Asien in Berlin

China in Berlin: der nahe Riese

China und seine Kritiker*innen sind auch mit Kunst in der deutschen Hauptstadt sehr präsent. Eine Chance, hinter die Kulissen der Weltmacht zu schauen

So schnell kann es gehen. Noch zum Gallery Weekend im Mai ging es in der Brunnenstraße 9, in dem prägnanten Betonhaus des Architekten Arno Brandlhuber, um die deutsche Einheit, um die Privatisierung des Ostens durch Wessis. Die Künstlerin Henrike Neumann hatte zu einer Analyse deutsch-deutscher Zeitgeschichte geladen, in einer Konferenz und einer Ausstellung, der letzten der Galerie KOW dort. Die Galerie ist längst nach Kreuzberg gezogen, und in dem Betonbau soll jetzt Schluss sein mit dualistischen Identitätsdebatten.

©Yafei Qi
Yafei Qi: Still from „I Wonder Why“, 2017 , Ein-Kanal-Video / Migrant Bird Space ©Yafei Qi

„Neither Black/ Red/ Yellow Nor Woman“, „Weder Schwarz/ Rot/ Gelb noch Frau“ heißt die internationale Gruppenschau, mit der ein neuer Mieter seine Räume einweiht: das Times Art Center Berlin (TACB). Es kommt, wie derzeit viele Akteur*innen zeitgenössischer Kunst, aus China. Berlin-Erfahrung hat das TACB, ein Ableger des Guangdong Times Museums in Guangzhou, bereits. Mit drei sorgfältig kura­tierten Ausstellungen zu Videokunst in China sondierte das Privatmuseum 2018/ 2019 in ­einem Hinterhof der Potsdamer Straße das Terrain. Seine neue, dauerhafte Bleibe in Mitte macht nun an prominentem Ort sichtbar, dass Kunst aus und mit Bezug zu China wieder sehr gegenwärtig ist. Doch anders als zu Beginn der Nuller Jahre, als hiesige Kuratoren und Galeristen die meist männlichen Mittler waren, nehmen Chines*innen nach den Jahren des Wirtschaftswachstum den Transfer jetzt selbst in die Hand, wenn auch gern in Zusammenarbeit mit europäischen Partner*innen.

Auf eigene Faust

Beobachten ließ sich das soeben während der Berlin Art Week. Dort präsentierten sich die in Berlin wie Peking ansässigen Galerien XC.HuA und Migrant Bird Space auf den Messen. Letztere stellte auch eine Arbeit von Yafei Qi vor, einer ehemaligen Stipendiatin des Auswärtigen Amts. In diesem Video zeigt Yafei ihr Gesicht in Nahaufnahme, während sie sich von Freunden ohrfeigen lässt.

Solch subjektive Arbeiten aus China, zumal aus weiblicher Sicht, sind hierzulande neu. Sie fügen dem Bild von der Welt- und Wirtschaftsmacht, das sonst in Berlin herrscht, ungewohnte Facetten hinzu, jenem Bild vom superstarken Handels­partner, der soeben eine sehr höfliche Bundeskanzlerin Merkel empfangen hat, zugleich von einem Polizei- und Überwachungsstaat, gegen dessen Zugriff auf Hongkong seit Juni Hundertausende demonstrieren. Wie der Student Joshua Wong, der sich kurz nach Merkels Pekingbesuch mit Außenminister Heiko Maas in Berlin traf.

