Kunst

China ist so nah

Peking und Berlin tauschen rege Kunst aus – unter Extrembedingungen und zu einem hohen Preis

Li Hui trägt gern schlabberige T-Shirts mit Batikmuster, sein Haar lang, er lacht viel und macht eigentlich nicht den Eindruck, als baute er Käfige für Menschen. Dennoch hat der 1977 in Peking geborene Künstler für seine Ausstellung in Berlin-Mitte genau das errichtet: einen Käfig aus purem Laserlicht. „Ich möchte Gefühle erzeugen, die mit Sprache nicht ausgedrückt werden können“, sagt Li. In seinen Werken versucht der Installationskünstler Zustände wie Verwirrung und Angst zu addressieren, er zielt direkt auf die Gefühle seines Publikums. Tatsächlich bewegen sich Besucher vorsichtig durch den von grünen Laserstrahlen durchzogenen Raum, der retro-futuristische Erinnerungen an Filme wie „Tron“ und „Star Wars“ wachruft.
Seit Ende Juni summt Lis Laser-Käfig im Projektraum der Schering Stiftung und schreibt damit eine Geschichte von Gruppen- und Einzelausstellungen chinesischer Gegenwartskünstler in Berlin fort, die ihren prominenten Anfang wohl 1993 mit der Schau „China Avantgarde!“ nahm. Die Kuratoren Andreas Schmid, Jochen Noth und Hans van Dijk erarbeiteten damals für das Haus der Kulturen der Welt einen ersten Überblick zum das Kunstgeschehen im Reich der Mitte und in dessen  Diaspora. Die Ausstellung zeigte, obwohl auf dem Radarschirm der chinesischen Zensur, unabhängige chinesische Kunst, etwa von Fang Lijun, Huang YongPing und Yu Youhan. Das war zu dieser Zeit sensationell. Mittlerweile unternehmen viele ganz unterschiedlich motivierte Akteure Anstrengungen, Gegenwartskunst zwischen beiden Ländern auszutauschen: kommerziell orientierte, unabhängig operierende Galeristen etwa, Mitarbeiter großer Museen, aber auch des Konfuzius-Instituts, dem staatlich kontrollierten, offiziellen (und deshalb konservativen) Kultur- und Sprachlehrhaus aus China.

Informelle Wege
Seit 2006 bemühen sich Christoph Noe und Cordelia Steiner mit ihrer unabhängigen Agentur „Ministry of Art“ darum, junge zeitgenössische Künstler aus China mittels Büchern und Ausstellungen in Deutschland bekannter zu machen. Für jedes Projekt wie Li Huis „Cage“ müssen sie sich neu um die Finanzierung kümmern und neue Kooperationspartner suchen. „Wir möchten unsere Begeisterung für die chinesische Kunst mit den Leuten in Europa teilen, die die aktuellen Entwicklungen vielleicht nicht so intensiv verfolgen wie wir“, sagt Noe, der ursprünglich für den Siemens-Konzern nach China ging, jedoch bald in den Sog der Kunst geriet.  Steiner und Noe pendeln zwischen Hongkong, Peking und Berlin. Sie bewegen sich zwar auf ähnlichen Routen wie etabliertere Akteure, arbeiten dennoch anders: Weil das „Ministry of Art“ keinen festen Ort hat, funktioniert es eher wie ein virtuelles Vehikel für die umherschweifenden Produzenten.
Als wichtige Referenz nennt auch Noe „China Avantgarde!“. Seither ist das Wissen über Chinas Zeitgenossen jedoch gewachsen. „Heute würde keine Institution mehr eine Überblicksschau machen“, sagt Noe. „Besucher sind jetzt eher bereit, sich mit individuellen Positionen auseinanderzusetzen“. Was jedoch nicht heißt, dass der Informationsdurst über die neue Kunst aus dem Land der Mitte gestillt ist. Vor drei Jahren veröffentlichten Steiner und Noe mit „Young Chinese Artists“ ein Buch über 30 nach 1975 geborene chinesische Künstler. Jetzt sammeln sie bereits Material für eine neue Veröffentlichung.
Gerade Galeristen üben den Länder übergreifenden Spagat schon länger. Seit 1997 unterhält Alexander Ochs aus Berlin Ausstellungsräume in der chinesischen Hauptstadt. Seine Galerie gilt als Institution. „Unsere Arbeit funktioniert, weil wir in einer deutsch-chinesischen Kombination arbeiten“, sagt der Sinologe Ronald Kiwitt, der für Ochs die Pekinger Dependance im Galerien- und Künstlerdorf Caochandi am nordöstlichen Stadtrand leitet. „Deutsch-chinesische Kombination“ bedeutet, dass Kiwitt die Galerie zusammen mit der Chinesin Susan Si führt. Gemeinsam gelingt es ihnen besser, die kulturellen Differenzen auszubalancieren. „Es ist wichtig, den Markt für Kunst zwischen China und Deutschland weiter zu öffnen“, sagt Kiwitt. „Auch die junge chinesische Kunst muss ihre Chance bekommen, sich im Westen zu etablieren.“ Dafür nimmt die Galerie in Kauf, dass sämtliche Werke nur nach Prüfung durch die chinesische Kulturbehörde das Land verlassen.

