Konzeptkunst

Christian Jankwoski zerlegt einen Mythos

Soeben hat er die 11. Manifesta kuratiert. Jetzt ist Christian Jankowski wieder ganz Künstler und zeigt seine Arbeiten über den Maler Martin Kippenberger

Wenn ein Künstler in einer der teuersten Städte Europas eine große Ausstellung zum Thema Arbeit inszeniert und wenn dabei Künstler mit Vertretern anderer Berufe kooperieren, dann dürfte das für sein eigenes Werk nicht ohne Folgen bleiben. Sollte man meinen. Christian Jankowski hat die 11. Europa-Biennale kuratiert, die „Manifesta“ in Zürich, die am 18. September endete, und zeigt nun im Berliner Haus am Lützowplatz neue eigene ­Arbeiten, unter dem Titel „Die Legende des Künstlers und andere Baustellen“.
Christian Jankowski vor seinem Kulissenbild mit dem Kölner Hotelzimmer, in dem Martin Kipenberger wohnte. Foto: Lena Ganssmann
Christian Jankowski vor seinem Kulissenbild mit dem Kölner Hotelzimmer, in dem Martin Kippenberger wohnte. Foto: Lena Ganssmann

Doch auf den ersten Blick haben die zwei Tätigkeiten nicht viel miteinander zu tun. Am Lützowplatz zerlegt Jankowski den ­Mythos vom männlichen Künstler – am Beispiel eines Malers, dessen Leben Legende ist, der auch in Berlin wohnte und hier 2013 posthum eine Retrospektive im Hamburger Bahnhof erhielt, am Beispiel von Martin Kippenberger (1953–1997).

In der Paris Bar

Die selbstgestellte Aufgabe bewältigt Jankowski mit Nonchalance. Riesige Leinwände – jene Kulissen, die er für Angela Richters Schauspiel „Kippenberger!“ 2013 in Köln fertigte – zeigen Lebensstationen des ­Malers: sein Kölner Hotelzimmer (Foto) etwa, die Insel Syros, Walther Königs Buchhandlung, die Paris Bar in Berlin.
Was Jankowski selbst geschaffen hat, kann als Hommage durchgehen. Die bissige Analyse des Kippenberger-Mythos dagegen hat er delegiert, an Fernsehmacher aus Singapur. In einem Film erläutert ein seriöser Moderator Schritt für Schritt, welche biografischen Momente und beruflichen Inszenierungen Leben und Werk eines westlichen Künstlers zur Legende machen. Zwischen die Abschnitte hat ­Jankowski Episoden geschnitten, die er mit Schauspielern in Berlin drehte: karikierende Szenen, in denen die Figur Kippenberger als Protegé auftaucht, als Everybody’s Darling und Party­tyrann, als einsam Betrunkener, pleite. Gerahmt hat Jankowski das alles mit Porträts von Vincent van Gogh, die Kopisten in seinem Auftrag malten – nach Vor­lagen aus dem Netz.

Erfolg in Zürich

Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass die „Baustellen“-Schau nichts weniger ist, als eine kurzweilige Veranschaulichung  einer These der Züricher „Manifesta“, die nach Veranstalterangaben rund 200.000 Besuche zählte. Der Beruf des Künstlers, so lässt sie sich umreißen,  steht nur dann für das Verrückte, Verschrobene, Geniale, Antibürgerliche, wenn Künstler sich diese Attribute zulegen und andere Mitglieder der Gesellschaft diese bestätigen. Denn in Zürich kooperierten  Künstler aufs Schönste mit anderen Berufstätigen wie Zahnärzten, Hotel­besitzern, Bootsrestauratoren, Uhrmachern, Köchen, sogar mit Polizis­ten und Beamten. Es müssen gelungene Gespräche und gemeinsame Arbeitsstunden gewesen sein.
Exemplarisch dafür stehen ein hölzernes Rennboot aus Zürich und die Zeichnungen von Jorinde Voigt.

Bei der Taufe des Boots im Haus Löwenbräukunst erläuterte Voigt voller Respekt, wie der Bootsbauer Melchior Bürgin das 90 Jahre alte Rennruderboot restauriert hatte. Und ebenso verständig erklärte dieser, wie Voigt die Energien, die beim Rudern auf dem Wasser wirken, in großen, farbig-filigranen Zeichnungen reflektiert. Niemand, so das ­Fazit aus Zürich und Berlin gleichermaßen, muss den Ikaros geben, einen ­Mythos spielen, nur weil er und sie es als Künstler oder Künstlerin zu etwas bringen will.

Bis 20.11.: Haus am Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, Eintritt frei
13.10., 19 Uhr: Künstlergespräch

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