Hinter die Kulissen dieses kapitalistisch-kommunistischen Chinas führen Cao Feis poetische Filme, die bereits im ersten Times Art Center zu sehen waren. Cao nimmt nun auch an „Micro Era. Medienkunst aus China“ teil, einer Ausstellung der Nationalgalerie im Kulturforum. In teils dokumentarischen Szenen zeigt „11.11.“ (2018), wie Mitarbeiterinnen von Liefer­firmen am großen chinesischen Sonder­angebotstag unter Warensendungen fast begraben werden. „Asia One“ (2018) führt durch ein riesiges Logistikzentrum, das Tänzerinnen in eine traumartige Bühne verwandeln. Caos Filme erklären sich von selbst, die der drei anderen Teilnehmerinnen nicht, vor allem nicht Lu Yangs überbordende, lärmende digitale Welten voller animierter Wesen. Was diese wollen und sagen, bleibt ohne Kenntnisse chinesischer Sprachen unverständlich, ein sehr unschönes Versäumnis der Kurator*innen, zumal Masse made in China hier Ängste auslöst.

Kritik an der Weltmacht

©Times Art Center Berlin
Times Art Center Berlin in der Brunnenstraße ©Times Art Center Berlin

Der auf dem Kunstfeld berühmteste Kritiker Chinas hat Berlin indes verlassen. Ai Weiwei, der fließend Englisch spricht, ist nach Cambridge gezogen, nicht ohne Deutschland vorzuwerfen, keine offene Gesellschaft zu sein und sich nicht eindeutig zu Menschenrechtsverletzungen in China zu positionieren. Berliner Kommentatoren haben ihm das übel genommen, hatte der Künstler China doch mit Hilfe hiesiger Institutionen verlassen können. Doch Ai bleibt in Berlin präsent, mit seinem Studio in Prenzlauer Berg und in der Galerie Neugerriemschneider. Sie zeigt zur Zeit neue ­Stücke von Ai: kleine Porzellanarbeiten und mächtige, dennoch filigrane eiserne Plastiken, abgegossen von Wurzeln ­eines südamerikanischen Regenwaldbaums.

Für die deutsche Doppelpolitik gegenüber China gibt es Gründe, für Ais Haltung ebenfalls. Wie sich die Lage vor Ort darstellt, zeigt eine Arbeit aus Hongkong: in der Schau „Durch Mauern gehen“ des Gropius-Baus. Der Klangkünstler Samson Young hat dort eine Sound-Kanone aufgebaut, ursprünglich wohl eine militärische Erfindung. Mit ihr soll sich über weite Entfernung schmerzhafter Lärm senden lassen: gezielt auf unliebsame Personen wie Demonstrantinnen.

©Simon Vogel, Courtesy: der Künstler; Galerie Gisela Capitain, Cologne & Edouard Malingue Gallery, Hongkong, Shanghai
Samson Young, „A dark theme keeps me here, I’ll make a broken music“, 2016/2017 Ortsspezifische Installation, variable Größen, Ausstellungsansicht Kunsthalle Düsseldorf, 2016/2017. ©Simon Vogel, Courtesy: der Künstler; Galerie Gisela Capitain, Cologne & Edouard Malingue Gallery, Hongkong, Shanghai

Aussstellungen und Adressen


Times Art Center Berlin: 28.9.–4.1., „Neither Black/ Red/ Yellow Nor Woman“, Brunnenstr. 9, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, Eintritt frei

Galerie XC.HuA: Bis 20.10., Tomas Vu: „Space Oddity 69/19/45“, Potsdamer Str. 81b, Tiergarten, Di–Sa 12–18 Uhr, Eintritt frei

Galerie Migrant Bird Space: Bis 18.10., Shi Zheng: „Embers“, Koeppenplatz 5, Mitte, Di–Sa 13–18 Uhr, Eintritt frei

Kulturforum: Bis 26.1., „Micro Era. Medienkunst aus China“, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa/So 11–18 Uhr, 8/ erm. 4 €, bis 18 J. frei

Galerie Neugerriemschneider: Bis 19.10., Ai Weiwei: „Roots“, Linienstr. 155, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, Eintritt frei

Gropius Bau: Bis 19.1., „Durch Mauern gehen“, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, Hausticket 15/ 10 €, bis 16 J. frei. Auf­tritte Samson Young: 10.11., 11 + 15 Uhr

Rückblick zu China in Berlin