VOLKSBÜHNE

Chris Dercon präsentiert seine Spielzeitpläne

Gespannt erwartet: Der designierte Intendant der Volksbühne gibt Einblick in das, was uns in der ersten Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz erwartet – und nicht nur dort

Chris Dercon (ganz re.) und sein Team (v.l.n.r.): Elodie Evers und Mercedes Bunz (Digitale Bühne), Regisseurin Susanne Kennedy, Choreograf Boris Charmatz, Musikkurator Christian Morin und Programmdirektorin Marietta Piekenbrock – Foto: Friedhelm Teicke

Eine Spielplan-Konferenz zu der 150 Medienvertreter und Mitarbeiter anderer Theater anreisen – das zeigt, wie gespannt die Öffentlichkeit auf die endlich präsentierten Pläne des ab Sommer neuen Chefs der Berliner Volksbühne ist. Doch ins legendäre Theaterhaus am Rosa-Luxemburg-Platz darf Chris Dercon bis August immer noch nur ausnahmsweise, weshalb die heißerwartete Pressekonferenz im ehemaligen Restaurant des stillgelegten Flughafens Tempelhof stattfindet.

Doch das macht durchaus Sinn, schließlich wird das Flugvorfeld und der Hanger 5 ab der Spielzeit 2017/18 neuer temporärer Spielort der Volksbühne werden. Dercon, ausgestattet mit Mikroport, führt mit flämischem Akzent durch die PK, was ebenso wie sein graumelierter Schopf ein bisschen an Rudi Carell erinnert. Er wagt auch einen selbstironischen Scherz über seinem Akzent, der Dank des Schauspielers Benny Claessens (der am Gorki Theater spielt) und Alexander Scheer (der in Castorfs „Faust“ Dercon parodiert) in Berlin en vogue sei.

Versöhnen statt spalten

Dercon bittet nach den heftigsten Protesten, den wohl je ein angekündigter Intendantenwechsel in Berlin ausgelöst hat, bis hin zu einem bisweilen an Hysterie grenzenden Dauerbashings des Kulturmanagers in einigen Medien, nun endlich um eine faire Chance für den Neustart. Er gibt sich versöhnlich und verweist auf die Inhalte und das Programm, das nun endlich präsentiert wird.

Im Fotogewitter: Chris Dercon vor der Programmkonferenz im Flughafen Tempelhof – Foto: Friedhelm Teicke

Eröffnet wird die Spielzeit am 10. September in Tempelhof mit Tanz für alle: Der französische Choreograf Boris Charmatz präsentiert auf dem Flugvorfeld ein zehnstündiges Tanzprojekt für Profis und Laien. „Ganz Berlin“ darf mittanzen. Anschließend folgen mit „A Dancer’s Day“ (ab 14. September) und „Danse de nuit“ (ab 21. September) weitere Charmatz‘ Choreografien. In der Uraufführung von „Iphigenie” von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada (ab 30. September) werden syrische Flüchtlingsfrauen mitwirken, einige der Hangars dienen derzeit bekanntlich als Flüchtlingsunterkunft. Wie schon zuvor bekannt geworden war, hat der Architekt Francis Kéré für Tempelhof eine mobile amphitheaterähnliche Bühne entworfen, die bis zu 1.000 Menschen Platz bieten soll und mit der das ganze Theater aus dem Hangar temporär auf das Flugfeld gefahren werden kann.

Die Volksbühne in Tempelhof, am Platz der Luftbrücke mit dem Denkmal an die Frontstadt – ganz altes West-Berlin. Sichtlich vorbei ist es also mit dem richtungsweisenden „OST“, das gut zwei Jahrzehnte den Theaterbau am Rosa-Luxemburg-Platz bekrönte. Deshalb wird zukünftig als ebenso programmatische wie pragmatische Neuerung das 103 Jahre alte Theater unter „Volksbühne Berlin“ firmieren.

Digitale Bühne

Zum einen gilt es schließlich diverse Spielstätten zu vereinen. Dazu gehören neben dem Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz mit dem Roten und dem – zukünftig wieder unter Eigenregie geführten – Grünen Salon eben auch Tempelhof sowie das Kino Babylon und perspektivisch wieder der Prater in Prenzlauer Berg. Zum anderen ist die Verortung nicht mehr nur lokal sondern global: Zusätzlich wird es nämlich auch eine digitale Bühne geben. In „Volksbühne Fullscreen“ soll das Internet zur Bühne für Darstellende Kunst und neue Erzählformen werden, die von der Kunstkuratorin Elodie Evers unter Mithilfe von der Netz-Journalistin (und übrigens ehemaligen ZITTY-Chefredakteurin) Mercedes Bunz betrieben werden wird. Wie losgelöst eine solche virtuelle Bühne von physischer Präsenz ist, zeigt sich auch daran, dass die inzwischen in England lebende Bunz dafür gar nicht zurück nach Berlin ziehen muss.

In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz selbst beginnt die Spielzeit erst am 10. November. Da die bisherigen Volksbühne-Regisseure Pollesch, Marthaler, Fritsch und Castorf Dercons Bitte abschlugen, einige ihrer Inszenierungen auch unter neuer Intendanz weiter im Spielplan halten zu dürfen, muss Dercon erst mal ein Repertoire aufbauen. Gezeigt werden zum Auftakt Einakter von Samuel Beckett, inszeniert von Becketts ehemaligem Mitarbeiter Walter Asmus, zusammen mit Arbeiten des Performancekünstlers Tino Sehgal, bei denen das gesamte Haus bespielt wird. Es folgen Premieren der Hausregisseurinnen Susanne Kennedy und Mette Ingvardsen. An den großen Theaterkünstler Einar Schleef und den Fotografen Michael Schmidt, beide längst verstorben, erinnert ein Projekt, bei dem Schleef-Texte und Schmidt-Fotos an die Fassade des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz projiziert werden.

„Nach der Ära Castorf wendet sich die Volksbühne Berlin bewusst der Essenz und den Fundamenten des Theaters zu“ –  heißt es auf der Spielplankonferenz und steht es im „roten Buch“, dem neuen Halbjahres-Programm der ersten Spielzeit 17/18. In leicht geschwollenem Kuratorensprech wird vom „charismatischen Nullpunkt“ gesprochen, vom „Repertoire der Moderne“, deren Pflege man sich widmen wolle. All das muss nicht unbedingt Sprechtheater heißen.

Und die Schauspieler?

Sehr viel Tanz und Performance, viel Digitales, wenig Sprechtheater. Gibt es denn überhaupt noch Schauspieler und ein Ensemble?, fragt beunruhigt eine Kollegin. Gibt es, beruhigt Dercon, es gebe sogar 250 Schauspieler, jeder Regisseur darf frei seine Lieblingsbesetzung zusammenstellen. Mit Silvia Rieger und Sophie Rois bleiben zwei aus dem alten Castorf-Ensemble am Haus, Rois nimmt allerdings erst mal ein Jahr Auszeit. Ein festes Ensemble wird langsam aufgebaut.

Irgendwo zwischen Repertoiretheater und Produktionshaus (allerdings mehr Produktionshaus, was noch zu einem Politikum werden könnte) pendelt sich die neue Volksbühne wohl ein, in vielem heißen die Berliner Mitbewerber zukünftig eher Berliner Festspiele und HAU als DT oder BE. Wie sich das ausgeht, wird sich bald zeigen. Dercon bat um eine „Chance“. Geben wir sie ihm.  Friedhelm Teicke

www.volksbuehne1718.berlin (bis August, danach:) www.volksbuehne-berlin.de

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