PORTRÄT

Hölzernes O für Berlin

Seit Jahrzehnten verfolgt Christian Leonard hartnäckig seinen Lebenstraum: Shakespeares Globe Theatre in Berlin zu errichten. Nun ist er kurz vorm Ziel. Mit einer „Prolog-Saison“ wird auf der Mierendorff-Insel auf den Rundbau eingestimmt

Der alte Schwäbisch-Haller-Globe-Bau steht bald in Berlin – Foto: Ingo Woesner

Text: Friedhelm Teicke

Noch vor kurzem war das Gelände an der Charlottenburger Sömmeringstraße ein schnöder Parkplatz. Jetzt ist hier ein Amphitheater aufgebaut, Vorbote eines ganz besonderen Baus, der im Herbst entstehen soll. Denn die Freilichtbühne mit knallroten Sitzschalen ist nur ein Provisorium, ein Platzhalter für das neue Theater, das hier unweit der Spree auf der Mierendorff-Insel errichtet werden wird: ein hölzernes Rund-Theater wie zu Shakespeares Zeiten – das Globe Berlin.

Das Vorbild in London ist weltberühmt. Das Globe Theatre wurde 1599 von der Schauspieltruppe The Lord Chamberlain’s Men erbaut, der auch William Shakespeare angehörte. In dem Rundbau an der Themse, dem „wooden O“, wurden seitdem all seine Stücke uraufgeführt. Das heutige Globe ist eine Rekonstruktion des im 17. Jahrhundert durch ein Feuer zerstörten Originalbaus, aber mehr oder weniger originalgetreue Nachbauten gibt es längst auch anderswo in der Welt zwischen Rom und Tokio. Und demnächst also auch eines in Berlin.

Zu verdanken ist das der Hartnäckigkeit eines Mannes. Unermüdlich und von diversen Fehlschlägen unbeeindruckt verfolgt der Schauspieler, Regisseur und Shakes­peare-Übersetzer Christian Leonard seit Jahrzehnten seinen Lebenstraum. Als er 1999 die Berliner Shakespeare Company gründet, verkündet er bereits seine Vision, ein Globe Theater zu bauen. „Das wurde damals überall geschrieben: Berlin bekommt ein Globe“, erinnert sich Leonard. Doch es sollte noch lange dauern, 20 Jahre.

Ohne Spielstätte tingelt die ­Shakespeare Company zunächst nomadisierend über Berliner Plätze, spielt in Kirchenruinen, bis sie im Shake! Theaterzelt am Ostbahnhof ihr erstes Domizil erhält. 2004 gibt es mit Hilfe von Klaus Wowereit tatsächlich die Option, ein Globe an der East Side Gallery zu verwirklichen, es gibt architektonische Entwürfe und es kommt sogar zu einem symbolischen Spatenstich. Doch dann wird wegen fehlender Sponsoren nichts daraus.

Doch Leonard gibt nicht auf. Und steckt viel eigenes Geld in seine Vision. „Ich hab dann in Babelsberg die Filmkulisse des Globe-Nachbaus aus Roland Emmerichs Shakespeare-Film ,Anonymus‘ erwerben können, daraus haben wir unsere Freilichtbühne im Natur-Park Schöneberger Südgelände gebaut“, erzählt er. Doch es ist nur ein schwacher Ersatz für ein echtes Globe.

Als Leonard hört, dass Schwäbisch Hall sein Globe Theater aus Holz für einen Neubau abreißen wird, kauft er kurzerhand das Gebäude für einen symbolischen Euro. Doch der fachmännische Abbau und das Einlagern ist teuer: „Ich habe mir eine sechsstellige Summe geliehen, um es zerlegen zu lassen, nach Berlin zu schaffen und einzulagern. Und bin dann völlig verschuldet auf die Suche nach einem Standort gegangen. Ich habe schließlich Ende 2017 alle Kulturpolitiker der Innenstadtbezirke angeschrieben – nur Charlottenburg hat reagiert.“

