Berlin-Wahl 2011

CDU

Seit Frank Henkel Spitzenkandidat der Berliner CDU ist, gibt sich der einstige Hardliner als Kumpeltyp. Das scheint aussichtslos, die Rolle ist besetzt. Doch Henkel wird trotzdem immer wichtiger – als Königsmacher

Und jetzt also noch kurz zu den Senioren. Er ist zwar spät dran und muss gleich wieder los – aber Termin ist Termin. Die Tische im Wartenberger Hof in Lichtenberg sind zu einem Hufeisen geformt, die Hälfte der Stühle ist bereits wieder leer. Es ist schon halb zwei vorbei. Die meisten Senioren haben nun doch schon gegessen und machen bereits ihren Mittagsschlaf. Der nette Herr von der CDU hätte halt früher kommen müssen. Der nette Herr von der CDU stellt sich vor das Hufeisen, er faltet seine Hände vor dem Bauch zusammen, so wie er das immer macht. Er ist in Lichtenberg aufgewachsen. Das könnte sein Revier sein. Wo, wenn nicht hier im Osten der Stadt, soll der Wahlkampf endlich in Fahrt kommen? Der Herr stellt sich vor, sagt, dass ihm das Wohl der Senioren besonders wichtig sei und dass es ihn freue, hier sein zu dürfen. Dann wünscht er guten Appetit. Die Senioren schauen auf ihre Teller.
Der nette Herr von der CDU heißt Frank Henkel. Er ist der Kandidat der Christdemokraten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Er ist das eine ganze Weile schon, aber so richtig hat die Bevölkerung der Stadt, die er gerne regieren möchte, das noch nicht mitbekommen. Frank Henkel sei ein Verlegenheitskandidat, so heißt es. Einer, der jetzt ran darf, um danach wieder in der Versenkung zu verschwinden. Bis vor einem halben Jahr war er laut einer Umfrage 63 Prozent der Berliner unbekannt. Das Rennen um das Rote Rathaus werden Amtsinhaber Klaus Wowereit (SPD) und Renate Künast (Grüne) unter sich ausmachen. Doch so einfach ist die Sache nicht, denn wer mit wem regiert ist offen wie nie zuvor.
Eine Mehrheit gibt es laut aktuellen Umfragen nur für Rot-Schwarz und Rot-Grün. Für eine Weiterführung der rot-roten Koalition reicht es genauso wenig wie für eine grün-schwarze Regierung. Henkel könnte zum Königsmacher werden. Mit der CDU könnte Wowereit seine Projekte wie die A100 und die Flughafenpläne leichter durchsetzen als mit den aufmüpfigen Grünen, die, angefeuert durch das bundesweite Hoch, mehr als die Juniorpartnerschaft wollen. Deren Spitzenkandidatin Renate Künast hat schon angekündigt, eher wieder auf Bundesebene zu wechseln als unter Wowereit zu arbeiten. Henkel hätte damit kein Problem. Er könnte seine Themen mit auf die Agenda setzen. Senatoren bestellen. Innensenator werden. Mit seiner Partei wieder oben mitmischen. Mit der Berliner CDU, die einst so groß war, dann tief gestützt ist und nun in dieser Stadt wieder regieren möchte.

