»Nacktheit ist wie ein Kostüm«

Christoph Gawenda

Drag Queens, schwule Liebhaber und Kindsmörder: Christoph Gawenda, Ensemblemitglied der Schaubühne, liebt Verkleidungen und hat keine Angst vor Blöße. Jetzt nimmt er sich Nietzsche vor

Christoph Gawenda wollte sich mutig auf den freien Markt werfen. Fünf Jahre feste Ensemblemitgliedschaft am Staatstheater Stuttgart hatten den Schauspieler neugierig gemacht auf Freiheit, auf Neues, auf Berlin. Auch wenn die Stuttgarter Jahre, die sich direkt an seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover anschlossen, erfüllende waren und der Schauspieler die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Hasko Weber, Volker Lösch und Michael Thalheimer nicht missen möchte – Gawenda hatte den festen Vorsatz, in die Hauptstadt zu ziehen, bereits gefasst und zwar fern der Zwänge eines festen Engagements. Dann kam der Anruf von der Schaubühne.

„Da sagt man nicht nein“, erzählt der 1979 geborene Rheinländer heute, gut eineinhalb Spielzeiten später, bei gediegenem Essen und reichlich fließendem Wein in einem Kreuzberger Restaurant. Er hatte es als Treffpunkt für unser Gespräch vorgeschlagen, weil er die schwäbischen Betreiber aus Stuttgart kennt. Für die Schaubühne empfohlen hatte ihn die Hausregisseurin Friederike Heller, mit der er schon in Stuttgart gearbeitet hat. Sie lud ihn ein, auf dem „F.I.N.D.“-Festival in einer Lesung mitzuwirken. Dort sah ihn Schaubühne-Chef Thomas Ostermeier.

Am legendären Haus am Lehniner Platz ist Gawenda mittlerweile in verschiedensten Rollen zu sehen: Bedrohlich und bemitleidenswert zugleich als Knecht und Kindsmörder Nikita in Michael Thalheimers Tolstoj-Inszenierung „Macht der Finsternis“, dezent als Künstler Braun in Gerhard Hauptmanns „Einsame Menschen“ (inszeniert von Friederike Heller) und, in seiner wohl fulminantesten Rolle, als Antigone in Hellers grandioser Umsetzung des gleichnamigen Sophokles-Klassikers. Hier gibt er die tragische Dame hingebungsvoll mit Verve, Charme und Eleganz als Drag Queen, eine überwältigende, orgiastische Darbietung.

Mit Theater hatte der Schauspieler mit den rotbraunen Haaren und stahlblauen Augen früher von Haus aus wenig am Hut, die Eltern sind Rechtspfleger, Gawenda spielte lange Fußball in der Niederrheinliga. Nach dem Abi hatte er vor, „irgendwas zu studieren, vielleicht Philosophie“. Während des Zivildienstes kam ihm dann Entscheidendes dazwischen. In einer kirchlichen Laienaufführung von Molières „Tartuffe“ sollte er gleich zwei Rollen übernehmen. Seine Heimatstadt Neuss ist eine Hochburg für Schützenfeste und Karnevalsclubs. Und das Verkleiden ist seine Leidenschaft geblieben, nicht nur im Beruf, auch privat: Lachend präsentiert er ein Foto auf seinem Smartphone, dass ihn auf einem Fest mit üppigem Schnurrbart als Friedrich Nietzsche zeigt.

Dem Philosophen wird er sich nun in Patrick Wengenroths Inszenierung „Also sprach Zarathustra“, die am 16. Januar Premiere hat, auch inhaltlich nähern. Die Proben zu dieser „Übermenschen-Revue“ frei nach Nietzsches wohl berühmtestem Werk empfindet Gawenda als „sehr angenehm“: „Es ist in erster Linie ein Zusammentreffen von Menschen, die sich mit diesem wunderbaren Philosophen auseinandersetzen wollen.“ An Wengenroths Arbeiten gefällt ihm die „Ironie gepaart mit Kopfarbeit“.

Zuletzt war er in Ivo van Hoves Marlowe-Inszenierung „Edward II.“ zu sehen, ein umstrittener Abend,  an dem Christoph Gawenda mit seiner großartigen Darstellung von Edwards zierlichem Lover Gaveston für einen Höhepunkt sorgte.

Dass er sich in „Edward II.“ nackt und gedemütigt auf der Bühne zeigen muss, stellt für ihn kein Problem dar: „Die körperliche Nacktheit ist wie ein Kostüm, schwieriger ist es, sich innerlich nackt zu machen.“ Auch das Küssen eines Mannes fällt ihm nicht schwer. Im Gegenteil: „Stefan Stern, der Darsteller des Edward, kann sehr gut küssen“, findet er. „Den Zungenkuss machen wir aber erst seit der Premiere.“

Weitere Informationen: „Also sprach Zarathustra“, Premiere am 16.1., 20 Uhr, 17.+18.1., 20.30 Uhr, Schaubühne. Regie: Patrick Wengenroth; mit Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Matze Kloppe. Eintritt 7-37 Euro