Theater-Unternehmer und Shakespeare-­Fan: Christian Leonard – Foto: Elitza Nanova / nanova-photography.com

Immer wieder Shakespeare. Schon als 15-jähriger Schüler spielt Leonard in „Richard III.“, später am Max-Reinhardt-Semi­nar in Wien, wo der 1962 in Frankfurt am Main geborene Schauspielstudent mit Maria Schrader und Sophie Rois studiert und das freie „Beinhardt-Ensemble“ mitgründet, „dort wurde natürlich auch Shakes­peare gespielt. Aber als ich 1998 das erste Mal zum Shakespeare-Festival nach Neuss gefahren bin, hat mich die besondere Wirkung eines Globebaus geradezu umgehauen.“ In so einem Bau will er Theater machen.

Eigentlich wollte Leonard seinen hölzernen Nachbau des Londoner Globe Thea­tres bereits im vergangenen Jahr eröffnen. Nun wird es sogar erst nächstes Jahr eröffnet werden können, nachdem für den Standort auf der Mierendorff-Insel alle nötigen Genehmigungen endlich beisammen und die Verhandlungen über die Höhe der Erbpacht abgeschlossen sind. Die beantragten Lottomittel für den Bau sind längst genehmigt. Sonst aber muss sich der Spielbetrieb allein finanzieren. Das Globe erhält keine Subventionen. „Nichts geht ohne Risiko, aber ohne Risiko geht auch nichts“, sagt Leonard.

Obgleich das Rund-Theater, das auf drei Ebenen Platz für rund 600 Zuschauer bieten wird, also noch nicht steht, startet der Spielbetrieb dort als „Prolog-Saison“ bereits jetzt. Für das Globe hat Leonard ein eigenes Ensemble gecastet, das Globe-Ensemble, seine alte Shakespeare Company macht ohne ihn auf dem Südgelände weiter.

Der Beginn der unter dem Motto „Utopie & Illusion“ stehenden Prolog-Spielzeit kann natürlich nur ein Shakespeare sein: „Romeo & Julia“ in der Regie von Christian Leonard, von dem auch die Übersetzung stammt. Im englischen Original wird aber auch gespielt, am 4. Juli kommt die englische Version zur Premiere. Am 19. Juni hat der Brecht-Abend „Über die Verführung von Engeln“ seine erste Aufführung, Regie: Jens Schmidl, und am 24. Juli zeigt das provisorische Open-Air-Theater mit der Premiere von Oliver Bukowskis Underdog-Stück „Nach dem Kuss“, Regie: Anselm Lipgens, dass auch in zeitgenössischen Dramen die drastische Volkstheaterraffinesse Shake­speares stecken kann.

„Wir sind ein global ausgerichtetes Kieztheater“, erklärt Leonard sein Selbstverständnis, „weil wir in bestimmten Projekten mit Einrichtungen der Nachbarschaft zusammenarbeiten, aber auch Kooperationen mit Partnerstädten Berlins anstreben. Wir arbeiten bereits mit dem British Council und es gibt in dieser Spielzeit eine dänische Kooperation: Wir haben die preisgekrönte ,Romeo & Juliet‘-Inszenierung des Kopenhagener Theaters Asterions Hus eingeladen. So wird es jedes Jahr eine internationale Zusammenarbeit geben. Und dann eines Tages auch ein Festival.“

Ergänzt wird der Spielplan um Chanson-, Klassik- und Weltmusik-Konzerte sowie Gastspiele befreundeter Theater aus aller Welt – alles unter freiem Himmel und womöglich gerade bei „Romeo & Julia“ mit passendem Vogelgezwitscher aus den Bäumen des Österreichparks nebenan, sei es die Nachtigall oder die Lerche.

Bis 14.9., Di–Sa 19.30 Uhr, So 18 Uhr, Globe Berlin | Prolog-Bühne, Sömmeringstr. 15, Charlottenburg, www.globe.berlin