INKLUSIVES JUGENDTHEATER

Cheer out loud

Auch die modern-ironisierende Inszenierung kann die einfach konstruierte und allzu absehbare Inklusions-Geschichte nicht retten. Hier passt nichts zusammen

Starke Spieler*innen: Lisa Klabunde, Frederic Phung, Regine Seidler, Lorris Andre Blazejewski, Luisa-Charlotte Schulz (v.r.n.l.) und (im Screen) Carina Kühne – Foto: David Baltzer

Leonie (Carina Kühne), ein Downie-Mädchen, ist großer Fan der Cheerleader-Gruppe des SV Grünow. Sie ist überglücklich, als sie eines Tages dort mitmachen darf. Aber dann erfährt sie, dass der angeschlagene Sportverein das Thema Inklusion nur entdeckt hat, um Fördergelder abzugreifen.

Die dünne, absehbare Story (Stückvorlage: Susanne Lipp) mit angepapptem Klischee-Schluss (alle freuen sich, weil jetzt Kreativität und Spontanität das frühere Leistungscredo abgelöst hat) versucht Regisseur Robert Neumann mit einem modernen, ironisierenden Inszenierungsstil vital aufzufrischen. Livekamera, Beatboxen als Sound­design, große Gesten. Aber auch mit der Daueraufregung, die er zu Beginn mit den übertrieben martialischen Posen der Sportlerinnen aufspannt und dann angestrengt anderthalb Stunden zu halten versucht, kann er den Mangel an Handlung nicht wirklich kaschieren.

Die stark und professionell agierenden Darsteller*innen, Behinderte und Nichtbehinderte, wirken alle seltsam fehl am Platz. Außerdem ist man im inklusiven Theater längst viel weiter. Dass Spieler*innen mit Behinderungen und besonderen Fähigkeiten als Profis in Augenhöhe auf der Bühne stehen, muss niemand mehr beweisen. Im Thikwa-Theater, der künstlerischen Heimat von zwei Darstellern, die hier erstmals als Gäste zu sehen sind, stehen die besonderen Performer selbstbewusst und selbstverständlich im Mittelpunkt, die Erzählungen werden mit ihnen und durch sie entwickelt.

Im Grips aber wirken die Gäste seltsam fremd, bemüht eingesetzt, als lebender Beweis für Originalität in einem klassisch narrativen Rahmen, in dem die Normalos das Sagen haben. Am Ende tanzen alle miteinander und sind wahnsinnig kreativ. Was man daran erkennt, dass die üblichen Cheerleader-Kostüme durch Reifröcke und Fahrradhelme ergänzt werden.

Wie der Spaß in dieser letzten Szene, ist hier so gut wie alles nur behauptet, in gerade mal zwei konfliktgeladenen Situa­tionen gibt es so etwas wie Figuren, Entwicklung, Dialog: Einer Fami­lien­szene, in der die Eltern den „normalen“ Sohn auffordern, sich um seine behinderte Schwester zu kümmern und wenn sich die Cheerleader-Mädels beim Streit, ob Menschen mit Behinderung in ihrer Gruppe mitmachen können, sich gegenseitig „behindert“ nennen.

Vielleicht liegt das Grundproblem darin, Behinderung überhaupt zum Thema zu machen und das dann gleichzeitig politisch korrekt und provokant umzusetzen. Dabei rennt das Grips-Team längst weit offenstehende Türen ein. Eine Verirrung. REGINE BRUCKMANN

14.2., 18 Uhr, 15.2, 11 Uhr, 16.2., 19.30 Uhr, Grips Theater, Altonaer Str. 22, Tierg., Regie: Robert Neumann; mit Lorris A. Blazejewski, Max Edgar Freitag, Christian Giese, Lisa Klabunde, Carina Kühne, Regine Seidler u.a., Eintritt 18, erm. 11 €