Kunst

Carsten Nicolai lässt Licht sprechen

arsten Nicolai arbeitet gern mit Frequenzen. In der Berlinischen Galerie spielt er jetzt mit einem physikalischen Phänomen: der spukhaften Fernwirkung

Am Anfang war die Verbindung. Als Carsten Nicolai eingeladen wurde, eine Arbeit für den vorderen Ausstellungsraum der Berlinischen Galerie zu entwerfen, wollte er dort zunächst eine „schwebende Linie“ ziehen. Am Ende fand er eine andere Lösung für den langen Saal. Seine Installation „tele“ verbindet zwei an den Kurzseiten aufgebaute sechseckige Spiegel – mit Laserstrahlen, die aus beiden Spiegeln auf den jeweils gegenüberliegenden geworfen werden.

 

Foto: Patricia Schichl
Carstens Nicolais Lichtplastik „tele“ in der Berlinsichen Galerie, 2018. Foto: Patricia Schichl

Verbindungen, könnte man sagen, stehen immer wieder im Zentrum von Nicolais Kunst. Der studierte Landschaftsarchitekt, 1965 in Karl-Marx-Stadt geboren, heute in Berlin lebend, verwendet visuelle wie akustische Mittel, ohne zwischen diesen Mitteln prinzipiell zu unterscheiden. Unter dem Pseudonym Alva Noto etwa veröffentlicht er auf seinem Label Noto Alben mit reduzierten elektronischen Klängen aus skelettierten Rhythmen und elementaren Zutaten wie Sinustönen, die man als Musik bezeichnen könnte. „Ich denke immer erst einmal in Räumen“, sagt er. Wie Nicolai diese ausgestaltet, entscheidet er von Fall zu Fall. Optisches und Klang liegen dabei sehr dicht beieinander. Zunächst einmal sind ­alles Frequenzen. Das kann neben Klang auch Licht sein „oder jede Art von elektromagnetischen Wellen“.

„tele“, wie die neue skulpturale Arbeit heißt, arbeitet mit Licht. Die beiden Laser illustrieren das von Albert Einstein beschriebene Phänomen der „spukhaften Fernwirkung“ – ein Begriff, der fast esoterisch anmutet. Danach können räumlich getrennte Partikel, grob gesagt, interagieren, so, als bestünde eine telepathische Verbindung zwischen ihnen. Das Mittel, mit dem Nicolai dieses Phänomen gleichsam unsichtbar veranschaulicht, ist die Verbindung zwischen den beiden Lasern: Der eine strahlt auf eine im gegenüberliegenden Spiegel eingebaute Fotozelle, die dann den Laser im angestrahlten Spiegel aktiviert. Dieser zweite Laser strahlt zurück zum ersten Spiegel, der auch mit einer Fotozelle ausgestattet ist, was den ersten Laser erneut aktiviert. Ein Feedback.

Foto: Patricia Schichl
Carstens Nicolais Lichtplastik „tele“ in der Berlinsichen Galerie, 2018. Foto: Patricia Schichl

Optisch würde es keinen Unterschied machen, ob man diese komplizierte Kons­truktion verwendet oder einfach zwei Laser­strahlen dauerhaft leuchten ließe. Der Witz der Arbeit besteht jedoch gerade in der verschalteten Rückkopplung. „Es ist ja eigentlich eine akustische Arbeit“, sagt Nicolai in seiner ausgeglichenen, ruhigen, zugleich hellwachen Art. „Weil die sich ja wirklich unterhalten. Die Laserstrahlen bedingen sich gegenseitig, das heißt, die Intensität des einen Strahls wird gemessen und triggert den anderen, und der triggert den nächsten. Deswegen ist das eine Art telepathische Unterhaltung.“

Einen praktischen Nutzen hat der Aufbau ebenfalls. Die Laserstrahlen sind so intensiv, dass man sich verletzen würde, wenn man die Hand für längere Zeit hineinhielte. Durch das Feedback, das Nicolai ausgewählt hat, wird der Strahl jedoch automatisch unterbrochen, sobald ein Objekt dazwischengeriete (was im Museum jedoch nicht gestattet ist). Und ein schöner Nebeneffekt der starken Laser: Man kann die Staubpartikel im Raum durch die Strahlen schweben sehen. Für Nicolai eine unerwartete neue Verbindung: „Dadurch, dass der Staub ins Spiel kommt, kriegt die Arbeit eine poetische Komponente.“

Tim Caspar Böhme

Bis 3.9.: Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 8/ erm. 5 €, , bis 18 J. frei, 1. Mo/ Monat 4 €
Gespräch mit Carsten Nicolai: 9.5., 19 UhrA

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