Drum and Bass

Die Katzenkämpferin

Catnapp sieht den aufregend hybriden Electro-Sound, den sie produziert, als Werkzeug für die Revolte. Modeselektor und Rihanna sind schon aufmerksam geworden auf die aus Argentinien stammende Wahlberlinerin

„Meine Musik ist ein Werkzeug. Nutz es!“, meint Catnapp.
Foto: Keyi Studio / Izabella Chrobok & Grzegorz Bacinski

„Mein Messer ist scharf, mein Verstand ist klar, du wirst meinen Willen zu kämpfen niemals aufhalten.“ Die Frau, die diese Liedzeilen geschrieben hat, lümmelt in schwarzen Baggy-Klamotten auf dem Sofa eines Cafés in Friedrichshain und schlürft einen Milchkaffee. Auf ihrem Kopf sind viele kleine Zöpfe, ihre Arme sind übersät mit Tätowierungen von Katzen. „Katzen und ich sind eins“, sagt sie.

Die Produzentin Amparo Battaglia alias Catnapp macht Musik, die es den Algorithmen von Spotify & Co. schwer machen dürfte, in die passende Kategorie ausgespuckt zu werden: hyper-elektronisch, aber dann doch mal mit einer Akustikversion auf Gitarre, massiger Drum and Bass, und doch mit dem Kniff für die poppige Melodie, verletzliche Texte über Trennungsschmerz hier, wütend gerappte Kampfansagen da.

So wie auf ihrem Kracher „Fight For A Fight“, den die 32-jährige Wahlberlinerin geschrieben hat, als sie sich das erste Mal in ihrem Leben einer Demo angeschlossen hat: dem Pride March in ihrer Heimatstadt Buenos Aires. „Ich habe all die Leute um mich herum gesehen und dachte: Wow, gemeinsam kann man wirklich etwas erreichen. Das war ein einschneidendes Erlebnis.“ Der Song ist der LGBTQ-Bewegung gewidmet, aber im Prinzip möchte sie all jene ansprechen, die eine schwere Zeit durchleben und etwas Erbauung gebrauchen können: „Meine Musik ist ein Werkzeug. Nutz es!“ Catnapp ist die Antwort auf die männliche Dominanz in der Producer-Szene, eine Art klischee-sprengender Cyborg zwischen Rave, Punk und HipHop.

Catnapp wuchs in der argentinischen Hauptstadt auf. Als Kind wuselte sie oft im Studio ihres Großvaters herum, der Jazzpianist und Komponist war. Sie brachte sich das Gitarrespielen bei und schrieb erste Lieder. Als ein Schulfreund ihr die Chemical Brothers und Fatboy Slim näher brachte, war sie 13 Jahre alt und wusste: Eines Tages muss ich auch mal so etwas machen.

»Es fühlt sich an, als würde ich jeden Tag ein Glas Inspiration trinken«

Catnapp über Berlin

Nach der Schule studierte sie elektronische Musikproduktion und feierte erste Erfolge mit eigenen Tracks, damals noch unter dem Künstlernamen Ampexx. Doch als die wirtschaftliche und politische Lage in ihrer Heimat immer kritischer wurde, kam Catnapp an einen Wendepunkt. „Argentinien steckt in einer schweren Situation und in der Musikbranche war man nicht bereit, ein Risiko einzugehen und Zeit und Geld zu investieren in eine so abseitige Künstlerin wie mich, weil man nicht sicher war, wie gut sich das verkauft“, erzählt sie. „Ich wollte mich weiterentwickeln, und deswegen war meine Grenze dort erreicht.“

Nach Europa zog es Catnapp immer. Also buchte sie mithilfe eines Freundes eine Tour. Als sie 2015 das erste Mal nach Berlin kam, war ihr sofort klar: Das ist es, hier will ich bleiben. Ihr Leben lang war Battaglia mit denselben Menschen einer Kultur und einer Sprache aufgewachsen, galt in der Schule aufgrund ihres alternativen Stils als obskur und litt unter Einsamkeit. Berlin war für Catnapp eine bunte Wundertüte mit verschiedensten Menschen, Ideen, Idealen. „Es fühlt sich so an, als würde ich jeden Tag ein Glas Inspiration trinken“, sagt die Musikerin.

Anfangs arbeitete sie als Tontechnikerin im Club Chalet. Es gab viele, viele Clubnächte, aber an eine erinnert sie sich ganz besonders: Eines Nachts jobbte sie an der Garderobe im OHM, als sie mit einem Typen ins Gespräch kam. Es stellte sich heraus, dass er der Tourmanager von Modeselektor war. Er sagte, sie solle ihre Demos schicken. Im März 2018 unterschrieb sie einen Vertrag auf Monkeytown, dem Label des berühmten Berliner DJ-Duos. Seitdem veröffentlichte Catnapp dort eine EP, eine Remix-EP und ihr Debütalbum „Break“, das im Sommer erschienen ist.

Modeselektor zu treffen, erzählt sie, „war wie ein Traum. Wir saßen im Studio, sie spielten mir einen Beat vor und fragten mich, was ich davon halte. Und ich dachte die ganze Zeit nur: Ich kann nicht abwarten, meinen Freunden davon zu erzählen!” Auf „Break“ findet sich nun ein gemeinsamer Titel mit ihren Labelchefs: „The Mover“ ist ein leicht entzündlicher (Em)Power(ment)-Track. Da werden auch Superstars hellhörig: Niemand Geringeres als Rihanna suchte sich drei Catnapp-Songs für ihre Show auf der New Yorker Fashion Week aus.

Früher hat Catnapp über Liebe und Traurigkeit gesungen, jetzt ist es ihr wichtig, aus ihrem Inneren herauszutreten und die Außenwelt anzusprechen. „Ich möchte die Leute dabei unterstützen, heutige Kämpfe auszutragen, sei es etwa wegen Genderdiskriminierung oder Umweltzerstörung“, sagt Catnapp. Zu sirrenden Sirenen singt sie in „Fight For A Fight“, der Hymne des Albums: „You think you’re tearing up these bitches/ You don’t know who we are.“ Ob zum Rave im Club oder zum Aufstand in den Straßen: Catnapp bietet den Soundtrack dazu.

Album-Release-Rave: Fr 6.12., 20 Uhr, Urban Spree, Reavler Str. 99, Friedrichshain, VVK 17 €

Text: Ariana Zustra