Manifesta

Christian Jankowski ist zurück

Mit seiner neuen Ausstellung im Haus am Lützowplatz bleibt der Konzeptkünstler Christian Janowski dem Manifesta-Kurator Christian Jankowski treu. Ein Resümme der Europa-Biennale

Bilder

Soeben hat Christian Jankowski im Haus am Lützowplatz „Die Legende des Künstlers und andere Baustellen“ aufgebaut, seine erste eigene Ausstellung an seinem Wohnort Berlin, seit er im Juni als Kurator der 11. Manifesta die europäische Wanderbiennale in Zürich eröffnete. Auf den ersten Blick scheint seine Berliner Schau eine humorvolle Dekonstruktion des Mythos’ vom männlichen Künstler zu sei, am Beispiel eines Malers, dessen Leben und Werk Legende sind, und der in Berlin, wo er lange wohnte, erst 2013 posthum eine Retrospektive in einem der Häuser der Nationalgalerie erhielt: am Beispiel Martin Kippenbergers, der 1997 in Wien starb.

Doch auf den zweiten Blick zeigt sich, dass die „Baustellen“-Schau des nichts weniger ist, als eine Veranschaulichung der These, die Jankowski mit der 11. Manifesta in Zürich sehr sorgfältig erörtert hat. Am Sonntag endet die Großausstellung, die trotz vieler verhaltener Kritiken bald eine wichtige Wegmarke werden dürfte: Sie bringt den allmählichen und diffizilen Veränderungen im Bild vom Künstler einmal auf einen Punkt.

So war Zürich

Gemeinsam mit der Kuratorin Francesca Gavin stellte Jankowski in mehreren Häusern eine Schau mit exemplarischen Arbeiten zu Kunst, Arbeit und Öffentlichkeit zusammen. Vor allem aber koordinierte er Dutzende von Vorhaben, in denen Künstler mit anderen Berufstätigen ein gemeinsames Projekt verwirklichten – mit Zahnärzten, Hotelbesitzern, Bootsrestauratoren, Uhrmachern, Köchen, Polizisten. Mit Feuerwehrmänner, Gastronomen, Mitarbeitern des Züricher Klärwerks und des Bestattungsamtes, mit PR-Menschen, Bankern, Prostituieren und Sicherheitsleuten. Da hätte Vieles scheitern können, schon allein in der Kommunikation zwischen Künstlern und Beamten, zwischen Kulturbetrieb und Politikern. Doch bis auf die Halle mit den stinkenden Schlammpacken aus Züricher Aborten war vor der Eröffnung alles fertig. Es hat also geklappt. Was zu beweisen war.

Denn der Beruf des Künstlers steht noch immer als Synonym für das Spontane, Chaotische, Geniale, Verrückte. Allerdings nur so lang, so ein Fazit dieser Manifest, wie andere Mitglieder der Gesellschaften und wie sich Künstler selbst diese Attribute zuschreiben. In Zürich jedoch arbeiteten Künstler konstruktiv mit Nichtkünstlern zusammen. Kompromisse waren auf beiden Seiten nötig, aber Abstriche an der eigenen Arbeit und deren Ethos mussten die Parteien nicht machen. Im Gegenteil. Gerade im Kontrast zueinander traten Arbeitsmethoden und Selbstverständlichkeit der einzelnen Berufet umso deutlich hervor.

Jorinde Voigt und die Bootstaufe

Exemplarisch dafür steht die Kooperation zwischen Jorinde Voigt und dem Züricher Bootsrestaurator Melchior Bürgin. Bei der Taufe eines Boots vor Voigts Zeichnungen im Haus Löwenbräukunst erläuterte die Berliner Künstlerin voller Respekt, wie Bürgin das 90 Jahre alte Rennruderboot aus Holz mit den integrierten Stoffschuhen restauriert hatte. Und nicht weniger respektvoll erklärte Bürgin, wie Voigt die Energien und Widerstände, die beim Rudern zu Wasser und in der Luft wirken, in großformatige, farbig-filigrane Zeichnungen umgesetzt hatte.

Niemand, so könnte das zweite Fazit der 11. Manifesta lauten, muss den Clown spielen, den „Meese geben“, nur weil er Künstler ist. Niemand muss jung sterben wie Kippenberger, damit das Werk in den Kanon eingeht. Er und sie dürfen sich wie vernünftige Bürger verhalten, und sie müssen ihre Berufswahl weder mit Einsamkeit , Gesundheit oder gar dem frühen Tod bezahlen. Das ist ein wichtiger Schritt in der Emanzipation der Künstlern von den Zerrbildern vom (meist männlichen) Künstler, das die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und die ideologisch versierten Avantgarden des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben.

Und nebenbei hatten all diese Koproduktionen in Arztpraxen, Ämtern, Polizeiwachen, in Hotels, Restaurants, Keller, Kirchen und Wäschegeschäften noch einen ganz anderen Effekt. Besucher der Manifesta durften sich willkommen fühlen am Zürich See. Sie konnten hinter die Kulissen einer der teuersten Städte Europas blicken – Mythen und Kult sind Christian Jankowskis Sache nicht. Gerade das machte den Zauber dieser Manifesta aus.

 

Berlin

Bis 20.11.: Haus am Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei

13.10., 19 Uhr: Künstlergespräch

 Zürich

Abschlussgespräch: Sonnabend, 17 Uhr, Manifesta-Pavillon auf dem Zürich See

Mailand

Five / Fifty / Five Hundred: 22.9. – 28.10., Lisson Gallery

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