gefahren von Straßengras aufklären?
Das müsste auf Bundesebene passieren. Meine Zuschauer geben mir aus ganz Deutschland Feedback. Das Gras ist fast überall verseucht.

Was könnte der Staat tun, um Menschen vor gestrecktem Gras zu schützen?
Es gibt verschiedene Optionen. Man könnte mit Modellprojekten, wie dem Test-Coffeeshop anfangen, den die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann vorgeschlagen hatte. Mit lizensierten Drogenfachgeschäften, in denen Cannabis kontrolliert abgegeben wird. Oder man gesteht jedem Menschen den Anbau von ein paar Pflanzen zu, für den Eigenbedarf. Menschen, die weniger konsumieren wollen, würden sich in der Legalität viel eher Hilfe holen. Und der Staat würde einen Haufen Steuern einnehmen. Diese Gelder könnten wir für Prävention und Aufklärung nutzen.

Wie realistisch ist eine Legalisierung von Cannabis deiner Meinung nach?
Ich habe dazu jedes Jahr eine andere Meinung. Um es kurz zu sagen: Es liegt an der CDU/CSU. Wenn wir die nicht in der Bundesregierung hätten, wäre die Legalisierung schon gekommen.

Was wäre mit dem Jugendschutz, wenn Cannabis legalisiert würde?
Die wenigsten würden schmutziges Gras kaufen, wenn sauberes leichter zugänglich wäre. Aber sobald man über eine Legalisierung spricht, kommen Politiker, die sich Sorgen machen, dass dann 13-Jährige mit einem Joint durch die Straßen laufen. Allerdings könnte der Jugendschutz gar nicht schlechter sein als im Moment. Jeder Jugendliche in jeder Stadt kommt an Gras, wenn er will. Meistens an gestrecktes. Das Problem verschwindet nicht, wenn man einfach wegschaut. Man muss aktiv was dagegen tun und dem Schwarzmarkt das Wasser abgraben.