Klangkunst

Hör den Pergamonaltar

Klingt ein wenig wie Berghain: Cevdet Erek lässt seine mächtige Sound-­Installation „Bergama Stereo“ im Hamburger Bahnhof ertönen

Wenn man ihn schon nicht sehen kann, sollte man ihn hören, so lautet die Idee. ­Cevdet Erek greift in seiner Sound-Installation „Bergama Stereo“ Gestalt und ­Geschichte des Pergamonaltars auf, der zur Zeit nicht zu besichtigen ist: Der weltberühmte Altar, Attraktion der Museumsinsel, steckt unter einem Gerüst, damit er die Sanierung des Pergamonmuseums unbeschadet übersteht.

Foto: RMphotostudio
Cevdet Erek 2017 im Pavilion der Türkei auf der 57. Biennale von Venedig,
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Die architektonische Klanginstallation des türkischen Konzeptkünstlers und Musikers Cevdet Erek aber wird sich ab 19. Oktober in der Haupthalle des Hamburger Bahnhofes auf immerhin 14 Metern Breite und 4,50 Höhe ausbreiten, im Maßstab etwa von 1:2. Bei Erek besteht der horizontal verlaufende Fries nicht wie bei seinem Vorbild aus Stein, sondern wird aus 34 Lautsprechern montiert – derart hochleistungsfähige Boxen benutzen Clubs wie das Berghain. 34 nachgebaute leere Lautsprechergehäuse ergänzen den Altar. Es wird ein intensives Hörerlebnis werden, davon kann man ausgehen: Aus 34 separaten Audio-­Kanälen kommt der Sound. „Der Raum wird erfüllt von einem basslastigen Rhythmus“, sagt Co-Kuratorin Ingrid Buschmann. „Das erinnert an die elektronische Club- und Musikkultur in Berlin.“ Bevor sie den Götter- und Gigantenfries entlangwandeln und als akustische Erzählung entdecken können, müssen Besucher und Besucherinnen durch einen weißen Vorhang treten, der die Halle vom Eingangsbereich des Museums trennt. Dahinter haben sie eine ungewohnte Perspektive auf den Altar: „Der Überraschungseffekt“, sagt Gabriele Knapstein, Leiterin des Hamburger Bahnhofes.
„Das Besondere ist, dass die antik-hellenistische Architektur nun in einem zeitgenössischen Museum neu interpretiert wird“, meint Knapstein. Gemeinsam mit dem Verein Freunde Guter Musik Berlin hat das Team des Hamburger Bahnhofs Erek gefragt, ob er sich vorstellen könne, eine Installation für das Haus zu entwickeln. Das Projekt läuft in der Reihe „Musikwerke Bildender Künstler“, die genreübergreifende Arbeiten von Künstlern und Künstlerinnen vorstellt. Wie in seinen früheren Werken arbeitet Erek in „Bergama Stereo“ mit analogen und elektronisch versetzten Samples, perkussiven Elementen und Satzfragmenten in verschiedenen Sprachen. Rhythmus schafft vor allem die traditionelle Trommel Davul, die im westlichen Asien zu Hause ist und von Erek teilweise verfremdet wird.


Der Kaiser und das Antikenbild
Dass Cevdet Erek, ein Künstler aus der Türkei, das Schlachtengetümmel neu interpretiert, lädt das Akustikprojekt kulturpolitisch auf: Tausende Fragmente des Pergamon­altars wurden einst von einem Archäologenteam aus Bergama, wie das antike Pergamon heute auf Türkisch heißt, an die Spree transportiert. Stück für Stück baute man den Altar in Berlin auf. Auch wenn Erek in „Bergama Stereo“ keinen Interpretationsrahmen vorgibt, sondern auf Suggestion und Raumerfahrung setzt, spielt die Bedeutung des Frieses selbstverständlich eine Rolle. Er zeigt die Gigantomachie, den mythischen Kampf zwischen den olympischen Göttern, den Wahrern von Recht und Kultur, und den Giganten, den Verkörperungen von Gewalt und Anarchie.
„Es war eine große Repräsentationsgeste des Kaiserreiches, den Altar nach Deutschland zu holen. Damit eng verbunden war die Entwicklung der Antikenrezeption in Kunst und Wissenschaft“, sagt Knapstein. Der Fries war so wichtig, dass für ihn 1901 das Pergamonmuseum gebaut wurde. Das Haus ist das meistbesuchte Museum Berlins. So schließt sich der Kreis.
„Es ist erstaunlich“, sagt Ingrid Buschmann vom Verein Freunde Guter Musik, „wie mit dem Sound im Raum eine abstrakte Architektur entwickelt wird“. Sie hat das Projekt bereits auf seiner ersten Station, in der Bochumer Jahrhunderthalle bei der Ruhrtriennale gesehen und gehört. „An unterschiedlichen Stellen der Halle gibt es unterschiedliche Hörpunkte in unterschiedlicher Intensität“, berichtet sie. Für Berlin will der Künstler die Installation ortsspezifisch anpassen. Die Wirkung wird davon abhängig sein, wie sich Besuchende im Raum bewegten und den Klängen nachlauschen.


Basis Istanbul
Wenn Erek, Jahrgang 1974, nicht gerade mit seinen Projekten unterwegs ist, arbeitet er in Istanbul. Dort hat er seine Freiheiten, er weiß, dass es ein Balanceakt ist mit den restriktiven Vorgaben der türkischen Regierung. Deshalb hält er sich mit politischen Aussagen zurück. „Wir leben generell in schwierigen Zeiten. Es gibt für mich einige Beschränkungen, doch die meisten erlege ich mir selbst auf“, antwortet der Künstler ausweichend in einer Mail.
In der Metropole am Bosporus lehrt er an der Technischen Universität (TU). Ein Heimspiel, an der TU hat er bis 2003 Sound Engineering und Design studiert, 2011 promovierte er dort. Zuvor absolvierte er noch ein Architekturstudium. Musik macht er auch: Er spielt in der Istanbuler Rockband Nekropsi. International bekannt geworden ist er auf der Documenta 13 im Jahr 2012, wo er seinen „Room of ­Rhythms“ in einem verlassenen Warenhaus installierte. Eine ortsspezifische Situation, in der die Besucher und Besucherinnen auf den Tönen folgend noch einmal die Räume des einstigen Kaufhauses durchmessen konnten.
Im selben Jahr wurde er mit dem Nam June Paik-Award für Medienkunst ausgezeichnet, 2017 bespielte er den türkischen Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig. Das Besondere sei, sagen seine Fans, wie ausgetüftelt und präzise Cevdet Erek Orte mit Klang beschallen könne, so dass man Situationen ganz neu als „Raum im Raum“ erlebe. Übrigens geht „Bergama Stereo“ Mitte Februar 2020 in das gerade eröffnete Museum „Arter“ nach Istanbul. Ein deutsch-türkischer Dialog eben. 


19.10.–8.3.: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20, Sa/So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. + Do ab 16 Uhr frei. Davul-Konzert mit Erek: 29.11., 20 Uhr