Zwischen den Zeilen
Waling Boers betreibt seit 2006 mit seinem chinesischen Partner Pi Li eine Galerie in Peking. Der Niederländer, der vor seinem Wechsel nach Peking in Berlin den von den Niederlanden unterstützten Projektraum „Büro Friedrich“ leitete, zeigte in der deutschen Hauptstadt bereits Ende der 90er Jahre Arbeiten von heute viel beachteten Künstlern wie Cao Fei oder Yang Fudong. Im Moment herrsche eine gewisse Vorsicht, sagt der Galerist, wenn er nach der Situation der Künstler in Peking gefragt werde: „Man redet nicht immer Klartext.“ Trotzdem zieht Boers Parallelen zwischen beiden Hauptstädten. Ähnlich wie Berlin sei Peking mit seinen unzähligen Galerien, Theatern, Konzerthallen und Clubs eine Kulturstadt, in die immer wieder Künstler ziehen. Wie in Berlin kämen die Sammler eher von außerhalb und sogar die schwerfälligen, großen Institutionen würden sich ähneln: „Was für Berlin die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist, das ist hier die Verbotene Stadt.“
Die Gefahr, dass man beide Städte verwechselt, ist dennoch nicht gegeben. Das zeigt nicht zuletzt das Verschwinden des Pekinger Künstlers Ai Weiwei Anfang April,  der mittlerweile unter der Auflage, nicht zu reisen und keine Interviews zu geben,  wieder freigekommen ist. Ai wollte sich im April gerade ein Zweitatelier in Berlin einrichten. Während seiner Haftzeit wurde er hier zum Mitglied der Akademie der Künste und zum Gastprofessor an der Universität der Künste berufen. Die Leitung der Universität versucht nun zu klären, ob der Künstler dem Ruf in nächster Zeit tatsächlich folgen kann.

24.6.-24.7., 13.8-1.10.: Li Hui „Cage“, Schering Stiftung Berlin, Unter den Linden 32-34, Mitte, S+U Friedrichstraße, Mo-Sa 11-18 Uhr,
www.scheringstiftung.de

Bis 23.7.: Yin Xiuzhen. Galerie Alexander Ochs, Besselstr. 14, Kreuzberg, U Kochstraße, Mo-Sa 11-18, Do bis 20 Uhr,
www.alexanderochs-galleries.com

 

Kulturaustausch mit einer Diktatur
Das Konfuzius-Institut an der Freien Universität Berlin nahm im Frühjahr 2006 als erstes seiner Art in Deutschland die Arbeit auf. Weltweit gibt es mittlerweile über 350 solcher Einrichtungen, die sich um die Vermittlung der chinesischen Sprache und Kultur bemühen. Sie sind Teil der chinesischen Softpower-Strategie, mit Kulturarbeit das Image Chinas zu verbessern. Das Problem: Mit Veranstaltungen wie „Themenabend Kochbücher“ und Kalligrafie-Workshops („Das Tao der chinesischen Schrift“) fällt es schwer, ein inspiriertes Bild des modernen China zu vermitteln.
Unklar ist auch, was die Chinesen eigentlich von der großen Immendorff-Retrospektive („Wenn das Bild zum Berg kommt…“) hielten, mit der China und Deutschland 2002 in Peking und Shanghai das 30-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen feierten. 2008 folgte eine Gerhard Richter-Retrospektive im Pekinger National Art Museum of China. In diesem Frühjahr eröffnete die vom Auswärtigen Amt und einer Autofirma großzügig gesponserte Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ im Pekinger Nationalmuseum am Tian’anmen-Platz. Sie geriet zum Debakel, als der deutsche Sinologe und Schriftsteller Tilman Spengler Einreiseverbot erhielt und wenig später der chinesische Künstler Ai Weiwei verhaftet wurde. Es folgte eine hitzige Debatte über Ziele und Nutzen kultureller Austauschprojekte mit undemokratischen Ländern. Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die an der Ausstellung mitwirkte, erklärte nachträglich:  „Ich glaube nicht, dass solche gigantischen Großprojekte der richtige Weg sind.“
Kopf in den Sand nützt aber nichts: Schon für 2012 ist ein chinesisches Kulturjahr in Deutschland geplant. Gefeiert wird das 40-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen.    Kito Nedo