Früher galt er als junger Wilder
In der CDU war klar: Nach der gescheiterten Kandidatur des gebürtigen Hannoveraners Friedbert Pflüger 2006 muss ein Berliner ran. Ein CDU-Wowereit sozusagen. Henkel kann Berlin, er berlinert, klopft einem andauernd auf die Schulter. Er ist ein CDU-Mann aus dem Osten, einer, der den Banken-skandal vergessen machen soll. Privat: ledig und kinderlos. Einer, der sagt, dass er Howard Carpendale mag und die Scorpions. Der sagt, dass er dazu steht, dass er sich nicht dafür schämt. Henkel zeigt sich ohne Krawatte. Er versucht, sich volksnah zu geben unde in bisschen staatsmännisch. Nur: Wowereit kann das alles auch. Und er kann es besser.
Ein paar Tage nach Lichtenberg, ein Sonntagmorgen am Potsdamer Platz. Der Kopf von Henkel lächelt von einem Doppeldeckerbus der BVG. Der echte Henkel ist noch nicht da, er soll aber gleich kommen. Henkel hat zur Stadtrundfahrt geladen. Die Wähler sollen ihre Stadt kennenlernen und vor allem sollen sie ihn kennenlernen: Frank Henkel, 47 Jahre alt, im Bezirk Mitte geboren, in Lichtenberg aufgewachsen. Drei Jahre lang auf eine Ausreisegenehmigung gewartet, dann mit seinen Eltern nach West-Berlin gezogen. In die CDU eingetreten, „wegen Kohl“, wie er sagt. Nach der Wende nach Mitte zurückgekehrt, noch heute lebt er an der Gertraudenbrücke in einer Plattenbau-Wohnung. Ein paar Senioren warten schon, nicht ganz so alt wie die von vor ein paar Tagen, aber doch alt genug, um sich für so eine Busfahrt begeistern zu lassen.
Frank Henkel trägt ein rosafarbenes Poloshirt, darüber eine dunkelblaue Jacke von Ralph Lauren, den Kragen hat er hochgesteckt, so wie BWL-Studenten das machen. Der Bus fährt an, Henkel spricht. Reiseführerstimme. Reiseführerhumor. Er versucht zu lächeln, doch es sieht bei ihm immer ein wenig aus, als ob er Zahnschmerzen unterdrückt. Den Busfahrer nennt er „Kapitän“. Beim Roten Rathaus, sagt er, biegen wir erstmal rechts ab. Da halte die CDU dann am 18. September. „Ich kann nicht verstehen“, sagt er, während der Bus an der East-Side-Gallery entlangfährt, „wie man gegen die Nutzung dieses Areals sein kann – bei diesem Entwicklungspotenzial.“ Er sitzt vorne beim Fahrer, liest ein paar Zahlen von seinen Karteikarten ab. Auf dem Oberdeck sonnen sich die Senioren. „Gefällt es Ihnen da oben? Dann trampeln Sie doch mal mit den Füßen!“, sagt Henkel. Die Senioren trampeln. Henkel, der Nette. Henkel, Typ besorgter Schwiegersohn.
Früher war das anders. Aber früher war Frank Henkel auch nicht Spitzenkandidat. Früher war er Hardliner. Politischer Ziehsohn des ehemaligen Bürgermeisters Eberhard Diepgen. Dessen Kettenhund, sagen die, die Henkel von damals kennen. „Ein Brandstifter, wie er im Buche steht“, sagt Klaus Uwe Benneter von der SPD, der Anfang der Nullerjahre mit Henkel im Abgeordnetenhaus saß. Den Henkel damals als „Dreckschleuder“ beschimpfte. Henkel sei einer dieser jungen Wilden in der CDU gewesen, die Diepgen gewähren ließ, um am rechten Rand nach Stimmen zu fischen. Die Forderungen: kriminelle Ausländer raus! Mehr Überwachung! Strafmündigkeit auch für Zwölfjährige!
Der Bus fährt zurück von der Flughafenbaustelle in Schönefeld, rein nach Neukölln. Die Karl-Marx-Straße ein Stück hoch. Wenn Henkel mal nichts sagt, dann wirkt er in sich gekehrt. So als ob er über all das nachdenkt, was er da macht. Über seine Rolle, die er da verkörpert. Henkel ist nicht so cool wie Wowereit, da hilft auch der hochgesteckte Kragen nichts, und bellen wie früher, das geht als Bürgermeisterkandidat auch nicht mehr. Deshalb bellt er nur noch ein bisschen. „Thilo Sarrazin ist kein Rassist, meine Damen und Herren“, sagt er. Seine Damen und Herren applaudieren und trampeln mit den Füßen. Die Integrationsprobleme seien nicht durch ein dauerhaftes Multi-Kulti-Straßenfest zu lösen. Applaus und Getrampel. „Wir brauchen Arbeitsplätze, keine weiteren Grillplätze!“ Applaus und Getrampel. „Scheiß CDU!“ schreit ein Passant dem Bus entgegen.

Der Laden, das war einst Berlins große CDU
Die Route führt die Harzer Straße in Alt-Treptow entlang. Am Haus einer Roma-Familie vorbei, die in den vergangenen Wochen in den Schlagzeilen war. Vor dem Haus türmt sich Müll, die Fassade bröckelt. Der Bus fährt jetzt langsamer. Die Senioren schauen zum Fenster raus. Ein bisschen ängstlich und ein bisschen angewidert. Die Busfahrt hat nun etwas von Slumtourismus. Noch ein Abstecher zum ehemaligen Flughafen Tempelhof, den Henkel nie zugemacht hätte. Dessen Schließung er als Wowereits größte Fehlentscheidung bezeichnet. Überhaupt Wowereit. Wowereit beachtet ihn nicht. Er tut so, als ob Henkel gar nicht da wäre. Und doch braucht er ihn, er ist der ideale Juniorpartner. Es heißt, die beiden können eigentlich ganz gut miteinander. Wowereit kann böse sein, verletzend. Zu Henkel sagt er nichts und sagt damit: Der ist kein Konkurrent für mich. Henkel riskiert in der Masse zu verschwinden, in der Stadt, in der es von schillernden Persönlichkeiten wimmelt, in der auch der Regierende Bürger-meister glänzen muss. Henkel glänzt nicht. Henkel bleibt ein Möchtegern-Wowereit.
Die politische Biografie des Frank Henkel ist die Geschichte eines Scharfmachers. Doch abseits der Bühne ist Henkel keiner, der klotzt. Er kann das gar nicht. Diepgen hatte ein Bismarck-Porträt hinter seinem Schreibtisch hängen. Zu Henkel würde das nicht passen. Henkel ist ein Parteisoldat, er blieb Diepgen loyal ergeben bis zum Schluss. „Henkel hat sich in der gesamten CDU Anerkennung verschafft, das ist nicht einfach in Berlin, das verlangt Respekt“, sagt Peter Kurth, ehemaliger Finanzsenator und innerparteilich ein Gegner der harten Gangart der jungen Wilden von damals. Trotzdem sagt er heute anerkennend: „Henkel ist der, der den Laden zusammengehalten hat.“ Und als der Laden einen Kandidaten brauchte und kein Kandidat in Sicht war, hat Frank Henkel gesagt, er macht’s.
Der Laden, das war einst Berlins große CDU. Die Partei des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker. Die Einheitspartei unter Diepgen. Die Partei, die noch 1999 40,8 Prozent der Stimmen bekam. Dann der Bankenskandal. Die unlauteren Machenschaften des Eberhard Diepgen und seines Einflüsterers Klaus-Rüdiger Landowsky, Fraktionschef im Abgeordnetenhaus und gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der Berlin Hyp, einer Tochter der mehrheitlich landeseigenen Bankgesellschaft Berlin. „Landowsky war die CDU, und die CDU war Berlin“, so schrieb „Der Spiegel“ einmal. Landowsky und Diepgen wurden gestützt, die CDU rissen die beiden mit in die Tiefe. Der Koalitionspartner SPD zog sich aus der Affäre. Große Pose, großer Streit, großes Drama. Und Henkel?

Heute sitzt er politisch zwischen allen Stühlen
Frank Henkel steht vor dem Yorckschlösschen in Kreuzberg, es ist Mittagspause, die Senioren umzingeln ihn. Von hinten sieht Henkel aus wie Franz Josef Strauß. Ein Kreuz wie ein Bulle, das Kreuz des Ostens. Vielleicht wäre das seine einzige Möglichkeit, weiter den Hardliner zu geben. Aber er ist kein politisches Schwergewicht wie Franz Josef Strauß, er ist nur Frank Henkel von der Berliner CDU. Eine Seniorin tätschelt ihm liebevoll den Bauch. „Ihr Problem ist der Bekanntheitsgrad, sie müssen mal in die Abendschau“, sagt sie. „Wir würden ja gerne“, sagt er. Nun bekommt er sein Fernsehduell mit Wowereit. Da kann er seine Forderungen loswerden: mehr Lehrer! Die Polizei nicht kaputtsparen! Keine Verwahrlosung des öffentlichen Raums! Rudolph Giuliani, der ehemalige Bürgermeister von New York, sei ein Vorbild mit seiner Null-Tolleranz-Politik, sagt Henkel. Aber Henkel ist nicht Giuliani. Henkel faltet wieder seine Hände vor dem Bauch zusammen. „So, jetzt fahr’n wa mal weiter, wa?“, sagt er dann.
Henkel sitzt wieder neben dem Fahrer, schaut auf die Straße raus, politisch sitzt er zwischen allen Stühlen. In der Partei bleibt er ein Außenseiter. In seinem Kreisverband Berlin-Mitte ist er der „Frank“, aber sein Kreisverband ist nicht die CDU. Die CDU hat ihr Herzen im alten Südwesten der Stadt, nicht in Mitte, nicht im ehemaligen Osten. Henkel weiß: Regierender Bürgermeister wird er nicht, und wird er nicht Juniorpartner, ist er weg. Henkel muss einen Mittelweg finden zwischen draufgängerisch und sanft. Er muss am Wahlabend vor den Linken landen und möglichst hinter den Grünen, um als idealer Juniorpartner wahrgenommen zu werden. Überhaupt wahrgenommen werden – das muss er zuallererst.
Ein paar Tage vor der Busreise, kurz vor dem Mittagessen bei den Senioren, war Frank Henkel bei der neuen Ikea-Filiale in Lichtenberg. Die Filialleiterin wollte unbedingt, dass sich der CDU-Spitzenkandidat auch die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Gebäudes anschaut. Also ist Henkel mit aufs Dach gekommen: Er balanciert unsicher zwischen den Anlagen herum. Weiß nicht so recht, was er tun und sagen soll. Endlich erbarmt sich ein Fotograf, sagt ihm, er solle sich doch mal auf die Leiter dort stellen, so tun als ob er die hochklettere. Henkel stellt sich auf die Leiter. Die Fotografen knipsen. Henkel versucht zu lachen, presst dabei aber seine Lippen fest zusammen. Erst als er endlich von der Leiter wieder runter darf, atmet er tief aus.